Dritte Etappe

Von Neustadt an der Waldnaab nach Neustadt an der Orla

Neun Monate müssen vergehen, bis ich zurückkehre. Eine schier endlos erscheinende Pause, in der ich mich oft nach meiner Reise durch Deutschland, dem Gefühl der Freiheit, dem Unterwegssein sehnte. Es stellten sich in dieser Zwischenzeit keine Ermüdungserscheinungen ein, kein Wunsch, auch wieder einmal etwas anderes zu machen, die Urlaubszeit an einem anderen Ort zu verbringen. Ganz im Gegenteil: die Vorfreude auf die Fortsetzung meiner Wanderung nimmt nie ab. Am 23. Mai 2011 komme ich, nach einer nun schon etwas länger dauernden Anreise, am Weidener Bahnhof an, um den unterbrochenen Weg endlich fortzusetzen.

Das Weidener Rathaus mit Storch

Das Weidener Rathaus mit Storch

Weiden in der Oberpfalz ist mit seinen etwa 40.000 Einwohnern die bis dahin mit Abstand größte Stadt an meinem Weg. Es hat den Anschein, der Weidener sei großer Anhänger der schnellen Mahlzeit zwischendurch. Jedenfalls bewegt man sich auf der Strecke zwischen Bahnhof und historischer Altstadt durch ein Spalier von Imbissbuden, Dönerständen, Fastfoodketten-Filialen u.ä., umwabert vom zugehörigen deftigen Geruch.

Die Weidener Altstadt allerdings ist eine positive Überraschung. Im Zentrum besteht sie aus einem riesigen, langgezogenen Marktplatz, der von zwei alten Stadttoren begrenzt wird und in dessen Mitte – also tatsächlich mitten auf dem Platz: man kann links und rechts daran vorbei-, durch eine Passage aber auch mitten hindurch gehen – das schmucke alte Rathaus mit bewohntem Storchennest auf dem Dach steht. Gesäumt ist der Platz von schönen Giebelhäusern und einer großen Zahl gemütlicher Cafés, die ihre Stühle an diesem strahlend schönen Tag ins Freie gestellt haben. Obwohl dies alles recht heimelig und angenehm anmutet, gibt es für mich hier kein großes Halten mehr. Es treibt mich zurück auf meinen Wanderweg. Ich muss nun endlich wieder ins Gehen kommen.

13. Tour: Von Weiden nach Neuhaus

Zwischen Weiden und dem nur etwa fünf Kilometer nördlich gelegenenen Neustadt an der Waldnaab ist die Landschaft traumhaft. Der Weg führt hier zu großen Teilen durch die Waldnaab-Auen. Immer wieder bin ich ob der beeindruckenden Kulisse gezwungen, stehenzubleiben und die Szenerie auf mich wirken zu lassen. Neustadt dagegen macht einen recht schmucklosen Eindruck, was wohl allerdings auch dadurch bedingt ist, dass der gesamte, als historisch ausgewiesene Stadtplatz aufgerissen und zur Großbaustelle umfunktioniert ist. Ich sehe deshalb zu, die Staubschwaden so schnell wie möglich hinter mir zu lassen und wieder ins Freie vorzustoßen.

In der Folge geht es ständig auf und ab, kaum einmal können sich die Beine auf einem flacheren Stück erholen. Hier stoße ich nun auch wieder auf den Goldsteig und folge ihm, zunächst noch ganz unbewusst, bis an meinen Zielort nach Neuhaus bei Windischeschenbach. Auf dem Weg kreuze ich erneut die A 93, was sich recht beeindruckend ausnimmt, weil der Pfad unter einer riesigen Autobahnbrücke hindurchführt, die sich hier über das Waldnaabtal spannt. Es ist schon ein seltsames Gefühl, direkt unterhalb dieses mächtigen Bauwerks zu stehen mit dem Gedanken, dass eben in diesem Moment hunderte von Metern weiter oben tonnenschwere Lastwagen über mich hinwegrollen. Natürlich ist dieser Betonbau ein gewaltiger Störfaktor in dieser schönen Gegend: wendet man sich in die andere Richtung (und blendet das Rauschen des Verkehrs aus), befindet man sich in einer idyllischen, fast unberührt wirkenden Flusslandschaft. Trotzdem kann ich mich eines gewissen Staunens nicht erwehren. Auch dieses von Menschen gemachte Monstrum ist ein Faszinosum, das das Auge in seinen Bann zieht.

Waldnaabtal: Der Blick in die eine ...

Bei meinem kurzen Besuch in der Stadt macht Windischeschenbach einen ziemlich traurigen Eindruck. Die Hauptstraße mit ihren Geschäftsauslagen wirkt zum großen Teil angestaubt und veraltet, wie in den siebziger Jahren in Schlaf gefallen und seither nicht mehr aufgewacht. Die Straßen sind weitgehend leer. Man hat unwillkürlich das Gefühl, sich in einer Stadt zu befinden, die die besten Zeiten hinter sich hat (im übrigen ein Gefühl, das ich in den nächsten Tagen regelmäßig habe). Bekannt ist Windischeschenbach für sein Porzellan. „Eschenbach Porzellan“ hat weithin einen guten Namen. Doch nach wirtschaftlichen Problemen und einer Übernahme der Firma in den Neunzigern ist seit 2005 nur noch der Name übrig und das große Werksgelände, das ich auf meinem Weg nach Neuhaus passiere, für die Porzellanherstellung geschlossen.

Neuhaus, das direkt neben Windischeschenbach liegt und eine alte Burganlage besitzt, ist bekannt für eine ganz besondere und weltweit wohl einzigartige Tradition des Bierbrauens: den Zoigl. Grundsätzlich war es in den meisten Gebieten Deutschlands seit dem Mittelalter so, dass die von den Landesherren vergebenen Brauprivilegien nur einigen wenigen Bürgern erteilt wurden, die die Menschen rundherum mit dem Getränk versorgten und sich folgerichtig mit der Zeit zu den offiziellen Bierbrauereien entwickelten. Nicht so in der Oberpfalz. Dort folgte man in dieser wesentlichen Frage anderen Prinzipien. Das Bierbrauen war hier sozusagen die erste demokratische Einrichtung: das Braurecht wurde nämlich damals oft im Rahmen einer Stadt- oder Markterhebung allen Bürgern des Ortes erteilt und an deren Haus gebunden. Damit durfte jeder für sich selbst brauen, sein Produkt aber auch an durstige Nachbarn und Fremde verkaufen. So wurde in dieser Region nicht nur das Biertrinken zu einem geselligen Ereignis, das die Menschen zusammenführte und verband, sondern auch das Bierbrauen. In den Orten wurden sogenannte Kommunbrauhäuser eingerichtet, die der Gemeinde gehörten und die reihum von allen Einwohnern benutzt werden durften. Dafür mussten sie ein „Kesselgeld“ zahlen. Hatte man den Biervorrat des einen ausgetrunken, ging der nächste los und setzte seinen Sud an. Und immer so weiter.

