Fünfte Etappe

Von Halberstadt nach Hamburg

Und dann bin ich wieder zurück. Wieder musste beinahe ein ganzes Jahr vergehen, in dem ich oft an die Wanderung dachte; überlegte, ob es tatsächlich möglich wäre, im Lauf der nächsten Etappe mein Zwischenziel Hamburg zu erreichen. Und als ich im Frühjahr 2012 an die konkretere Planung gehe, scheint das tatsächlich machbar, wenn die Etappe dann auch die bisher mit Abstand längste dieser Wanderung sein müsste. Es ist unglaublich, dass mein Ziel nun doch schon so nahe rückt! Die Vorfreude steigt dadurch umso mehr.

Am 15. Mai 2012 komme ich schließlich wieder in Halberstadt an. Die Anfahrt ist mittlerweile schon so weit, dass am Ankunftstag an Wandern nicht mehr zu denken ist, ich vielmehr sechseinhalb Stunden im Zug zubinge. Umso dringender wird es da, endlich wieder ins Laufen zu kommen. Doch zunächst nutze ich die Zeit, mir Halberstadt noch etwas näher anzusehen.

Einem Vergleich mit Quedlinburg hält Halberstadt in keiner Weise stand. Zwar hat es im Prinzip dieselbe Ausgangslage: einen Dom mit Domschatz, viele alte Kirchen und eine Altstadt mit einem Roland und Fachwerkhäusern. Allerdings ist es ihr in dieser Hinsicht schlechter ergangen als Quedlinburg. Im Krieg wurden bei Bombenangriffen der Alliierten mehr als 80 Prozent der Stadt zerstört und während der DDR-Zeit vieles, was noch übrig war, beseitigt. Erst nach der Wende begann man, einige wenige Quartiere zu renovieren und in den alten Zustand zu versetzen. So ist Halberstadt heute ein Flickenteppich aus prächtigen Sakralbauten, eintönigen Mietshäusern, schönen Fachwerkgebäuden und schmutzigen Plattenbauten.

Kreuzgang der Liebfrauenkirche in Halberstadt

Dazu passend wirkt auch das touristische Angebot irgendwie halbherzig und unmotiviert. So als ob man nach außen hin stolz seine Sehenswürdigkeiten präsentiert, insgeheim aber der Meinung ist, dass es sowieso keinen interessiert. Seltsam ausgestorben sind dann auch die Plätze und Gebäude, die Halberstadt durchaus sehenswert machen: der riesige mittelalterliche Dom samt Domschatz, der als einer der größten und prächtigsten weltweit gilt; die Liebfrauen- und die Martinikirche; die schönen Fachwerkgassen.

Leere in Halberstadt

Leere in Halberstadt

Geradezu bezeichnend finde ich den Domplatz, ein Platz mitten im Zentrum der Stadt, von dem aus alle genannten Einrichtungen nur ein paar Schritte entfernt sind, und für dessen riesige Fläche den Planern nichts anderes eingefallen ist als: nichts! Der Stadtkern ist eine ungenutzte und unbebaute Sandfläche – mithin wird sämtliches Stadtleben ferngehalten. Am abenteuerlichsten ist die Erklärung dazu, die auf einem Hinweisschild zu lesen ist unter dem Titel „Kultivierung der Leere“. Das sandige Stadtzentrum sei nämlich „ein Instrument zur Wahrnehmung stadträumlicher Qualitäten“. Die seltsame Argumentation gipfelt in dem Satz: „Im Zusammenhang mit der Erforschung von Leere in Halberstadt wird auf dem Domplatz deutlich, dass Leere auch erhaben und schön sein kann.“ Tja, wenn die Stadtväter meinen… Auf mich wirkt das Ganze jedenfalls eher wie die Kapitulation vor der Ratlosigkeit, wie man etwas Leben in die Stadt bringen könnte.

Das Buchardi-Kloster

Das Buchardi-Kloster

Als ich tags darauf Halberstadt verlasse, schaue ich noch beim Buchardi-Kloster vorbei, wo ein sehr außergewöhnliches Orgelkonzert stattfindet: nach einer Komposition von John Cage wird hier seit 2001 das langsamste Konzert der Welt gegeben, mit dem Titel „Organ2/ASLSP“. Insgesamt soll es bis ins Jahr 2640 dauern, jeder einzelne Ton erklingt dadurch monatelang. Cage hatte den Hinweis ASLSP („as slow as possible“) seiner Komposition ursprünglich als Anweisung für einen Klavierschüler mitgegeben, um diesem das Vorspielen zu erleichtern. Daraus entstand irgendwann die Frage, wie langsam „so langsam wie möglich“ eigentlich sei. Eine Frage, die schließlich zu diesem skurrilen Konzert in einem Halberstädter Kloster führte. Das Konzert geht immer wieder durch die Medien und verschaffte Halberstadt einiges an Aufmerksamkeit. Unerwarteter-, aber nach meinem bisherigen Eindruck von der Stadt irgendwie doch nicht unpassenderweise liegt das Gebäude jedoch in einem vernachlässigten und leeren Innenhof, den man durch einen deutlich nach Urin riechenden Torbogen erreicht. Leider kam ich außerhalb der Öffnungszeiten. Trotzdem konnte ich durch die geschlossene Tür dumpf den monotonen Orgelton brummen hören.

31. Tour: Von Halberstadt nach Jerxheim

Nördlich von Halberstadt erklimme ich einen Höhenzug mit dem schönen Namen „Huy“. Allerdings spricht man diesen nicht „Hui“ aus, sondern „Hüh“, was althochdeutsch für „Höhe“ ist. Diesen bewaldeten Bergrücken hat man schnell hinter sich gebracht. Eine schöne Besonderheit, die ich dort passiere, ist die Daneilshöhle, die an sich nicht allzu spektakulär ist, aber eine interessante Legende zu erzählen hat: die Höhle ist nämlich benannt nach dem berüchtigten Räuber Daneil, der in ihr gehaust und die Einwohner der Umgegend mit seinen Überfällen in Angst und Schrecken versetzt haben soll. Immer wieder überfiel und tötete er Wanderer und Reisende. Drähte mit Glöckchen machten ihn auf seine Beute aufmerksam, seinem Pferd hatte er die Hufeisen verkehrt herum aufgeschlagen, um Verfolger in die Irre zu führen. Eines Tages wurde ein Mädchen zu seinem Opfer, das 200 Taler mit sich führte, um in einem Nachbardorf Mehlschulden zu bezahlen. Er ließ es am Leben und zwang es, seine Frau zu werden. Das Mädchen musste einen heiligen Eid schwören, Daneils Versteck nicht zu verraten. Die Kinder, die die junge Frau in den folgenden Jahren zur Welt brachte, tötete er sofort, weil er Angst hatte, er könne durch das Geschrei entdeckt werden. Irgendwann, als sie es nicht mehr ertrug, verließ die Frau heimlich die Höhle und ging nach Halberstadt, um dem steinernen Roland vor dem Rathaus ihr Leid zu klagen. Diese Beichte hörte aber der Rathaus-Pförtner und meldete es dem Rat der Stadt, worauf ein Pfarrer geholt wurde, der die Frau von ihrem Eid befreite. Nun ging es mit dem bösen Daneil zu Ende, denn der Rat rief alle Bürger auf, Mehl und Wasser in den Wald zu tragen. Dort wurden diese zu einer großen Menge heißen Breis gekocht, den man durch ein Loch in die Höhle goss. So brachte man Daneil schließlich zur Strecke, der in seinem Versteck an dem heißen Mehlbrei erstickte.

