Einleitung

Vor der Abreise

Als Jugendlicher hatte ich eine Zeit lang die Angewohnheit, aus Büchern, die ich las, besonders schöne Passagen abzuschreiben und in meinem Zimmer an die Wand zu pinnen. Dort hängen sie heute noch, im Haus meiner Eltern, obwohl das Zimmer schon lange nicht mehr meines ist und der Vergilbungszustand des Papiers zeigt, dass meine Jugend nun auch schon einige Jahre zurück liegt. Einer dieser Texte stammt aus Milan Kunderas „Die Unsterblichkeit“, ein Buch, an das ich heute ansonsten keine Erinnerung mehr habe. Der Ausschnitt aber, der mich damals schon derart ansprach, dass ich ihn für mich konservieren wollte, passt so gut zu meinem im Folgenden geschilderten Vorhaben, dass ich ihn sozusagen als Motto hier voranstellen will:

„Der Weg: ein Streifen Erde, den man zu Fuß begeht. Die Straße unterscheidet sich vom Weg nicht nur dadurch, daß man sie mit dem Auto befährt, sondern auch dadurch, daß sie nur eine Linie ist, die zwei Punkte miteinander verbindet. Die Straße an sich hat keinen Sinn; einen Sinn bekommt sie nur durch die beiden Punkte, die miteinander verbunden werden. Der Weg ist ein Lob des Raumes. Jedes Teilstück hat einen Sinn für sich und lädt zum Verweilen ein. Die Straße ist die triumphale Entwertung des Raumes, der dank ihr heute nur noch Hindernis für die Fortbewegung, nur noch Zeitverlust ist. (…) In der Welt der Straßen bedeutet eine schöne Landschaft: eine Insel der Schönheit, die durch eine lange Linie mit anderen Inseln der Schönheit verbunden ist. In der Welt der Wege ist die Schönheit dauerhaft und veränderlich; sie sagt uns bei jedem Schritt: ‚Verweile!'“ (aus: „Die Unsterblichkeit“, 1990)

Meine Reise führt einmal quer durch Deutschland, von Süd nach Nord, und zwar zu Fuß. Ich will das Land, in dem ich lebe, besser kennenlernen. Wenn man bedenkt, wie viele Flecken der Erde man besser kennt als die Gegend, die man gemeinhin mit dem Schlagwort „Heimat“ bezeichnet, ist das doch recht befremdlich. Es gibt Orte in anderen Ländern – ja, auf anderen Kontinenten –, die mir gefühlt wesentlich näher liegen als Regionen, die nur wenige Kilometer von meinem Geburts- oder jetzigen Wohnort entfernt liegen. Von weiter entfernten Gegenden innerhalb Deutschlands ganz zu schweigen. Dies soll sich nun ändern, und wie könnte das besser geschehen als aus der von Kundera beschriebenen Perspektive der Wege?

Kunderas Ausführungen treffen einen Teil meiner Motivation ziemlich genau. Weniger poetisch könnte man auch einfach sagen: „Der Weg ist das Ziel.“ Dieses Motto ist im Vergleich zwar banal und noch dazu ziemlich abgedroschen, aber um nichts weniger wahr. Es geht mir in erster Linie nicht darum, möglichst schnell, in einer bestimmten, vorgegebenen Zeit, an einen Zielort zu gelangen. Es geht darum, alles um mich herum: meine Umwelt, die Natur, das Leben, die Geschichten entlang des Weges, bewusst wahr- und in mich aufzunehmen. Manche haben mich gefragt, warum ich nicht mit dem Fahrrad fahre; aber abgesehen davon, dass ich als Linkshänder mit zwei rechten Händen nicht auf ein Vehikel angewiesen sein will, dessen Funktionsweise ich nicht vollständig verstehe und dem ich deshalb mit all seinen Tücken ausgeliefert wäre, wäre der Weg hierbei schon wieder zu sehr „Straße“ in Kunderas Sinn.