War ein Kommunbrauer an der Reihe, machte er sich auf den Weg zum kleinen, mitten im Ort gelegenen Brauhaus. In der offenen Sudpfanne, die über einem Holzfeuer hing, kochte er zusammen mit einem Braumeister seine ganz eigene Mischung aus Wasser, Gerstenmalz und Hopfen. Die fertige Würze transportierte er dann nach Hause in seinen Gärkeller, wo er sie mit Hefe versetzte und einige Zeit später in Fässer abfüllte, in denen das Bier weiter reifen musste, bis die Nachbarn endlich zur Verkostung des Ergebnisses gerufen werden konnten. Das war immer wieder spannend, denn durch die Art der Herstellung schmeckte natürlich jeder Zoigl etwas anders, und die Experten, von denen ja immerhin jeder Anwesende einer war, hielten mit ihren kundigen Urteilen nicht hinter dem Berg. Aber man hat sich deshalb sicherlich nicht in die Haare bekommen, sondern es sich lieber in der Wohnstube des Brauers bei Brotzeit und Musik gutgehen lassen.

Ein Zoiglstern in Neuhaus

Ein Zoiglstern in Neuhaus

Diese schmackhafte Tradition hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Allerdings gibt es nur noch fünf Ortschaften, in denen das Zoiglbrauen in seiner ursprünglichen Art stattfindet. Darunter Windischeschenbach und Neuhaus. In Neuhaus wird der Zoigl seit 1415 gebraut, und noch heute trinkt man sein eigenes Bier hier mit derselben sichtlichen Begeisterung wie eh und je. Nach wie vor ist das Recht der „Brauenden Bürger“, ihr eigenes Bier herzustellen, mit dem Haus- und Grundstückseigentum verbunden und im Grundbuch eingetragen. Damit jeder, der in den Ort kommt, gleich weiß, wo man im Moment den Gerstensaft ausgeschenkt bekommt, bringt man noch heute wie schon vor Jahrhunderten ein Zeichen an dem betreffenden Haus an: den Zoiglstern. Wie der Stern von Bethlehem weist er den Durstigen den Weg zum erfrischenden Labsal. Wenn man von der Tradition nichts weiß, ist man zunächst etwas irritiert, weil der Zoiglstern genauso aussieht wie der Davidstern und man sich unwillkürlich fragt, was Neuhaus und das Judentum so eng miteinander verbindet. Doch tatsächlich heißt es nicht mehr als: „Hier gibt es Bier!“

Die Kommunbrauer – ob Bauern, Handwerker oder was auch immer von Beruf – wurden und werden so zu Wirten auf Zeit. In ihren Privathäusern wird der Zoigl ausgeschenkt und eine Brotzeit dazu gereicht. Diese Kreuzung aus privatem Leben und öffentlichem Ausschank wirkt kurios und dabei sehr sympathisch. In Wohnzimmern, Küchen, Hauseinfahrten, Gärten und Höfen sehe ich die Menschen gemütlich bei ihrem Bier zusammensitzen. Drei ältere Damen mit weißgelockten Haaren und geblümter Schürze sitzen auf einer kleinen Bank auf dem Gehweg vor ihrem Haus, das Gesicht in der Abendsonne, und unterhalten sich gemütlich. Jede hat ihr frisch gezapftes, naturtrübes Zoigl in der Hand oder zu ihren Füßen abgestellt.

Natürlich komme auch ich nicht umhin, den Trunk in der Zoigl-Stube zu probieren. In einem bauchigen Glas wird mir ein honiggelbes, naturtrübes Bier vorgesetzt, das ich nach der langen Wanderung an diesem Tag mit Neugier und großer Vorfreude ansetze. Es erweist sich als im Ansatz etwas bitter, wird aber von Schluck zu Schluck süffiger – so dass ich mir auf das Wohl dieser Tradition schließlich noch ein weiteres Glas bestellen muss.

Zunächst aber muss ich noch mein Nachtquartier aufschlagen. Das erweist sich als gar nicht so leichte Übung, da ich mich, wie erwähnt, auf dem Goldsteig befinde und anscheinend gerade mehrere Wanderbegeisterte in dieser Gegend ihren Urlaub verbringen. Jedenfalls muss ich mit diversen Wanderern und Radfahreren um die letzten Zimmer im örtlichen Gasthaus konkurrieren, komme aber schließlich in einem Gästehaus am Ortsrand unter. Die offensichtliche Präsenz einer größeren Zahl anderer Touristen ist neu für mich auf dieser Reise, und nachdem ich es bisher sehr genossen habe, mich in Gebieten zu bewegen, die für den Fremdenverkehr nicht oder nur sehr wenig erschlossen sind, empfinde ich sie als eher unangenehm. Ich freue mich darauf, den Goldsteig hinter mir zu lassen und wieder auf einsameren Pfaden zu wandeln.

14. Tour: Von Neuhaus nach Fuchsmühl

Trotzdem entscheide ich mich, am nächsten Tag dem offiziellen Wanderweg noch ein größeres Stück ganz bewusst zu folgen. Nördlich von Neuhaus verläuft dieser nämlich durch das Waldnaabtal, das dort Naturschutzgebiet ist. Dieser Weg wurde mir allerseits angepriesen und so will ich ihn mir nicht entgehen lassen. Dies erweist sich als sehr gute Entscheidung.