Am nördlichen Ende der Anhöhe wandere ich durch Dingelstedt am Huy, ein auf den Blick des Vorbeispazierenden sehr ansehnlicher Ort mit vielen Backstein- und Fachwerkhäusern. Nördlich des Huy wird es dann sehr flach, sehr baumlos und dadurch landschaftlich sehr langweilig. Wieder beherrschen riesige Ackerflächen das Bild, die Feldwege sind über viele Kilometer wie mit dem Lineal gezogen, wodurch sich die Strecke gewaltig hinzieht.

Immerhin scheint Petrus nach wie vor Gefallen an meinem Unternehmen zu haben. Jedenfalls verschont er mich wieder einmal, wo er nur kann. Laut den Vorhersagen war ein Tag mit viel Regen zu erwarten. Außer ein paar zu vernachlässigenden Tropfen bekomme ich aber erneut nichts davon ab. Die schwarzen Wolken sind meine ständigen Begleiter, rundherum geht immer wieder starker Regen nieder. Aber ich werde verschont. Es scheint sogar längere Zeit die Sonne. Allerdings ist es sehr kühl, und es bläst ein äußerst starker Wind, was wegen der baum- und strauchlosen Landschaft, in der ich mich nun befinde, einigermaßen unangenehm ist. Nachmittags erreiche ich das Moor des sogenannten Großen Bruch und damit die Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Blick vom Heeseberg

Blick vom Heeseberg

Ein Stück wandere ich am ehemaligen Kolonnenweg, der Teil der DDR-Grenzanlagen gewesen war, entlang. Nach „drüben“ führt dann nur eine Bundesstraße ohne Ausweichmöglichkeit, was den an sich denkwürdigen Augenblick des Betretens des vierten Bundeslandes meiner Reise eher unangenehm macht. Die letzten Meter auf den Heeseberg, auf dem ich mein Nachtquartier aufschlage, sind dann noch einmal recht ansprechend: bei Sonnenschein, windgeschützt und in schöner, mit Bäumen und Sträuchern bestandener Landschaft, die sich Schritt für Schritt mehr vor mir ausbreitet. Von der Terrasse meiner Unterkunft kann ich einen wunderbaren Blick auf die Gegend werfen, aus der ich gekommen bin.

32. Tour: Von Jerxheim nach Königslutter

Am nächsten Morgen besuche ich noch kurz den Aussichtsturm auf dem Heeseberg und genieße den weiten Blick in alle Richtungen, unter anderem auf den Elm, den ich an diesem Tag überqueren will und der der letzte größere Höhenzug auf meiner Reise sein wird.

Es ist Vatertag und in diesen Breitengraden scheint man den Brauch besonders hochzuhalten, sich aus diesem Anlass sinnlos zu betrinken. In solcher Ausprägung habe ich das jedenfalls in meiner Heimat bisher nicht gesehen: eine Gruppe Jugendlicher (oder auch nicht mehr ganz so jugendlicher Herren) packt einen oder mehrere Kästen Bier in einen Handwagen und macht sich trinkend auf die Reise – wohin auch immer. Schon um halb 11 Uhr vormittags begegnet mir ein solcher Pulk auf der Straße kurz vor Ingeleben. Später treffe ich im Elm, also mitten im Wald, auf eine trinkende Vatertags-Gruppe, die sogar ihre eigene Dart-Scheibe mitgebracht hat. Vor Königslutter wummert mir schon laute Techno-Musik entgegen und in der Stadt gerate ich in eine Gruppe betrunkener Jugendlicher. Ein ganz besonderer Tag also für die Herren der Schöpfung!

Blick vom Heeseberg nach Süden

Meine Mittagspause verbringe ich an diesem Tag allerdings völlig ungestört, an einem unglaublich schönen Platz: auf einer Bank an einem Waldrand am südlichen Ende des Elm, mit einem wunderbaren Blick zurück auf den Brocken – den ich schon seit dem Vortag immer wieder in der Ferne gesehen habe -, den Heeseberg und den Huy. Auch das Wetter ist tadellos, sodass ich am liebsten ewig dort sitzen würde.

Der Elm ist relativ unspektakulär: ein bewaldeter Höhenzug – viel mehr ist dazu nicht zu sagen. Laut Prospekt ist er immerhin der größte Buchenwald Norddeutschlands. Auf jeden Fall ist er aber konditionell herausfordernder als der Huy tags zuvor. Und es gibt in ihm einen Ort mit dem wundervollen Namen Langeleben, in dem sich – was schon fast etwas zuviel der Symbolik ist – doch wirklich ein Alten- und Pflegeheim befindet.

Der Dom von Königslutter

Der Dom von Königslutter

Königslutter, das ich an diesem Tag erreiche, überrascht mich doch sehr. Die Stadt war mir bis dahin völlig unbekannt – und dann ist das erste, an dem man vorbeiläuft, ein fast 900 Jahre alter, ungemein prachtvoller Dom samt Kaisergrab. Lothar III., Herzog von Sachsen, ab 1125 König und von 1135 bis zu seinem Tod 1137 Kaiser des römisch-deutschen Reiches, liegt hier begraben. Er war es auch gewesen, der 1135 den Auftrag für den Bau dieses Doms gegeben hatte. Das Innere der Kirche ist wunderschön ausgeschmückt, mit farbenprächtigen Malereien und Dekorationen. Nach zehnjährigen Arbeiten wurde die Renovierung erst vor zwei Jahren abgeschlossen, wie mir die Aufseherin erzählt. Diese beruhigt mich auch in meiner Beschämung, dass ich zuvor noch nie von Königslutter gehört hatte, indem sie meint, das ginge vielen so, die hier vorbeikämen.

Die Stadt selbst vermittelt ebenfalls einen sehr freundlichen Eindruck, mit unaufgeregt renovierten und ins normale Stadtleben integrierten Fachwerkhäusern – wobei mir auffällt, dass ich von Quedlinburg in dieser Hinsicht doch ziemlich „verdorben“ bin: wenn man dieses Stadtbild einmal gesehen hat, kann einen diesbezüglich nichts mehr so wirklich beeindrucken.

33. Tour: Von Königslutter nach Wolfsburg

Die nächste Etappe von Königslutter nach Wolfsburg ist, gelinde gesagt, unspektakulär: wiederum weitgehend ebenes Gelände mit riesigen Ackerflächen, schnurgeraden Straßen dazwischen, hier und da ein Dorf – und sonst nicht viel. Mich beschleicht das deutliche Gefühl, dass ich mich hier, südlich von Wolfsburg, in der an Reizen bisher ärmsten Gegend meiner gesamten Wanderung befinde.

Bei Rieseberg komme ich an dem kleinen Weiler Pappelhof vorbei, wo nur ein unscheinbarer, neben einer Hofeinfahrt platzierter Gedenkstein an ein grässliches Verbrechen erinnert, einen Massenmord, der sich im Juli 1933 hier zugetragen hat. Ausgangspunkt für diese sogenannten „Rieseberg-Morde“ war ein Schusswechsel im 30 Kilometer entfernten Braunschweig gewesen, bei dem ein SS-Angehöriger in der Meinung, er habe es mit Kommunisten zu tun, aus Versehen einen anderen SS-Mann getötet hatte. Da die NS-Funktionäre einen solchen peinlichen Vorfall nur ungern sahen, nutzte man den Vorfall im Gegenteil, den „Mord“ den Kommunisten in die Schuhe zu schieben und in den nächsten Tagen eine Hetzjagd auf politische Gegner in und um Braunschweig zu veranstalten.