Ein zweites, nicht minder abgedroschenes Motto meiner Wanderung könnte lauten: „Zurück zu den Wurzeln.“ In noch nicht allzu fernen Zeiten, vor der Erfindung moderner Fortbewegungsmittel, war es für den Menschen Normalität und er war darauf angewiesen, längere und lange Strecken zu Fuß zurückzulegen. Natürlich bewegte man sich auch mit Pferd und Kutsche fort, aber die Beine waren doch eines der wichtigsten Transportmittel. Heute ist dies völlig verlorengegangen. Zu Fuß geht man höchstens noch zum Zeitvertreib und dann eben meist nicht von A nach B, sondern an sonnigen Sonntagnachmittagen von A nach B, dann höchstens noch nach C, am Ende aber in jedem Fall wieder zurück nach A, weil dort das Auto steht.

Die Motivation meiner Wanderung aus einer Rückbesinnung auf das Gehen als traditionelle Fortbewegungsart zu beziehen ist natürlich heillos romantisch. Und wenn man auf Schritt und Tritt das Gegenteil gezeigt bekommt: an Straßen, Bahnhöfen, ja, in jeglicher menschlichen Ansiedlung, scheint sie doch sehr weit hergeholt. Wenn man aber, wie mehrmals geschehen, an einem klaren Tag durch ein weitgestrecktes Waldgebiet stapft, in dem nur das Rascheln der Bäume im Wind und das Gezwitscher der Vögel zu hören ist (und man das Glück hat, dass nicht eben in diesem Moment ein Flugzeug diese Geräuschkulisse stört), und man sich bewusst wird, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit der einzige Mensch in einem weiten Umkreis ist, meint man irgendwie doch, eine Ahnung von diesen vergangenen Zeiten zu bekommen. Auch in anderen Situationen, wenn man etwa während eines aufziehenden Gewitters einen rettenden Kirchturm am Horizont auftauchen sieht, drängt sich einem dieses Gefühl deutlich auf.

Gut, meine Wanderung ist natürlich ebenfalls Zeitvertreib – und noch dazu nicht einmal ein allzu origineller. Eine Art des alternativen Urlaubs, der ja in letzter Zeit in Mode zu kommen scheint: man denke nur an die bevölkerten Pilgerwege oder die Alpenüberquerungsstrecke zwischen München und Venedig, für die in den Buchhandlungen diverse Reiseführer feilgeboten werden. Sie fügt sich damit ein in einen Trend, der sich so schön „Entschleunigung“ nennt, die zumindest zeitweise Abkehr von unserem hektischen Alltag, der uns immer mehr überfordert. Natürlich, hierzu ist sicher auch meine Wanderung zu zählen und in der Tat ist es ein unglaublicher Genuss, sich von den Zwängen des Alltags zu lösen und – wie es in dem berühmten Bestseller hieß – einfach „mal weg“ zu sein. Was mir aber von Anfang an wichtig war: ich wollte mich zumindest in der Wahl der Wege nicht diesen Entschleunigungswilligen anschließen, die sich auf dem Weg nach Santiago mittlerweile auch schon auf die Zehen steigen müssen. Ich fand von Anfang an den Gedanken besonders anregend, aus der Haustüre und einfach „los“ zu gehen, dabei durch Gebiete zu kommen, die man ansonsten eben nicht sehen würde, die man höchstens auf der Straße von A nach B als konturloses Hintergrundbild durch das Autofenster vorbeiziehen sehen würde. Gerade das Unspektakuläre, Alltägliche war es, was mich anzog.

Begonnen hat alles mit einer Deutschlandkarte und einem Lineal. Der Wunsch, sich gerade nicht von „Inseln der Schönheit“ lenken zu lassen, sondern dem Zufall den Vorrang zu geben und sich auf die „Schönheit der Wege“ zu konzentrieren, brachte mich auf den Gedanken, mir einen Ort A und einen Ort B zu suchen, und diese beiden durch eine Linie zu verbinden, an der ich dann entlang zu gehen hätte. So kniete ich also eines Abends in meinem Wohnzimmer auf dem Boden, eine Landkarte vor mir ausgebreitet, und grübelte über eine mögliche Strecke. Mein ursprünglicher Gedanke war, von München nach Hamburg zu gehen. Hamburg als möglicher Zielort kam mir ziemlich schnell in den Kopf, da der Ort weit weg im Norden liegt und ich vor allem diese Stadt liebe und immer „eine Reise wert“ finde. München als Ausgangsort bot sich an, da ich immerhin hier wohne. Mithilfe des Lineals stellte ich allerdings fest, dass ich in diesem Falle wochenlang an der Autobahn A9 entlang zu spazieren hätte. Eine Tatsache, die mir wenig verlockend erschien.