Denn das Waldnaabtal ist tatsächlich wunderschön. Man geht über eine lange Strecke direkt an der, leider etwas bräunlich-trüben, Waldnaab entlang. Diese verläuft mitten durch einen Wald und wird von imposanten Felsformationen flankiert, die über die Jahrtausende ausgewaschen wurden und beeindruckende Anblicke bieten. Eine wirklich empfehlenswerte Wanderstrecke, was jedoch leider schon allgemein bekannt zu sein scheint: die Anwesenheit der Touristen beginnt nun wirklich unangenehm zu werden. Andauernd begegne ich Ausflüglern und komme schon bald aus dem Grüßen, wie man das ja unter Wandersleuten zu tun pflegt, gar nicht mehr heraus. Als ich es mir – noch frohen Mutes – kurz auf einer Bank mit herrlichem Ausblick bequem machen will und eben meinen Rucksack abgeschnallt habe, sehe ich nach kurzer Zeit eine riesige Rentnergruppe aus dem Wald hervorbrechen, vermummt (mit Sonnenbrillen, Hüten und Kappen) und bewaffnet (mit Wanderstöcken), so dass ich voller Entsetzen die Flucht ergreife und mit Glück der Stampede entkomme.

Die Waldnaab ...

An den Wiesauer Waldseen

An den Wiesauer Waldseen

Ich bin daher doch recht froh, als ich schließlich das Waldnaabtal und damit die Haupttrasse des Goldsteigs hinter mir lasse und Richtung Wiesauer Waldseen abbiege. Hier erwartet mich der nächste optische Höhepunkt: eine große Zahl kleiner Weiher, idyllisch und verlassen mitten im Wald gelegen – bis auf die Tatsache, dass im Hintergrund Eisenbahngleise verlaufen, auf denen in regelmäßigen Abständen die Vogtlandbahn vorbeirauscht. Die Gegend fordert mich geradezu auf, etwas länger zu bleiben, eben auch, weil weit und breit kein anderer Mensch zu sehen ist. Ich komme dem nach, lasse mich an einem der Ufer nieder und ruhe und zu lese einige Zeit in dieser herrlichen Kulisse.

Fuchsmühl

Fuchsmühl

In Fuchsmühl, wo ich für die kommende Nacht Quartier beziehe, fällt mir zum ersten Mal eine deutliche Dialektveränderung auf. Ich habe zwar schon seit längerer Zeit bemerkt, dass die Aussprache der Leute anders ist als in Niederbayern, sie besaß aber doch immer eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Niederbayerischen und ich fühlte mich mit meinem Dialekt nicht fremd. Nun habe ich aber plötzlich große Mühe, den Worten meines Pensionswirts auch nur einigermaßen zu folgen. Fasziniert sehe und höre ich ihm beim „Bellen“ zu, wie diese Art zu reden von Außenstehenden oft so zutreffend genannt wird. Statt „wo“ heißt es hier „wou“, „Brot“ heißt „Broud“, „böse“ heißt „bejs“, „heißt“ heißt „hoißt“, usw. „Ou“, „oi“ und „ej“ sind bestimmende Laute, die für meine ungeübten Ohren schnell in ein undefinierbares Durcheinander zusammenfließen und mich ratlos machen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn um eine Übersetzung seiner Einlassungen zu bitten und ihm deutlich zu machen, dass sein intensiver und ungewohnter Dialekt für mich nicht zu entschlüsseln ist. Womit ich es denn hier zu tun habe? Daraufhin erklärt mir der Wirt, dass es sich einfach um reines Oberpfälzisch handle, das hier in der Gegend noch gepflegt und gelebt werde. Insgesamt werde diese alte, traditionsreiche Sprache aber leider immer weiter zurückgedrängt. Die Sprachgrenze zu den mittelbairischen Dialekten, wie dem Ober- und Niederbayerischen, verläuft eigentlich in der Gegend um Weiden und Cham. Früher wurde Oberpfälzisch oder „Nordbairisch“ auch in Teilen Böhmens gesprochen und als „Egerländisch“ bezeichnet. Doch der tschechische Teil ist durch die geopolitische Entwicklung schon lange weggebrochen und von Süden her ist das Niederbayerische auf dem Vormarsch. Denn es ist, im Gegensatz zum schwerer verständlichen Oberpfälzisch, vor allem bei den Jüngeren in Mode. Das echte Oberpfälzisch werde also von immer weniger Menschen und in immer weniger Gegenden gesprochen. Doch auch das heute schon relativ kleine Dialektgebiet ist nach Aussage des Wirts gefährdet, da die Jugend der Sprache immer mehr entwöhnt werde.

Auch das Lied vom wirtschaftlichen Niedergang des nordbayerischen Randgebiets höre ich in Fuchsmühl wieder. Seit Oberviechtach weiß ich von den Sorgen der Oberpfälzer, die Angst um ihre Zukunft haben, mit zunehmender Abwanderung, einer zurückgehenden Zahl von Arbeitsplätzen, fehlenden Investitionen in die Region und einem sichtbaren Verfall ihrer Heimat leben müssen. Aus vielen Gesprächen höre ich eine latente Niedergeschlagenheit heraus. Man erinnert sich an frühere Zeiten, als alles besser und die Oberpfalz eine relativ wohlhabende Gegend war, wodurch der Niedergang der letzten Jahre – bedingt etwa durch die Globalisierung, nicht zuletzt aber auch durch die deutsche Wiedervereinigung – umso stärker und bedrückender empfunden wird.

Auch die Geschichte Fuchsmühls passt hier geradezu klassisch ins Bild: Lange Zeit war die Region ein Zentrum der Porzellan- sowie der Textilindustrie gewesen. Fast jedes kleine Dorf hatte seine eigene kleine Fabrik besessen, mit hunderten von Arbeitsplätzen. Dieses Umfeld ist heute fast vollständig verschwunden. Übrig geblieben sind ein paar wenige große Porzellanfabriken, die sich noch auf dem Markt behaupten können. Die Textilbranche ist vollständig verschwunden. Kleidung wird heute einfach so gut wie nicht mehr in Deutschland hergestellt. Auch der Tourismus hat stark gelitten. Bis in die Achtziger Jahre hatte man die stolze Zahl von ca. 80.000 Übernachtungen pro Jahr. Vor allem die Berliner verbrachten hier ihren Urlaub, weil das Fichtelgebirge, in dessen südlichem Teil der Ort liegt, das nächstgelegene zugängliche Erholungsgebiet war. Nach der Wende änderte sich das schlagartig. Den Hauptstädtern eröffneten sich eine Reihe neuer attraktiver und näher gelegener Urlaubsangebote, z.B. in Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern. Die Urlauber in Fuchsmühl blieben aus. Hinzu kam, dass ausgerechnet in eben jenen Jahren nach der Abwanderung der Augustiner die bedeutende Wallfahrt wegbrach, die bis dahin viele Besucher nach Fuchsmühl gebracht hatte. Dass der gleichzeitige Wegfall der Zonenrandförderung nach 1990 nicht positiv auf diese Situation wirkte, kann man sich denken. Die Entvölkerung der Region ist auch hier stark zu spüren. Allerdings findet anscheinend mehr ein „Austausch“ statt: die einheimischen jungen Leute gehen weg, Menschen aus den ostdeutschen Bundesländern und aus Osteuropa, wo die Lage oft noch schwieriger ist, ziehen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen zu. Auch viele Rentner kommen, um in dieser landschaftlich so schönen Gegend ihren Lebensabend zu verbringen.