Gedenkstein bei Pappelhof

Gedenkstein bei Pappelhof

Mehrere hundert Personen wurden verschleppt und zum Teil tagelang gefoltert, bis einer der Gefangenen, der zwanzigjährige Angestellte Alfred Staats, schließlich die Tat „gestand“. Zunächst wollte man ihn daraufhin öffentlichkeitswirksam hinrichten. Doch schließlich entschied man sich, das Exempel auf andere Art zu statuieren: am 4. Juli 1933 wurden elf Männer, unter ihnen Staats, auf einen Lkw geladen und zum Pappelhof tranportiert – einem ehemaligen Ferienhof für Arbeiterkinder, der bis 1933 in Gewerkschaftsbesitz gewesen war. Dort wurden sie am späten Abend nach weiteren Misshandlungen schließlich erschossen. Der Gedenkstein, vor dem ich stehe und der mit seiner Geschichte so gar nicht in diese ruhige, friedliche Gegend passen will, nennt nur zehn der Ermordeten. Das elfte Opfer wurde erst bei der Exhumierung im Jahr 1953 entdeckt. Seine Identität ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.

Raupenplage im Wolfsburger Stadtforst

Raupenplage im Wolfsburger Stadtforst

Südlich von Wolfsburg durchquere ich bald darauf den riesigen Wolfsburger Stadtforst, in dem sich eine gehörige Raupenplage zuzutragen scheint. Überall auf den Wegen sind Raupen und angenagte Blätter zu sehen. Als ich auf einer Bank Rast mache, ist es gar, als ob es Raupen regnen würde! Man hört das typische Geräusch, wie wenn Regen auf Waldboden fällt. Doch statt Wassertropfen sind es Raupen. Auf jedem Flecken robbt und kriecht es, auch von meiner Hose, Kappe und Jacke muss ich etliche Tierchen pflücken, so dass ich bald das Weite suche.

Ich habe es in den ersten Tagen wohl etwas zu stramm angegangen, was auch den spärlichen Übernachtungsmöglichkeiten in dieser Gegend geschuldet ist. Jedenfalls bin ich in drei Tagen insgesamt 85 Kilometer gewandert – ein Pensum, das ich mir bisher noch nie auferlegt habe – und nun beginnen meine Knie doch ziemlich darunter zu leiden. So komme ich recht lädiert in Wolfsburg an und quartiere mich mit meinen beiden maladen Knien hier erst einmal für zwei Nächte ein, um mich etwas zu erholen. Ich bin doch ziemlich in Sorge, ob das etwas nutzt oder ob ich diese Etappe eventuell viel zu früh abbrechen muss.

Meine Unterkunft liegt direkt am Mittellandkanal, mein Fenster blickt auf das Wasser hinaus, und so tuckern alle paar Minuten große Frachter direkt vor meinem Zimmer vorbei, was mich als absolute Landratte doch gehörig fasziniert. Doch kaum ist der nächste Tag gekommen, schon ist kein Gedanke mehr daran, mich ruhig zu halten. Ich will die Gelegenheit nutzen, mir Wolfsburg anzusehen, und so laufe ich schließlich doch wieder den ganzen Tag durch die Stadt, wenn auch ganz vorsichtig und immer genau auf die Signale aus meinen Knien horchend.

Die Stadt ist eindeutig und unmissverständlich vom VW-Werk bestimmt. Schon auf dem Weg zu meiner Unterkunft tags zuvor war mir aufgefallen, dass der Anteil der VW an den Autos gewaltig zunahm. In einem südlichen Stadtteil waren von 50 willkürlich gezählten Fahrzeugen 37 von der Marke VW. Die meisten weiteren waren Škoda, Seat oder Audi, also ebenfalls zum Konzern gehörig. Die Fabrik ist wie eine eigene Stadt und von ihrer Ausdehnung her bestimmt fast so groß wie die umgebenden Siedlungen. Diese muten zum Teil etwas seltsam an: für die Arbeiter errichtete Mehrfamilienhäuser, zwischen denen sich aber so viel ungenutzte Fläche befindet, dass man den Eindruck hat, die Planer wussten gar nicht, was tun mit all dem Platz.

Ganz Wolfsburg definiert sich über VW. Immerhin war hier auch zunächst das Werk da, die Stadt entstand erst später rundherum – genau so, wie das an anderen Orten mit Kirchen der Fall ist. Dass dieser Vergleich zwischen Volkswagen und Kirche nicht so ganz an den Haaren herbeigezogen ist, muss ich bei meinem Besuch in der Autostadt feststellen. In Wolfsburg hat VW ein riesiges Gelände ganz dem Auto gewidmet, und ich denke mir, wenn ich schon einmal hier bin, müsse ich mir das auch ansehen. Wirklich sehenswert ist das „ZeitHaus“, in dem Automodelle aller möglichen Zeiten und Marken ausgestellt sind, vom allerersten Kraftwagen von Carl Benz bis zu den Modellen der achtziger Jahre. Das ist ein sehr vergnüglicher und auch informativer Blick in die Automobilgeschichte. Der Rest dieser Autostadt ist allerdings nur erschütternd! Nun bin ich tatsächlich kein ausgewiesener Auto-Fan, und man könnte mit Recht sagen, dann muss man da ja nicht hineingehen. Aber wie hier eine quasi-religiöse Verehrung rund um ein Konsum-Produkt geschaffen wird, ist für mich doch erschreckend. Vor allem auch die Tatsache, dass diese Religion so viele Jünger anzieht.

Einer der ersten KdF-Wagen

Außer dem ZeitHaus sind alle anderen Gebäude auf dem Areal Tempel der Verehrung einzelner Automarken, in denen man die jeweiligen Fahrzeuge in feierlichem Ambiente ausführlich bestaunen und studieren darf. Das in meinen Augen absurdeste ist aber das Kundencenter. Hier findet sozusagen in einem festlichen Rahmen die Taufe statt, die Aufnahme der Sympathisanten in die VW-Kirche. Allen Ernstes kommen dorthin Menschen aus ganz Deutschland, um in einem Ritual ihr neues Auto abzuholen. Vielen ist es anscheinend tatsächlich eine längere Anreise wert, ihr Auto „ab Werk“ überreicht zu bekommen. Anzeigetafeln zeigen die Namen der Ehrengäste und ihrer Autohäuser; jeder Abholer wird von einem persönlichen Betreuer anerkennend per Handschlag begrüßt und zu seinem neuen Lieblingsobjekt begleitet, wo zunächst eine freudig staunende Inspektion stattfindet, bevor man dann unter allgemeinem Beifall auf die Straße entlassen wird – wo der Verkehr angehalten wird, um den Ehrengästen die wohlverdiente Vorfahrt zu gewähren. Als Besucher kann man dem Treiben – in meinem Fall ungläubig den Kopf schüttelnd – von oben zusehen.

Schloss Wolfsburg

Schloss Wolfsburg

Das Schloss Wolfsburg, das ich nach diesem Tanz ums Goldene Auto noch aufsuche, ist demgegenüber eine wahre Wohltat. Etwas abseits im Grünen gelegen ist dieses schon mehr als 700 Jahre alte Schloss recht stattlich und schön anzusehen. Es ist, wenig überraschend, auch der Namensgeber der Stadt. Allerdings heißt diese erst seit 1945 so. Denn vor dem Bau der Autofabrik durch die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) im Jahr 1938 gab es dort nur Schloss und grüne Wiese. Erst durch das Werk siedelten sich dort Menschen an, zunächst mehr oder weniger in Baracken. Die Stadt entwickelte sich also erst ab den vierziger Jahren und trug bis zu ihrer Umbenennung den wunderbar poetischen Namen „Stadt des KdF-Wagens“.