Ich suchte also nach einem anderen Winkel, der mich nach Hamburg führen würde, schob das Lineal hin und her und dachte über einen Startpunkt nach, der eine wie auch immer geartete Symbolik hätte. So stieß ich schließlich auf meine kleine, weithin unbekannte Heimatstadt Simbach am Inn, die passenderweise auch noch direkt an der österreichischen Grenze liegt. Damit war gleichzeitig der Gedanke einer Reise „zu Fuß durch Deutschland“ geboren. Ich legte das Lineal an, zog einen Bleistiftstrich zwischen Simbach und Hamburg, verlängerte ihn weiter, bis er an die Markierung der deutsch-dänischen Grenze stieß und akzeptierte diese Linie gleichsam als mein „Schicksal“. Was auch immer an ihr lag, ich würde es mir erwandern. Ein Pakt mit mir selbst, der mich sofort in Hochstimmung versetzte und eine ungeheure Spannung auslöste. Am liebsten wäre ich auf der Stelle aufgebrochen.

Die Ideallinie meiner Deutschlandwanderung

Die Ideallinie meiner Deutschlandwanderung

Zunächst musste ich mich aber noch mit der theoretischen Durchwanderung Deutschlands auf der Karte begnügen, bevor es einige Wochen später losgehen sollte. Der Bleistiftstrich zeigte mir, dass die Strecke relativ weit östlich verlaufen würde: bei Bogen würde ich die Donau überqueren, dann durch den Bayerischen und den Oberpfälzer Wald hart an der tschechischen Grenze vorbeiwandern und durch das Fichtelgebirge nach Hof gelangen. Ein Stück weiter läge Jena direkt auf meiner Route. Durch den Harz, an Halberstadt und Wolfsburg vorbei durch die Lüneburger Heide würde ich schließlich in Hamburg ankommen, wo ich mir als fixen Zielpunkt den Michel ausgemacht hatte. Weiter durch das platte Schleswig-Holstein würde ich knapp westlich an Rendsburg und Schleswig vorbeiwandern und schließlich mehr oder weniger im Niemandsland die dänische Grenze erreichen. Insgesamt sind dies fast 800 Kilometer Luftlinie. Durch Abweichungen von der Ideallinie müssen aber in jedem Fall etliche Prozent aufgeschlagen werden, sodass sich als Gesamtdistanz sicherlich weit mehr als 1.000 Kilometer ergeben. Ich muss die Wanderung notgedrungen in mehrere Etappen aufteilen, da man ja immerhin noch nebenher ein ganz normaler Arbeitnehmer ist und ich das Vorhaben somit nur während des Urlaubs vorantreiben kann. Etwa drei Wochen pro Jahr habe ich dafür veranschlagt. So müsste die komplette Wanderung in etwa drei Jahren zu schaffen sein.

Neugierde und Vorfreude sind groß. Ich habe mir die nötige Ausrüstung beschafft, alles vorbereitet und bin gespannt, wie es mir ergehen wird; wie mein Körper, das Wetter, meine Motivation mitspielen. Gleichzeitig habe ich mir aber fest vorgenommen, mich nicht selbst unter Druck zu setzen. Als weiteres Motto habe ich ausgegeben, mir keine festen Etappenziele vorzunehmen. Nur das zu machen, was möglich wäre und Spaß machen würde. Keinen inneren Zwang aufkommen zu lassen, der sich auf zu erreichende Kilometerzahlen oder Zielpunkte richtet. Denn, wie gesagt: „Der Weg ist ein Lob des Raumes“ und an sich das Ziel.