15. Tour: Von Fuchsmühl nach Wunsiedel

Von Fuchsmühl aufgebrochen muss ich ein erneutes Mal mit den Tücken der Natur und meiner Orientierungslosigkeit kämpfen. Ich habe ja mittlerweile schon so einiges erlebt. Das Waldgebiet, durch das ich nun nördlich von Fuchsmühl stapfe, hält aber wieder einmal einen Höhepunkt an Verzweiflung für mich bereit. Anfangs verlaufen die Wege noch wie in meinen Karten eingezeichnet. Schnell stehe ich aber wieder „im Wald“. Plötzlich ist weit und breit kein Weg mehr zu sehen und wenn ich beim Weitergehen doch auf einen stoße, so ist er auf der Karte nicht eingezeichnet. Andersherum genauso. Es ist wie verhext. In meiner Aussichtslosigkeit nutze ich schließlich mein Handy, um mich per GPS zu orten – obwohl ich eigentlich auf solche technischen Hilfsmittel verzichten wollte. Dieses macht mir allerdings weis, dass ich mich mitten auf einem Weg befinde; eine Aussage, die ich leider nicht bestätigen kann, der ich mittlerweile rundum von meterhohem Gestrüpp umgeben bin. Ich muss ein erbärmliches Bild abgeben: mit dem Handy in der einen und der Karte in der anderen Hand schlage ich mich durchs Unterholz, torkle über umgefallene Baumstämme und verfange mich im dichten Nadelgehölz, immer an dem imaginären Weg entlang. Plötzlich bin ich aber wieder ganz woanders, als ob ich mich in einem verwunschenen Reich befände. Nach gefühlten Stunden finde ich den Weg doch noch und kann endlich weitermarschieren.

Ein Fuchs am Wegesrand

Ein Fuchs am Wegesrand

Doch es wird an diesem Tag nicht mehr viel besser: immer wieder schicken mich Wege ins Nichts, sogar zunächst geteerte Straßen hören plötzlich auf oder verlaufen sich, nachdem sie in einen Feldweg übergegangen sind, im hohen Gras, so dass ich wieder querfeldein stapfen und hoffen muss, irgendwo auf einen Weg zu stoßen. Vor Lengenfeld stehe ich gerade wieder einmal im hohen Gestrüpp, als ich erleben darf, dass ich nicht der einzige bin, dem es so ergeht. Vor mir taucht aus dem Wald plötzlich eine bunt gekleidete Gestalt auf, die ein großes Gerät geschultert hat, an dem sie sichtlich schwer trägt. Als sie näherkommt, entpuppt sie sich als ein älterer Freizeit-Radsportler, der sich in voller Montur und mit seinem Mountainbike im Wald verirrt hat und sein Rad jetzt auf der Suche nach dem verlorenen Weg durchs Unterholz trägt. Auf seine Frage, ob denn der Weg weiter vorne wieder weiterginge, kann ich ihm nicht recht antworten, weil ich selbst die Orientierung längst wieder völlig verloren habe. Wir befinden uns beide auf einem Weg, den es auf allen Karten gibt, der in Wirklichkeit aber dem Augenschein nach nie existiert haben kann. Trotzdem stellt mir der Sportler, nachdem wir uns schließlich auf den Weg zurück durgeschlagen haben, von dem er gekommen war, in aller Ausführlichkeit und Begeisterung sein GPS-Gerät vor, das auch ihn so zuverlässig ins Nirgendwo geführt hat.

Südlich von Marktredwitz überschreite ich an diesem Tag die Grenze zu Oberfranken und habe damit die Oberpfalz hinter mir gelassen. Rückblickend muss ich sagen, dass die Oberpfälzer sich als ein äußerst freundlicher und angenehmer Menschenschlag herausgestellt haben. Obwohl eine solche Aussage sehr pauschal und subjektiv ist, und ich auch in anderen Gegenden immer wieder auf unglaublich nette Menschen treffen werde, bleiben mir die Oberpfälzer durch ihre Offenheit, Unkompliziertheit und ruhige Freundlichkeit in besonders angenehmer Erinnerung.

Der Marktplatz von Marktredwitz

Der Marktplatz von Marktredwitz

Die erste Ansiedlung, die ich nun in Oberfranken erreiche, will so gar nicht in das Bild passen, das ich in den letzten Tagen von der Region vermittelt bekommen habe. Kein Verfall, keine Niedergeschlagenheit – ganz im Gegenteil habe ich hier eine sehr schöne, einladende Stadt vor mir. Dieser Einladung komme ich gerne nach und verbringe eine ausgedehnte Mittagspause in der von eindrucksvollen, schön renovierten Gebäuden gesäumten Altstadt, in der bei herrlichem Wetter das pralle Leben tobt. Sichtlich handelt es sich hier um eine Gemeinde, der es wirtschaftlich gut geht und tatsächlich liegt in Marktredwitz das wirtschaftliche Zentrum der Region und befinden sich hier einige größere Industrieunternehmen, die der Stadt Geld und Arbeitsplätze bringen. Mein durchaus positiver Eindruck setzt sich auch außerhalb der Altstadt fort, als ich Marktredwitz schließlich in nördlicher Richtung verlasse.

Turmspitzen in Wunsiedel

Turmspitzen in Wunsiedel

Wunsiedel, das ich noch am selben Tag erreiche, kann da nicht mithalten. Die an sich schöne und alte Bausubstanz ist hier oft stark vernachlässigt, alles sieht etwas hilfsbedürftig und manchmal heruntergekommen aus. So fügt es sich viel besser in die Rolle eines Repräsentanten der Problemregionen am Rande Bayerns ein als das Marktredwitz getan hat. Zumindest zum Teil muss ich diese Einschätzung allerdings revidieren, als ich, nach der Übernachtung in einem Gasthaus am Ort, am nächsten Tag noch einmal eine Runde durch Wunsiedel drehe. Vielleicht liegt es am weichen Licht der frühen Stunde oder aber an meiner Route, aber das Straßenbild wirkt irgendwie weniger vernachlässigt als noch am Abend zuvor. Etwa am Rathaus oder dem sogenannten Koppetentorturm, einem mittelalterlichen Stadttorturm, fühle ich nun durchaus ein gewisses Flair.