34. Tour: Von Wolfsburg nach Neuhaus/Sassenburg

Es ist Zeit, Wolfsburg zu verlassen und mich wieder Richtung Hamburg aufzumachen. Nach wie vor bin ich doch recht besorgt um meine Knie. Nach dem Tag in Wolfsburg bin ich aber wieder etwas zuversichtlicher, dass sich die Lage stabilisieren könnte. Ich nehme mir vor, die kommenden Etappen etwas kürzer zu halten, auch darauf zu achten, kleinere Schritte zu machen und langsamer zu gehen, wovon ich recht schnell merke, dass es die Belastung senkt. Mein großes Glück ist, dass ich mich hier in einer Gegend befand, in der es keine Steigungen und Gefälle gibt, sondern die Landschaft – und das gilt wohl bis zu meinem Ziel in Hamburg – völlig eben ist.

Schiffbare Brücke am Elbe-Seitenkanal

Schiffbare Brücke am Elbe-Seitenkanal

Endlich bietet auch die Umgegend hier wieder einmal einiges an schöner Natur: so das Naturschutzgebiet Barnbruch und den Gifhorner Stadtwald, in welchem sich ruhige Wälder mit beeindruckenden, immer wieder von Pferden bestandenen Wiesenlandschaften abwechseln. Der beeindruckendste Anblick liegt allerdings genau zwischen diesen beiden und ist kein Naturschauspiel, sondern wieder einmal ein von Menschenhand geschaffenes Monstrum von Bauwerk. Ich unterquere nämlich an diesem Tag den Elbe-Seitenkanal, und zwar nicht durch einen Tunnel, sondern unter einer Brücke – was heißt, dass auf dieser Brücke Wasser fließt und Schiffe fahren. Tatsächlich ein etwas surrealer Anblick!

35. Tour: Von Neuhaus/Sassenburg nach Wahrenholz

Von Neuhaus/Sassenburg, wo ich in dieser Nacht untergekommen bin, geht es am nächsten Tag weiter nach Wahrenholz. Gleich nördlich von Neuhaus erreiche ich eine riesige Moorlandschaft, passenderweise das „Große Moor“ genannt, in dem auch Torf abgebaut wird bzw. wurde. Noch heute gibt es dort Reste des Torfabbaus, diverse kleine Torf-Fabriken gruppieren sich um das Gebiet, ein großer Teil wurde aber für die Renaturierung stillgelegt. Das Große Moor gilt als eines der am meisten „zerstochenen“ Moore Niedersachsens. Durch den Torfabbau, der schon im 18. Jahrhundert begann, wurde hier eine seltene Tier- und Pflanzenwelt weitgehend zerstört. Durch Entwässerung, landwirtschaftliche Nutzung, extensive Weidewirtschaft und den Abtransport des Torfs verlor das Moor und seine Flora und Fauna jegliche Lebensgrundlage. Zur Trockenlegung wurden zunächst Entwässerungsgräben angelegt, die das Wasser, mit dem das Hochmoor vollgesogen war, aus dem Gebiet abführten.

Entwässerungsgraben im Großen Moor

Entwässerungsgraben im Großen Moor

Diese Gräben sind noch heute eines der bestimmenden Merkmale des Großen Moores. Immer wieder passiert man kleine Kanäle, die genau parallel zueinander und in peinlich gerader Linie gen Horizont verlaufen. Der Torf, der vor allem in Pflanzenerde, als Brennstoff sowie in Medizin und Kosmetik verwendet wird, wurde zunächst lange Zeit mit der Hand gestochen, eine anstrengende und langwierige Arbeit. Ende des 19. Jahrhunderts setzte dann die Mechanisierung und Industrialisierung ein. Maschinen halfen von nun an beim Abbau des Torfs, zum Transport wurden Feldbahnen verwendet, deren Gleisen man heute noch im Großen Moor begegnet. Mit dieser Modernisierung nahm natürlich auch die Geschwindigkeit der Zerstörung immer weiter zu. Noch Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde ein „Generalplan“ erstellt, laut dem das Große Moor in den folgenden 30 bis 40 Jahren vollständig abgetrocknet und abgetorft sein sollte. Gerade noch rechtzeitig setzte das Umdenken ein. Anfang der achtziger Jahre wurde in Niedersachsen ein Moorschutzprogramm verabschiedet, wonach erhaltene Hochmoorgebiete besser geschützt und bereits beschädigte wieder renaturiert werden sollten. So werden auch im Großen Moor heute weite Flächen wieder vernässt und versucht, die Landschaft soweit zu regenerieren, dass die angestammte Tier- und Pflanzenwelt sich wieder ansiedeln kann.

Auf meinem Weg durch das Große Moor passiere ich auch das Dorf Neudorf-Platendorf, eine Moorkolonie, die Ende des 18. Jahrhunderts angelegt wurde, und die bemerkenswert ist wegen ihrer seltsamen, sehr langgezogenen Form: die Häuser dieser Siedlung stehen sämtlich an einer schnurgeraden Straße, und das über eine Strecke von sechs Kilometern. Es gibt keinerlei Seitenstraßen und die Wegweiser, die auf Abzweigungen hinweisen, listen daher lediglich die Hausnummern auf – denn es wohnt ja jeder hier an der „Dorfstraße“.

Der weitere Weg an diesem Tag verläuft durch hübsche, dabei wenig spektakuläre Landschaft. Da ich wegen meiner Knie wieder eine relativ kurze Etappe angesetzt und dadurch relativ viel Zeit habe, mache ich es mir am frühen Nachmittag an einem Waldrand mit schönem Ausblick gemütlich, um etwas zu ruhen und zu lesen. Ein großer Fehler, wie sich herausstellt. Es gibt in dieser Gegend nämlich unfassbar viele Zecken. Als die erste über die Buchseite kriecht, die ich eben lese, und ich alarmiert beginne, an Ort und Stelle Körper und Kleidung abzusuchen, muss ich feststellen, dass schon etliche unterwegs sind, um sich ein schönes Plätzchen zu suchen. Im Gasthaus angekommen sehe ich, dass schon wieder einige von mir auf den hellen Parkettboden hinabgerieselt sind, worauf sich das ganze Spielchen wiederholt. Insgesamt beseitige ich an diesem Tag wohl sicherlich zehn solcher Exemplare und lebe nun in der ständigen Sorge, dass sich noch irgendwo solche verstecken. Natürlich kribbelt es dann auch ständig an meinem ganzen Körper und ich fühle Zecken krabbeln, wo gar keine sind.

Nachdem ich nun schon einige Tage in Niedersachsen unterwegs bin, habe ich einige Dinge beobachtet, die mir ganz typisch für diese Gegend scheinen. Das ist zum ersten die Landschaft, die wie bereits geschildert in großen Teilen recht eintönig und von riesigen Ackerflächen beherrscht ist – wobei sich dies, je weiter nördlich ich komme, wieder relativiert. Zum zweiten ist mir aufgefallen, dass die Art, Häuser zu bauen, hier eine ganz andere ist als im Süden. Die meisten Gebäude sind recht klein und sehr flach und haben nur ein Stockwerk. Außerdem scheint es hier nicht üblich, die Fassaden zu verputzen. Fast alle Häuser haben eine Backstein-Fassade, wobei nicht alle rohen roten Ziegelstein zeigen, sondern etliche auch andere Farben haben und wie glasiert wirken. Diese durchaus attraktive Häuser-Mode setzt sich auf meiner ganzen weiteren Reise in den Norden fort. Zum Dritten – und hier verfalle ich ungerechterweise wieder einmal in Pauschalisierungen – muss ich sagen, dass der Menschenschlag in Niedersachsen, je länger ich in dieser Region unterwegs bin, mir zumindest Fremden – also mir – gegenüber immer zurückhaltender und introvertierter scheint. Das soll beileibe nicht heißen, dass die Leute unfreundlich sind. Aber sie scheinen so etwa nach dem Motto zu leben, dass man mit seinem eigenen Kram schon viel genug zu tun habe und sich da nicht auch noch den von anderen anhören müsse. Nur äußerst selten gelingt es mir, mit einem Einheimischen ins Gespräch zu kommen, und selbst das nur kurz. Nicht einmal die Wirtsleute sind hier zu Unterhaltungen aufgelegt, sondern distanziert und irgendwie nicht greifbar – wie gesagt, dabei aber keineswegs unfreundlich.

36. Tour: Von Wahrenholz nach Allersehl

Am nächsten Tag erreiche ich schließlich die Lüneburger Heide. Was mir bis dahin nicht klar gewesen ist: man darf sich „die Heide“ nicht als ein zusammenhängendes Gebiet vorstellen. Vielmehr gibt es dort nur immer wieder einmal kleine, oft als Naturschutzgebiete ausgewiesene Gebiete, bei denen es sich um echte Heideflächen handelt. In meinem Fall ist das an diesem Tag der „Heilige Hain“ gleich nördlich von Wahrenholz, der seinen Namen durch seine Ähnlichkeit mit einem gleichnamigen Gemälde von Arnold Böcklin erhalten hat. Heideblüte wird zwar erst im August sein, trotzdem ist der Heilige Hain sehr schön anzusehen und zu durchstreifen. Vielleicht auch durch die sommerlichen Temperaturen hat die Szenerie etwas leicht Südländisches.

Denn das Wetter ist mittlerweile wieder strahlend. Nach dem etwas durchwachsenen, windigen und kühlen Auftakt, herrscht nun quasi wieder Sommer und die Temperaturen werden durch die ungestört vom Himmel heizende Sonne langsam beinahe drückend. Dadurch wird auch die Trockenheit schon wieder zum Thema. Die Waldbrandgefahr in der Region ist mittlerweile groß geworden, und die Bauern müsseen ihre Felder bewässern, um Ernteausfälle zu verhindern. Da ja gerade der Nordosten Deutschlands durch den Klimawandel betroffen ist und Regen hier zukünftig immer seltener werden wird, haben die Bauern hier anscheinend bereits vorgesorgt. Schon seit dem Vortag sind mir riesige Bewässerungsanlagen mit dicken Schläuchen und gigantischen Schlauchrollen aufgefallen, die ich zuvor nie gesehen habe, und die hier in regelmäßigen Abständen in den Feldern stehen und künstlichen Regen für das wachsende Getreide erzeugen. Der Größe und dem Umfang dieser Anlagen nach zu schließen müssen es beträchtliche Summen sein, die die Landwirte dort in diese Maschinen – und also in die Bekämpfung der Folgen des Klimawandels – investieren.

Im Heiligen Hain

Die Ortschaften, die ich nun passiere, sind zumeist sehr einladend und idyllisch, so etwa Langwedel oder auch Allersehl, wo ich schließlich Unterkunft nehme. In diesen Tagen bekomme ich eine solche Menge an Wild zu Gesicht wie noch nie auf dieser Reise. Andauernd laufen mir, wenn ich durch ein Waldstück wandere, Rehe und Kaninchen in unmittelbarer Nähe über den Weg. In einem Waldgebiet bei Repke bleibt ein Rehbock direkt neben mir stehen; so nahe, dass ich sein Geweih in allen Einzelheiten betrachten kann. Ein paar Meter weiter huschen zwei Kaninchen an mir vorbei, und als ich kurz darauf nach rechts in einen Feldweg blicke, sitzt dort ein Fuchs und blickt mich kurz verdutzt an, bevor er das Weite sucht.

Ein Reh am Wegesrand

Ein Reh am Wegesrand

Schon am Heiligen Hain habe ich an einem Wassergraben ein Reh entdeckt, noch bevor es auf mich aufmerksam werden konnte. Da der Wind gut stand und ich zur Salzsäule erstarrte, bevor es aufblickte, konnte ich es in aller Ruhe beobachten. Das Reh war durchaus skeptisch. Immer wieder blickte es in meine Richtung. Da Rehe aber hauptsächlich Bewegungen sehen können und ich daher solche, so gut es ging vermied, lief es nicht davon. Ich stand dort sicher fünf Minuten und sah ihm aus etwa zwanzig Metern Entfernung beim Fressen zu.

Auch der Kuckuck ist in diesen Tagen ständig zu hören und mächtige Greifvögel fliegen immer wieder aus den Baumkronen auf. Tags darauf darf ich schließlich auch noch lernen, wie der Ruf eines Rehs klingt: nämlich wie Hundebellen. Wie schon des Öfteren, habe ich wieder einmal ein Reh aufgeschreckt. Als es durch den Wald flieht, höre ich aus derselben Richtung ein Bellen und denke zunächst, der Jäger sei unterwegs und sein Hund sei hinter dem Reh her. Schließlich merke ich aber, dass es das Reh selbst ist, das diesen Warnruf von sich gibt, und ich derjenige bin, gegen den es sich richtet.

37. Tour: Von Allersehl nach Hösseringen

Nachdem ich, morgens von Allersehl aufgebrochen, Masel und Sprakensehl hinter mir gelassen habe, bin ich den restlichen Tag bis Hösseringen durchgehend im Wald unterwegs. Nichts als Bäume den ganzen Tag – was die Strecke wieder einmal recht eintönig macht. Doch der Höhepunkt des Tages wartet noch auf mich. Zunächst besuche ich vor Hösseringen das dortige Freilichtmuseum, ein Museumsdorf mit historischen landwirtschaftlichen Gebäuden, wie ich es zum Beispiel schon aus Glentleiten kenne. Es stellt sich als recht interessant heraus und optimal für einen kurzen Besuch, wenn es auch etwa mit Glentleiten nicht zu vergleichen ist. Die Ausstellung ist wesentlich kleiner und scheint auch weniger liebevoll umgesetzt als dort, wo man sich, wenn man eines der Häuser betritt, sofort vorstellen kann, wie die Menschen darin früher gelebt haben. Trotzdem verbringe ich eine angenehme Stunde dort.

Der Höhepunkt des Tages – sowie einer der bleibendsten Eindrücke der ganzen Reise – erwartet mich dann allerdings in meiner Unterkunft in Hösseringen. Ich komme dort in der ehemaligen Dorfschule unter, die von einem alten Ehepaar liebevoll und ganz meinem Geschmack entsprechend restauriert und eingerichtet worden ist. Es gibt drei Fremdenzimmer, die früher die Zimmer der drei Töchter der Familie gewesen sind und nun deren Namen tragen. Ich wohnte in Zimmer „Marie“, das so ausgestattet ist, dass ich mich kurz ins Museumsdorf zurückversetzt fühle: mit alten Möbeln, liebevoll dekoriert. Zu dem ganzen Ensemble gehört auch das Dorfcafé und der Dorfladen, beide ebenfalls mit verschiedenstem Krimskrams eingerichtet, das Geschäft als Tante-Emma-Laden konzipiert, in dem allerhand Nützliches auf und zwischen altem Kram feilgeboten wird. Ich kann mich kaum satt sehen an den Räumlichkeiten, und mir geht das Herz auf bei dem Anblick. Ich bin begeistert von diesem schönen Lebensentwurf, den die beiden Alten hier pflegen – und der mich doch etwas neidisch macht. Man hat das Gefühl, in diesem Haus Menschen zu begegnen, die das Zweifeln beendet und ihren Weg gefunden haben. Und dabei leisten sie ein beeindruckendes Pensum: neben dem Café, dem Laden und den Fremdenzimmern betreibt die Hausherrin auch noch einen eigenen Verlag, der sich vor allem bauhistorischen Themen widmet.