16. Tour: Von Wunsiedel nach Schwarzenbach a.d. Saale

Schon seit etlichen Tagen, genau genommen eigentlich schon seit meinem Start in Weiden, befinde ich mich im Fichtelgebirge. Mittlerweile bin ich ins Zentrum dieser Mittelgebirgsregion vorgestoßen, ohne es recht bemerkt zu haben. Der Weg nach Schwarzenbach an der Saale, auf den ich mich nun mache, verläuft weitgehend unspektakulär. Die Gegend ist durchaus schön: leicht gewellt, mit vielen Wäldern, Wiesen und Feldern. Von Westen grüßt der Schneeberg, der mit 1.051 Metern höchste Gipfel des Fichtelgebirges, von Osten der Große Kornberg (827 Meter), den ich im Lauf des Tages passiere. Insgesamt fehlen aber die Highlights, die ich in den letzten Tagen so reichlich gefunden habe.

Auf dem Weg zum Großen Kornberg

Auf dem Weg zum Großen Kornberg

Schwarzenbach fügt sich wieder in das nun bereits so gewohnte, zwiespältige Bild dieser vernachlässigten Gegend: teils schöne Substanz, eine attraktive, verwinkelte, zum großen Teil auch renovierte Altstadt mit einigen imposanten Bauten, ansonsten aber viel Verfall, viel Leerstand und eine allgemeine implizite Traurigkeit und Resignation.

Interessant und etwas kurios ist die Unterkunft, in der ich mich dort einmiete. Schon das Bauwerk, in dem sich die Pension befindet, ist erwähnenswert. Es handelt sich um ein wunderschönes vierstöckiges Jugendstilgebäude samt Erker und Türmchen, mit reichen Verzierungen an der Fassade. Der imposante Eindruck bröckelt aber – im wahrsten Sinne des Wortes – bei näherer Betrachtung. Das Gebäude ist völlig vernachlässigt. Im Parterre hat sich ehedem ein Café befunden, nun steht es leer bzw. ist vollgestellt mit allem möglichen Gerümpel, wie ich durch die schmutzigen Fenster sehen kann. Die Pension im ersten Stock wird von einer türkischen Familie betrieben.

Die Saale in Schwarzenbach

Die Saale in Schwarzenbach

Der Eingang befindet sich auf der Rückseite des Gebäudes. Als ich dort läute, gibt es zunächst keine Reaktion und ohnehin weist nichts darauf hin, dass man hier Gäste erwartet, so dass ich schon denke, mich in der Anschrift geirrt zu haben. Schließlich erscheint aber doch eine ältere Frau, die in ihrem Aussehen und mit ihrem Kopftuch vollständig dem Klischee der „türkischen Oma“ entspricht. Sie redet sehr freundlich, aber in nicht leicht zu verstehendem Kauderwelsch auf mich ein, komplimentiert mich nach einigem Hin und Her, weiterhin radebrechend, in ein Zimmer im zweiten Stock und wünscht mir prompt eine gute Nacht – um fünf Uhr nachmittags. Da ich Lust auf eine Pizza verspüre, frage ich die Dame nach einem nahegelegenen italienischen Restaurant, woraufhin sie nur abwinkt und mir sämtliche Dönerstände der Umgebung aufzählt mit dem Hinweis, nur dort gebe es gutes Essen. Wie die Betreiber, so sind auch die Zimmer liebenswert und ein wenig kurios. Die Pension hat nur ein paar uralte, ziemlich kleine, spärlich eingerichtete Zimmer mit Gemeinschaftstoilette. In meinen vier Wänden befindet sich immerhin noch eine eigene mobile Dusche. Alles an dieser netten Pension wirkt irgendwie improvisiert. Das gipfelt darin, dass mir am nächsten Morgen, in Ermangelung eines Frühstücksraums, mein Essen aufs Zimmer gebracht wird: serviert vom Hausherrn – dessen Aussehen, wie hätte es anders sein sollen, das Klischee vom „türkischen Opa“ voll erfüllt –, auf einem Plastiktablett, Semmeln in einer Plastiktüte, Marmelade in Plastikschälchen.

17. Tour: Von Schwarzenbach nach Hof

Schon seit ein paar Tagen sind auf meinem Weg verstärkt Windräder am Horizont aufgetaucht. Ist Bayern mit dem Ausbau der Windkraft auch bundesweit noch ziemlich weit zurück, so wehen auf den Bergrücken des Bayerischen und des Oberpfälzer Waldes doch so starke Winde, dass diese Art der Energiegewinnung hier immer interessanter wird. Vor Oberkotzau komme ich nun direkt an einem solchen „Windpark“ mit fünf Windkraftanlagen vorbei. Ich habe dabei keineswegs den Eindruck, dass diese die Landschaft „verschandeln“, wie es in der aktuellen Diskussion immer beklagt wird. Im Gegenteil finde ich sie sehr beeindruckend, dabei angenehm. Je näher ich allerdings komme, desto mehr weicht diese Anmutung einem etwas mulmigen Gefühl. Bald merke ich, dass meine Route mich tatsächlich direkt unter diesen Windrädern vorbeiführen wird. Als ich schließlich Auge in Auge mit diesen nun ins Gewaltige angewachsenen Anlagen stehe, ist mir ziemlich unangenehm zumute. Aus nächster Nähe nehmen sie sich riesig aus, mit unfassbar großen Flügelblättern. Die neuen Modelle, von denen ich hier unter anderen auch eines vor mir habe, sind einschließlich der Flügel an die 180 Meter hoch – und damit höher als der Kölner Dom. Eine gewaltige Kraft geht von ihnen aus, die man einigermaßen unangenehm ahnt, wenn man direkt darunter steht, und es beschleicht einen die irrationale Angst, dass einer der Riesenflügel herabfallen könnte. Mit zunehmendem Abstand setzt sich aber dann wieder der positive Eindruck durch, wenn man daran denkt, dass diese Kraft unseren Strom der Zukunft produzieren könnte.

Ein Windpark bei Hof

Ein Windpark bei Hof

Nach der Durchwanderung von Oberkotzau, das mit Schloss und Kirche einen recht angenehmen Eindruck macht – der sich allerdings etwas relativiert, als ich den Ort durch das Gewerbegebiet wieder verlasse –, mache ich mich auf den Weg Richtung Untreusee. Dafür muss ich einen kleinen Schlenker machen, der mich etwas vom direkten Weg wegführt. Ich weiß selbst nicht genau warum, aber irgendwie empfinde ich diesen Ort als bedeutende Etappe auf meiner Reise und es ist mir ein wichtiges Anliegen, ihn aufzusuchen. Es mag damit zusammenhängen, dass dieser See für mich mit positiven Erinnerungen besetzt ist, aus einer Zeit, als meine ehemalige Freundin in Hof lebte. Gleichzeitig empfand ich diese Gegend, wie das zu einer Fernbeziehung dazugehört, immer als weit weg gelegen und nicht mal so eben zu erreichen. Umso größer ist daher vielleicht der innere Triumpf, dass ich nun den ganzen Weg bis dorthin zu Fuß zurückgelegt habe. Dementsprechend fühle ich mich, als ich den See nun, durch einen Wald kommend, durch die Bäume glitzern sehe und schließlich an seinem vertrauten Ufer stehe.

Ankunft am Hofer Untreusee

Ankunft am Hofer Untreusee

Als ich kurze Zeit später die Stadt Hof erreiche, stellt sich erneut dieses erhebendes Gefühl ein, als ich in der mir so gut bekannten Fußgängerzone sitze und an die Strecke denke, die ich mittlerweile hinter mich gebracht habe. Hof kenne ich, wie gesagt, von etlichen Besuchen schon ziemlich gut und verzichte daher auf einen ausführlichen touristischen Stadtrundgang. Trotzdem nehme ich auch hier einen neuen Eindruck mit: mir fällt auf, dass ich die Stadt diesmal aus einer anderen Perspektive wahrnehme. Bei meinen bisherigen Besuchen hatte das Triste dominiert, das Hof nun auch wirklich nicht abzusprechen ist. Auch hier wirkt vieles vernachlässigt, verfallen und hoffnungslos und erinnert in manchen Gegenden an ostdeutsche Städte kurz nach der Wende. Dieses Mal fallen mir aber auch die vielen schönen alten Häuser auf, die es hier zuhauf gibt, ganze Straßenzüge mit renovierten und einladenden Gebäuden und eine Innenstadt, in der das pralle Leben herrscht. Es ist eben alles eine Sache des Vergleichs: früher bin ich direkt aus München hierher angereist, nun komme ich aus Windischeschenbach, Wunsiedel und Schwarzenbach.

An der Saale

Neben dem Untreusee gibt es in Hof noch einen weiteren großen Höhepunkt: den Theresienstein. Dieser Stadtpark ist wirklich ein Juwel und wohl ganz zu recht im Jahr 2003 zum schönsten Park Deutschlands gekürt worden. Als ich am nächsten Tag Hof verlasse, mache ich auch dorthin noch einen Abstecher. Ich will ihn nicht so einfach rechts liegen lassen, zumal er genau auf meiner imaginären Ideallinie liegt. Die riesige Anlage liegt wunderschön auf einer Anhöhe, wirkt sehr naturbelassen mit ihren vielen Bäumen und wild wuchernden Wiesen und hat trotzdem sehr viel zu bieten: von Blickfängen für Spaziergänger, wie Steinskulpturen, Springbrunnen und Pavillons, die immer wieder zwischen den Bäumen auftauchen, über verschiedene Angebote für Kinder, einen schönen Biergarten, einen botanischen Garten und einen Zoo, bis hin zu einem Aussichtsturm in Form einer künstlich angelegten Burgruine, den ich zum Abschied noch besteige, um einen Blick zurück und auf das Kommende zu werfen. Der Theresienstein ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

18. Tour: Von Hof nach Juchhöh

Ein Stück weiter treffe ich auf einer Anhöhe nördlich von Hof auf einen alten Mann, der sich – ohne sich mit einleitenden Grußformeln aufzuhalten – bei mir über den fehlenden Regen und die Dürre beklagt. Dies sei die Strafe Gottes! Meine Nachfrage, warum diese Strafe ausgerechnet die Franken treffe, wo die Dürre ja wohl im Moment am größten sei, ignoriert er großzügig. Wichtiger ist ihm der Hinweis, dass auch die Hofer Brauerei Wasser benötige, zum Glück aber über einen 80 Meter tiefen Brunnen verfüge, so dass hier zum Glück kein Engpass zu befürchten sei. Tatsächlich ist es in der Gegend unglaublich trocken. Das Getreide auf den Feldern ist sehr niedrig für die Jahreszeit, teilweise bricht bereits die Erde auf. In Franken ist im Frühjahr 2011 nicht einmal die Hälfte der sonst üblichen Regenmenge gefallen und die Bauern fürchten große Ernteausfälle. Und es ist wie verhext: gerade an diesem Tag ist es zum Teil sehr stark bewölkt und immer wieder schieben sich tiefschwarze Wolken über mich hinweg, die wohl überall abgeregnet hätten. Aber nicht hier: es fällt kein einziger Tropfen.

Ausgetrockneter Boden

Ausgetrockneter Boden

An diesem Tag, dem 28. Mai 2011, überschreite ich die Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Ein denkwürdiges Ereignis, das ich aber nicht so recht würdigen kann, da ich noch keine Unterkunft für die Nacht weiß und das Angebot in dieser Gegend sehr dünn gestreut ist. Ich bin daher etwas unruhig und stets auf der Suche nach einem Übernachtungsangebot.