Im Museumsdorf Hösseringen

Hier erfahre ich auch wieder einmal etwas mehr über die Gegend und ihren wirtschaftlichen Zustand. Seit ich nach Niedersachsen gekommen bin, haben sich, ohne dass ich das zunächst bewusst wahrgenommen hätte, die Eindrücke von niedergeschlagenen und wirtschaftlich abgehängten Städten und Dörfern weitgehend verflüchtigt. Derartige Sorgen scheint man sich hier nicht machen zu müssen. Trotzdem erinnert mich das, was ich höre, aber doch sehr an Fuchsmühl in der Oberpfalz: es gebe in dieser Gegend quasi keine Arbeitsplätze, die Leute pendelten entweder oder – vor allem die jungen – zögen weg in die Großstadt. Früher gab es mehr Tourismus, weil viele Berliner hier ihren Urlaub verbrachten. Auch die Heide war für sie eines der nächstgelegenen zugänglichen Erholungsgebiete. Doch seit der Wende sei die Zahl der Besucher deutlich zurückgegangen. Dafür zögen sehr viele Rentner zu, die in dieser schönen Gegend ihren Lebensabend verbringen wollten.

38. Tour: Von Hösseringen nach Eimke

Nach einem gemütlichen Frühstück im Garten der ehemaligen Dorfschule verlasse ich Hösseringen am folgenden Tag in Richtung Aussichtsturm. Von dort aus habe ich einen guten Blick auf die Waldgebiete, die mich hier in der Lüneburger Heide überraschenderweise zuhauf umgeben. Überhaupt ist die ganze Landschaft dort viel ähnlicher der, die ich schon von meiner bisherigen Strecke in Mittel- und Süddeutschland kenne: Wälder, Wiesen, Felder. Das „Andere“ an dieser Gegend erkennt man nur, wenn man sich in einem der wenigen Heidegebiete aufhält sowie an den Dörfern. Wie bereits erwähnt ist hier alles Backstein, manchmal auch mit Fachwerk durchsetzt. Das gibt den Häusern einen ganz eigenen Charakter und lässt sie sehr wohnlich und behaglich erscheinen. So strahlen auch die meisten Dörfer als Ganzes etwas sehr Romantisches, Idyllisches aus – wie etwa auch in Eimke, wo ich an diesem Tag übernachte.

Bei Eimke

Bei Eimke

Das Wandern ist mittlerweile schon so zur Normalität geworden, dass die Tage immer mehr ineinander zu verschwimmen beginnen. Ich bin, wenn ich danach gefragt werde oder mir selbst Rechenschaft darüber ablegen will, kaum mehr in der Lage, meine letzten Stationen aufzuzählen. Die Tage fliegen dahin und ähneln sich dabei in ihrem Ablauf relativ stark, was auch daran liegt, dass es oft nur wenige optische oder sonstige Ausreißer gibt.

39. Tour: Von Eimke nach Amelinghausen

Auch auf der folgenden Etappe ist die Landschaft zum großen Teil „siehe gestern“. Einziger, doch bedeutender Unterschied ist die Ellerndorfer Wacholderheide, ein sehr schönes – und für mich außergewöhnliches – Stück Natur. Hier gibt es, eigentlich zum ersten Mal seit dem „Heiligen Hain“, wieder einmal echte Heide. Das Besondere ist, wie der Name schon sagt, der große Bestand an Wacholder. Dieser hält sich in der Heide besonders gut, weil ihn die eingesetzten Heidepfleger, nämlich die Heidschnucken, nicht mögen.

Auffällig bleibt auch die große Trockenheit. In der Regionalzeitung lese ich beim Frühstückskaffee, dass es im Landkreis Uelzen – in dem ich mich eben befinde – seit Februar nur die Hälfte der sonst üblichen Menge geregnet hat. Die Bewässerungsanlagen sind deshalb im Dauereinsatz. Überall, wo man hinblickt, stehen in den Feldern diese riesigen Geräte. Die Branche der Beregnungstechnologie, die mir bis vor Kurzem völlig unbekannt war und mir eine Besonderheit dieser Region zu sein scheint, boomt jedenfalls.

Die Ellerndorfer Wacholderheide

40. Tour: Von Amelinghausen nach Eyendorf

Die folgende Etappe von Amelinghausen nach Eyendorrf ist die bis dahin wohl kürzeste meiner gesamten Reise. Aufgrund von Übernachtungsengpässen und dem Problem, die Strecke nach Hamburg – die mittlerweile deutlich zusammengeschrumpft ist – noch passend einzuteilen, ist es allerdings nicht anders möglich. Mir gibt das die Gelegenheit, diesen Tag äußerst entspannt anzugehen und mir jederzeit, wo mir danach ist, eine Ruhepause zu gönnen. Wie gerufen kommt es da, dass gefühlt jeden Kilometer eine einladende Bank am Wegesrand steht.

Die Landschaft ist im Gegensatz zu den vorherigen Tagen von Anfang bis Ende idyllisch und ansprechend. Wie aus dem kitschigen Werbeprospekt wirken die bunt mit Blüten durchwirkten Wiesen hinter mit groben Holzpfählen errichteten Zäunen, auf denen, in passenden Abständen drapiert, braune, in der Sonne glänzende Pferde stehen.

Pferde auf der Weide

Pferde auf der Weide

Auch die Feld- und Waldwege schlängeln sich einladend um Waldränder herum, heben und senken sich über leicht welliges Land. In aller Deutlichkeit fällt mir erst jetzt wieder auf, wie anders und oft eintönig da doch in weiten Teilen die Regionen waren, die ich in den letzten Tagen durchwandert habe: das leicht „Unordentliche“, die nicht in der Horizontalen wie Vertikalen wie mit dem Lineal gezogenen Linien, das Natürliche und Spannende eines sich über einen Hügel und um die nächste Biegung windenden Feldweges, steht im deutlichen Gegensatz zu den meisten Eindrücken der vergangenen Tage: wie oft war ich über Straßen und Wege gewandert, die über mehrere Kilometer völlig gerade und ohne jeden Höhenunterschied verlaufen waren? Das Phänomen, das ich schon im Gäuboden und dann auch wieder in der Gegend um Wolfsburg gefühlt hatte: es fehlt dort jede Spannung, was einen wohl als nächstes erwarten wird.