Mein Grenzübertritt nach Thüringen erfolgt an einem geschichtsträchtigen Ort: in Mödlareuth. Dieses Dorf ist international bekannt als „Little Berlin“, weil auch in diesem kleinen Dorf mit nur 50 Einwohnern während der deutschen Teilung eine Mauer stand. Der mitten durch das Dorf fließende Tannbach hatte schon seit 1810 als Grenze fungiert, zunächst zwischen dem Königreich Bayern und dem Fürstentum Reuß, später zwischen Bayern und Thüringen. Trotz der verwaltungstechnischen Teilung war aber Mödlareuth immer ein zusammengehörendes Dorf gewesen. Dies änderte sich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der westliche Teil gehörte nun zur amerikanischen, der östliche zur sowjetischen Besatzungszone. Und so ereilte dieses winzige Dorf dasselbe Schicksal wie Berlin: schon 1952 wurde ein Holzzaun und 1966 schließlich ein 700 Meter langer und 3,30 Meter hoher Betonzaun errichtet, der fortan eine Dorfgemeinschaft, Familien und Freunde trennte. Die DDR-Bürger auf der Ostseite waren zahlreichen Repressalien ausgesetzt. Etliche wurden enteignet und aus ihrem Dorf zwangsausgesiedelt, die Grenztruppen hielten mit ihren Grenzschutzanlagen samt Beobachtungsturm die verbliebenen Einwohner unter stetiger Überwachung. Es war diesen sogar verboten, Freunden und Verwandten auf der anderen Seite aus der Ferne zuzuwinken. Einen Monat nach dem Fall der Berliner Mauer wurde schließlich auch hier ein Grenzübergang eingerichtet und am 17. Juni 1990 der größte Teil der Mauer abgerissen. Ein hundert Meter langes Stück steht allerdings heute noch und ist Teil des Deutsch-Deutschen Museums Mödlareuth, das die Geschichte des Ortes und der deutschen Teilung insgesamt erzählt.

Mödlareuth

Ein Besuch des Museums und der Gedenkstätte, die unter anderem mithilfe der Original-Einrichtungen Gliederung und Aufbau des DDR-Grenzgebiets rekonstruiert, ist sehr interessant und die Überschreitung des Tannbachs mit diesen Informationen im Hinterkopf ein doch besonderes Ereignis. Die nette Dame am Museums-Empfang, mit der ich ein längeres Gespräch führe, löst schließlich auch mein Übernachtungsproblem, indem sie mir ein nur zwei Kilometer entferntes Gasthaus in einem Dorf mit dem sympathischen Namen Juchhöh empfiehlt, wo ich auch tatsächlich unterkomme.

19. Tour: Von Juchhöh nach Görkwitz

Thüringen vermittelt mir zunächst ein etwas sonderbares Gefühl. Da mein Vater in Thüringen geboren wurde, ist die Gegend eigentlich so etwas wie „Heimat“ für mich. Trotzdem fühle ich mich erst einmal ziemlich fremd dort. Die Leute, die ich unterwegs treffe, wirken etwas zurückgezogen, so dass man das Gefühl bekommen kann, nicht willkommen zu sein. Andererseits ist es in Niederbayern auch nicht wesentlich anders gewesen. Es fühlt sich aber jedenfalls anders an als noch zwei Tage zuvor in Oberfranken. Passanten auf der Straße zu grüßen, scheint hier nicht üblich zu sein. Tut man es selbst, erntet man meist einen seltsamen Blick und bekommt dann allenfalls einen kurzen Gegengruß hingemurmelt.

Auch diesbezüglich habe ich nun übrigens eine Grenze überschritten. Ich habe die „Grüß Gott“-Region verlassen und die „Guten Tag“-Region betreten – ein Gruß, der mir so gar nicht locker von den Lippen gehen will. Er ist einfach zu sperrig.

Menschenleeres Tanna

Menschenleeres Tanna

Gefell, die erste Stadt, in die ich auf thüringischem Gebiet komme, macht einen äußerst niedergeschlagenen, traurigen Eindruck. Das bezieht sich sowohl auf die Gebäude als auch auf die Menschen, die mir begegnen. Das Stadtbild ist ähnlich wie bereits für Oberfranken mehrmals beschrieben – nur noch etwas verfallener und weniger um Renovierung oder Erhaltung bemüht. Tanna wirkt da etwas freundlicher. Alle Städte, die ich an diesem Tag erreiche, sind allerdings wie ausgestorben. An einem Sonntag Nachmittag scheint niemand vor die Tür zu gehen. In Schleiz, einer Stadt mit immerhin 9.000 Einwohnern, gibt es zwei Marktplätze – einer davon riesengroß –, aber kein einziges Straßencafé. Die Plätze sind vollkommen leer – was für mich besonders enttäuschend ist, da ich mich nach der langen Wanderung auf eine kühle Erfrischung gefreut habe.

Rapsfeld bei Schleiz

Rapsfeld bei Schleiz

Schleiz bezeichnet sich selbst als „Rennstadt“, und tatsächlich scheint sich hier alles um den Motorsport zu drehen. Grund ist das „Schleizer Dreieck“, eine traditionsreiche Rennstrecke, die als älteste Naturrennstrecke Deutschlands gilt. Sie befindet sich am Stadtrand und wird außerhalb der Rennzeiten als normale Straße genutzt; als Straße allerdings, die von Tribünen umgeben, mit Kiesbetten, Reifenstapeln und rot-weiß gestreiften Fahrbahnbegrenzungen bewehrt ist. Diese Straße wird allem Anschein nach auch an ganz normalen Tagen von allen Motorradfahrern der Region als offene Rennstrecke genutzt. Ich glaube, ich habe noch in keiner Stadt jemals eine so hohe Dichte von Motorrädern erlebt wie in Schleiz. Und die drehen im Schleizer Dreieck, an dem entlang ich ins Stadtzentrum wandere, so richtig auf! Als ich später noch auf einer Anhöhe mit Blick auf die Stadt Pause mache, schwebt über Schleiz das markante Singen Gas gebender Motorräder.

Das Schleizer Dreieck

Die Hingabe des Ortes an den Motorsport wird übrigens auch eindrucksvoll dadurch versinnbildlicht, dass an der Stelle, wo in anderen Städten das unvermeidliche Denkmal für die in den Weltkriegen gefallenen Bürger steht, in Schleiz ein steinernes Ehrenmal zu bewundern ist, das die Namen aller Geschwindigkeitsrekordhalter der Rennstrecke aufführt.