Leseplatz an der Luhe

Leseplatz an der Luhe

Ich nutze meine auf dieser Etappe so üppig bemessene Zeit dafür, endlich einmal das zu tun, was ich mir so oft schon unterwegs gewünscht und ausgemalt, bisher aber nie wirklich ausführlich getan habe: mich irgendwo im Grünen, abseits jeglicher Menschen, auf eine Bank mit schönem Ausblick zu setzen und zu lesen. An diesem Tag nun tue ich das gleich zweimal. Es gibt für mich Romane, die sich ganz besonders dafür eignen, im Freien, im halbschattigen Grünen, gelesen zu werden. Stifters „Nachsommer“ gehört auf jeden Fall dazu, genauso wie Thomas Manns „Zauberberg“, wie ich jetzt feststellen darf, da ich dieses Buch als Reiselektüre im Rucksack habe. Nachdem ich schon nördlich der Kronsbergheide auf einer schönen Bank ein Kapitel gelesen habe, finde ich am frühen Nachmittag, als ich mich auf einem schmalen Wanderweg entlang dem Flüsschen Luhe durchs Dickicht schlage, einen Platz, der wirkt, als wäre er extra für micht hier entworfen worden: auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald und direkt an der Luhe, wo diese gerade besonders munter murmelt, steht ein völlig intakter gemütlicher Drehstuhl. Diese Einladung kann ich nicht ablehnen und sitze so wohl an die anderthalb Stunden „Zauberberg“ lesend auf einem Stuhl am Flussufer im Wald.

Der restliche Weg nach Eyendorf ist dann relativ schnell zurückgelegt. Ich befinde mich jetzt bereits im „Speckgürtel“ Hamburgs, wie mir meine Pensionswirtin sagt. Die meisten Leute, die in Eyendorf leben, arbeiten in Hamburg. Spätestens daran ist zu erkennen, dass es nun wirklich nicht mehr weit ist bis zu meinem ursprünglichen und anfänglich so fernen Ziel! Doch gespannte Erwartung, Nervosität oder ähnliches mag sich nicht recht einstellen. Ich merke jetzt, dass ich tatsächlich gar nicht so sehr auf ein Ziel fixiert bin, auf dessen Erreichung ich hinwandere, sondern dass für mich wirklich mein anfangs gewähltes Motto gilt, dass der Weg das Ziel sei, und ich jeden einzelnen Tag mit gleichberechtigter Spannung erwarte.

41. Tour: Von Eyendorf nach Kieselshöh

Als ich tags darauf aufbreche, ist es zum ersten Mal seit zwei Wochen bewölkt, doch schon gegen Mittag brennt die Sonne wieder von einem nahezu makellosen Himmel. Es ist sehr angenehm, einmal einige Stunden im Schatten und bei gedämpften Temperaturen wandern zu können. Welch Luxusprobleme ich doch mit dem Wetter habe!

Hamburgs Speckgürtel ist etwas fürs Auge. Die Dörfer und die sie umgebende Landschaft begeistern mich. Salzhausen, Pattensen, aber vor allem Garstedt und Wulfsen: einladende Ortschaften, in denen ein Haus schöner, gepflegter und einladender ist als das andere – umgeben von sattgrünen Feldern, welligen Wiesen, schattigen Alleen und dem einen oder anderen Windrad, das in der sonnigen Brise gemächlich seine Flügel rotieren lässt. An den Häusern sieht man deutlich, dass hier Geld wohnt, dabei sind sie aber nicht protzig und abgehoben, sondern in einem gemütlichen „norddeutschen Landhausstil“ gebaut.

In Wulfsen

Auch die Menschen sind plötzlich ganz anders. Pauschalisierungen sind mir ja wie gesagt zuwider, aber wie schon mehrmals auf der Reise komme ich auch hier wieder nicht umhin, eine solche für gerechtfertigt zu halten. Der Eindruck drängt sich geradezu auf, dass sich der „Menschenschlag“ grundlegend geändert hat, seit ich den Landkreis Hamburg und damit das engere Hamburger Umland betreten habe. Was mir vorher in Niedersachsen – außer in Hösseringen – in knapp zwei Wochen kaum je gelungen ist, nämlich ein Gespräch mit den Einwohnern zu führen; nun geschieht es ständig: mit den Wirtinnen meiner Pension in Eyendorf, dem Inhaber des Restaurants dort sowie mit einem alten Herren in der Nähe von Garstedt.

Es ist dies ein äußerst liebenswürdiger, fast 90-jähriger Mann, der interessante Dinge zu berichten hat. Ich habe ja das Glück, dass mich tatsächlich interessiert, was die Alten so von früher erzählen. Er kommt gerade vom Friedhof, als wir uns begegnen, wo er das Grab seiner Frau besucht hat. Er hat sichtlich daran zu knabbern, dass sie vor ihm gestorben ist. Als ich ihm von meinem Vorhaben erzähle, ist er erstaunt, dass ich nur solch kurze Tagesetappen zurücklege. Was wiederum mich erstaunt. Aber dann erzählt er mir seine „Wandergeschichte“: er war im Zweiten Weltkrieg als Pilot eingesetzt, noch im Frühjahr 1945 in den italienischen Alpen. (Fliegen sei sein Leben, sagt er. Erst vor zwei Jahren habe er damit aufgehört.) Von dort desertierte er, und schlug sich zu Fuß von Italien bis nach Hamburg durch. Er legte pro Tag fünfzig bis sechzig Kilometer zurück, immer auf der Hut, nicht erwischt zu werden. Als junger, blonder Mann in Uniform war das sehr gefährlich. Erst in Thüringen bekam er von einer Familie abgetragene Zivilkleidung geschenkt. Seine Angehörigen in Hamburg waren ausgebombt und lebten deshalb auf dem Land südlich der Stadt. Dort stand er dann eines Tages plötzlich im Garten vor seiner Mutter, die vor Schreck fast in Ohnmacht fiel, weil man nicht gewusst hatte, ob er überhaupt noch lebe.

Ich höre dem rüstigen Herren gerne zu, der ersichtlich froh ist, mit jemandem reden zu können. Er schimpft auf das Nazi-Regime, diese „Arschlöcher“, die soviel kaputt gemacht haben – Aussagen, die ich bemerkenswert finde, weil sie in dieser Generation nicht immer so deutlich vertreten werden – und erzählt von den sinnlosen Aktionen, in die auch seine Fliegerstaffel geschickt wurde und die ihn fast das Leben kosteten. Eines Tages wurden Freiwillige für das „Rammen“ gesucht. Damit war gemeint, dass die Führungsflugzeuge feindlicher Bomberverbände durch deutsche Jagdflugzeuge gerammt und die Formation dadurch gestört und aufgelöst werden sollte – „als ob die anderen dann nicht mehr gewusst hätten, was sie tun sollten!“ Jung und pflichtbewusst wie er war, hatte der Mann, wie etliche andere auch, den Arm gehoben und sich für die Aktion gemeldet. Zum Glück stand neben ihm ein guter Kamerad, der sie ihm sofort wieder herunterriss und ihm zuflüsterte, er gehe jetzt nicht zum Sterben. Ein anderer Kamerad, den er schon seit seiner Kindheit kannte, hatte sich ebenfalls gemeldet und wurde ausgewählt. Später hieß es, er sei bei einem Einsatz tödlich verunglückt. Dass dieses „Unglück“ im Rahmen eines Selbstmordkommandos passiert war, wurde natürlich verschwiegen.

Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile. Er kennt sich auch in meiner Heimat aus, da er früher mit seiner Frau oft und gerne im Bayerischen Wald Urlaub gemacht hat. Seit er allein sei, mache ihm aber nichts mehr Spaß. Als ich ihm sage, dass ich meine gesamte Wanderung ganz allein gemacht habe und sie trotzdem durchaus genieße, kann er das nicht so recht verstehen. Zum Abschied gibt er mir jedenfalls den Rat: „Bleiben Sie nicht zu lange allein!“

Kieselshöh, wo ich an diesem Abend mein Lager aufschlage, ist ein ziemlich außergewöhnlicher Ort. Auf der Karte sieht er wie ein „normales“, relativ genau quadratisch angelegtes Dorf aus. Wenn man ihn aber durchschreitet, wähnt man sich mehr in einer Feriensiedlung: das Dorf ist mehr oder weniger im Wald gelegen; auch auf den einzelnen Grundstücken befindet sich also Wald, zwischen dessen Bäumen von der Straße aus meist in der Ferne ein Häuschen zu erahnen ist. Die Häuser stehen entsprechend sehr weit auseinander, dazwischen sind auch immer wieder Felder und Wiesen eingestreut. Es gibt nur Feldwege, Sandpisten und Trampelpfade, keine geteerten Straßen. Trotzdem gibt es laut den Wirtsleuten dort tatsächlich sechzig „feste“ Häuser.