Die Bergkirche

Die Bergkirche

Als ich Schleiz in nördlicher Richtung verlasse, passiere ich die Bergkirche, einen schön über der Stadt gelegenen Sakralbau, der 400 Jahre lang als Begräbniskirche der Fürsten zu Reuß diente, den ich aber aufgrund einer eben stattfindenden Veranstaltung nicht besichtigen kann. Es fällt mir im Übrigen bald auf, dass ich, nachdem ich katholisches Gebiet verlassen und protestantisches betreten habe, keine Kirche mehr von innen sehe. Mich auf die Ruhe und Kühle eines Kirchenraumes freuend, stehe ich auf einmal regelmäßig vor verschlossenen Türen. Evangelische Kirchen sind meist abgeschlossen und für Besucher nicht zugänglich. Nur während der Gottesdienste sind sie geöffnet. Daher gelingt es mir, nachdem ich Bayern verlassen habe, kaum mehr, eine Kirche von innen zu sehen. Die Protestanten haben eine ganz andere Einstellung zum Kirchenraum als die Katholiken. Für sie bindet sich Gott nämlich nicht an Räume. Ein „heiliger Raum“ ist die Kirche nur in der Zeit, in der dort ein Gottesdienst stattfindet. Ansonsten ist er sozusagen profan und man ist Gott durch das Betreten der Kirche nicht näher. Ganz anders bei den Katholiken: durch das Tabernakel, in dem sich Leib und Blut Christi befinden, ist Gott hier immer anwesend. Deshalb ermöglicht man es den Gläubigen in katholischen Kirchen, sich auch außerhalb der Gottesdienstzeiten dort aufzuhalten.

Wenn man davon weiß, mag die „Verschlossenheit“ der protestantischen Kirchen ja begründet sein. Aber dem vergeblich die Klinke drückenden Passanten hilft das auch nicht weiter. Und ich muss sagen, dass das keinen sehr guten Eindruck macht. Man fühlt sich von der Kirche nicht willkommen, abgewiesen – ganz im Gegensatz zu den katholischen Regionen, wo ich die Kirchen immer wieder als Orte der Geborgenheit erlebe.

Meine Unterkunft nehme ich schließlich in Görkwitz, wo ich auf unglaublich nette Gastgeber treffe. Es macht ein bisschen den Eindruck, als ob sie alles wieder gutmachen wollen, was ich zuvor an diesem Tag mit den Einwohnern Thüringens erlebt habe. Vor allem die Dame des Hauses ist eine äußerst sympathische Frau. So wie dort werde ich wohl nirgends auf meiner Reise verwöhnt. Außerdem hat sie sehr interessante Geschichten zu erzählen: das Gasthaus hat vor einiger Zeit sein 130-jähriges Jubiläum gefeiert. Zu diesem Anlass hat meine Gastgeberin die bewegte Historie des Hauses aufgearbeitet und in einigen Wandtafeln zusammengestellt, die dort noch immer hängen.

20. Tour: Von Görkwitz nach Neustadt a.d. Orla

Auf meinem letzten Teilstück dieser Etappe herrscht unerträgliche Hitze. Dazu gibt es den ganzen Tag über beinahe keine Möglichkeit, sich zwischendurch in einem Waldstück etwas in den Schatten zu begeben. Zunächst wartet die nächste Autobahn auf mich. Diesmal überquere ich die A 9, die schon von meinem Zimmer in Görkwitz aus als fernes Meeresrauschen zu hören war. Als ich nun über ihr stehe, merkte ich, welch eine ungeheure Geräuschkulisse sie entfaltet. Hier gibt es keinen „Flüsterasphalt“. Nein, hier liegen noch die alten Betonplatten, die ein ohrenbetäubendes Knattern und Rattern verursachen, wenn die Autos und LKW darüber hinwegdonnern.

Ein Stück weiter liegt das Plothener Teichgebiet an meinem Weg, das „Land der tausend Teiche“, die, vor langer Zeit von Mönchen angelegt, heute ein schönes, weit gestrecktes Biotop darstellen. Das Gebiet wird auch durchaus touristisch vermarktet, doch erschlossen ist es in dieser Hinsicht keineswegs. Das ist ja an sich löblich, ist aber doch etwas ärgerlich, weil der offizielle Wanderweg nicht im geringsten ausgeschildert und auch sonst nicht eindeutig zu erkennen ist – was, wenig überraschend, prompt wieder zu Irritationen in meiner Wegfindung führt.

Plothener Teichgebiet

Die kleinen Dörfer, durch die man in dieser Gegend kommt, sind fast allesamt sehr idyllisch und schön. Gerade auf die Bauernhöfe trifft das zu, wo sich viele alte Gebäude erhalten haben, die allem Anschein nach in recht gutem Zustand sind. Auffallend ist dies etwa in Pahnstangen, Dreba oder vor allem Zollgrün, das, beschaulich in einem Tal gelegen, einen besonders vorteilhaften Eindruck macht – der nicht geschmälert wird durch die Windräder, die sich direkt am Ortsrand drehen.

Blick auf das Orlatal

Blick auf das Orlatal

Mit Neustadt an der Orla erreiche ich schließlich den Zielort dieser Etappe. Die Stadt macht einen recht freundlichen, auch historisch und architektonisch interessanten Eindruck. Viele alte Gebäude sind erhalten und zu einem großen Teil renoviert. Sehenswert sind etwa das beeindruckende spätgotische Rathaus oder die mittelalterlichen Fleischbänke. Hier ist eine Ladenstraße vollkommen erhalten, in der ab dem 15. Jahrhundert Metzger in kleinen Verkaufslauben ihre Waren feilboten. Noch bis 1948 wurde hier Freibankfleisch verkauft. Diese Fleischbänke sind übrigens die einzigen erhaltenen ihrer Art in Europa. Bei einer Wanderung durch die Straßen rund um die Stadtkirche stößt man immer wieder auf schöne Ensembles von alten, renovierten Fachwerkhäusern, so dass ich mich mit einem recht positiven Eindruck auf den Weg zum etwas außerhalb gelegenen Bahnhof mache.

Rauthaus von Neustadt a.d. Orla

Dessen Anblick ist dann aber umso erschütternder: ein riesiges, imposantes Backsteingebäude, ganz gebührend einer so traditionsreichen Stadt – aber leer stehend und verfallend. Alle Fenster und Türen sind verrammelt, das Bahnpersonal besteht aus einem angepinnten Fahrplan und einem Fahrscheinautomaten. Keine menschliche Seele scheint sich hier um den Bahnbetrieb zu kümmern. Welch ein trauriger Eindruck! Und übrigens ein Eindruck, der sich auf der Heimfahrt beim Passieren anderer Bahnhöfe noch verstärkt. Überall sieht man wunderschöne, alte Bahnhofsbauten, völlig sich selbst überlassen, keine Anbindung, kein Service. Schon während der Wanderung auf dieser Etappe habe ich diverse Male überwuchernde Gleise passiert. Jetzt wird mir klar: auch von der Bahn wird hier eine Region einfach abgehängt, die aus wirtschaftlichen und geographischen Gründen ohnehin um ihre Zukunft kämpft.