So ähnlich die Landschaft ansonsten hier oft auch der in Süddeutschland ist (immer wieder einmal denke ich mir auf meinem Weg: „wenn Du hier ein Foto machst und sagst, das sei zum Beispiel in der Nähe des Chiemsees aufgenommen, glaubt Dir das jeder“), ein Unterschied fällt doch deutlich auf: Feld- und Waldwege sind hier oft aus tiefem, feinem Sand, auf dem es sich so beschwerlich läuft, als würde man über den Meeresstrand waten. Umso mehr freut es mich, dass sich meine Knie mittlerweile wieder fast vollständig stabilisiert und regeneriert haben. Ich kann die Schritte sogar wieder etwas anziehen. Auch ansonsten ist mein Körper, wie ich erfreut feststelle, was die Wander-Verschleißerscheinungen betrifft, so schmerzfrei wie selten – vor allem eingedenk der 250 Kilometer, die meine Beine mittlerweile in den Knochen haben.

42. Tour: Von Kieselshöh nach Hamburg

Am nächsten Tag breche ich zur finalen Etappe Richtung Hamburg auf. Selbst jetzt will sich ob des für mich symbolisch so bedeutsamen Ziels zunächst keine besondere Spannung einstellen. Als ich meine Sachen gepackt habe und die Unterkunft verlasse, bin ich in freudiger Erwartung wie jeden anderen Tag auch.

Es dauert auch überraschend lange, bis sich erahnen lässt, dass ich mich der großen Stadt nähere. Ich hatte gedacht, dass ich wohl beinahe den ganzen Tag durch Vororte und Stadtgebiet laufen müsste, bevor ich abends das Zentrum Hamburgs und damit den Michel erreiche. Tatsächlich bin ich aber noch bis zum frühen Nachmittag in vollkommen ländlichen Gebieten unterwegs.

Rangierbahnhof von Maschen

Rangierbahnhof von Maschen

Eine Ausnahme ist der Rangierbahnhof von Maschen, den ich auf einer riesigen Brücke überquere und der der größte seiner Art in Europa ist. Ein faszinierendes Bild: Gleise über Gleise bis zum Horizont, in welche Richtung man auch blickt. Ansonsten ist die Landschaft geradezu idyllisch: weite Felder und Wiesen, durchzogen von Entwässerungsgräben, friedlich weidende Kühe, kleine Dörfchen, durch schmale Straßen verbunden, ein Storch in seinem Nest – von Großstadt keine Spur.

Mitten in dieser Idylle – dem Großen Moor von Seevetal – überquere ich die Hamburger Stadtgrenze: an einer kleinen Landstraße steht da plötzlich das Schild „Freie und Hansestadt HAMBURG“ – und ich bin angekommen! Noch kann ich es gar nicht recht fassen, weil von einer „Stadt“ so gar nichts zu sehen ist. Nach einer Mittagspause am Neuländer See sind aber dann immer mehr Anzeichen vorhanden. Die grüne Idylle habe ich jetzt hinter mir gelassen. Zunächst wandere ich längere Zeit durch ein Gewerbegebiet und überquere schließlich auf der alten Harburger Brücke die Süderelbe. Beim Anblick der Elbe, der ersten Werften und Häfen, der darauf kreuzenden Schiffe, bin ich auch gefühlt in Hamburg angekommen. Und zum ersten Mal durchzuckt mich ein ungläubiges Staunen, dass ich den Weg von meiner niederbayerischen Heimat bis hierher tatsächlich zu Fuß zurückgelegt habe.

Storch im Nest

Die alte Harburger Brücke ist ein gebührendes Eintrittstor in die Stadt Hamburg: eine wunderschöne, heute nur noch für Fußgänger und Radfahrer geöffnete Brücke mit zwei steinernen Portalen und einer Bogenkonstruktion aus Metall, die in ihrem ganzen Aussehen stark an die alte Simbacher Innbrücke erinnert, der ich mich immer wieder mit großer Sympathie gewidmet habe.

Nach diesem Übertritt durchquere ich den Stadtteil Wilhelmsburg, der, wie schwer zu übersehen ist, zum großen Teil von ausländischen Mitbürgern bewohnt wird. Als ich hier in eine Seitenstraße abbiege, wähne ich mich plötzlich in Istanbul oder einem arabischen Land – was an dieser Stelle doch recht exotisch wirkt.

Als ich die nächste Brücke überquert habe, befinde ich mich endlich in dem unüberblickbaren Netz von Kanälen, Häfen, Werften, Straßen und Eisenbahngleisen, die den Hamburger Hafen ausmachen. Hier erspähe ich auch zum ersten Mal den Turm des Michel, und eingerahmt, wie er von Kränen, Frachtern, Lagerhallen und der Elbphilharmonie dasteht, überkommt mich nun doch ein großes Gefühl der Ungläubigkeit und auch ein bisschen des Stolzes. Gleichzeitig stellt sich eine gewisse Nervosität ein, nun endlich anzukommen.

Erster Blick auf Michel und Elbphilharmonie

Die Norderelbe unterquere ich durch den alten St.-Pauli-Elbtunnel, ein ebenfalls sehr bemerkenswertes und heute kurioses Beispiel menschlicher Ingenieurskunst. Man wird dort auf der einen Seite mit einem Aufzug durch den Schacht in die Tiefe gefahren – für Fußgänger gibt es auch Treppen -, unterquert dann durch eine Röhre die Elbe und kommt auf der anderen Seite durch den Schacht wieder an die Oberfläche. Das Besondere: das Gesagte gilt auch für Autos. Es gibt dort Aufzugskabinen für Fahrzeuge, die diese nach unten, und nach der Fahrt durch den Tunnel, wieder nach oben bringen. Für den alltäglichen Durchgangsverkehr spielt der Tunnel durch die Langwierigkeit des Vorgangs natürlich keine große Rolle mehr, er wird aber eben zu der Zeit aufwendig saniert und ist grundsätzlich für den Verkehr freigegeben.

Der Michel

Der Michel

Als ich am nördlichen Ufer der Elbe wieder an die Oberfläche komme, liegen direkt vor mir die Landungsbrücken und ich bin so gut wie angekommen. Ein paar Meter weiter stehe ich schließlich vor St. Michaelis und habe mein – zumindest ursprüngliches – Vorhaben zu Ende gebracht.

Nach der Begrüßung durch zwei Freunde, die in Hamburg wohnen und die freundlicherweise das Empfangskomitee bilden, begehe ich noch feierlich den letzten Akt dieser Teilstrecke und besteige – natürlich zu Fuß! – den Turm des Michel, um einen Panoramablick auf das schöne Hamburg und zurück auf den Weg, den ich gekommen bin, zu werfen. Ich stehe dort lange und blicke Richtung Süden, wohl mit einem Lächeln auf den Lippen und dem sehr angenehmen Gefühl, ein lange gehegtes Ziel erreicht zu haben.

Natürlich ist es nur ein Zwischenziel und mein Weg wird mich noch weiterführen, aber ursprünglich hatte ich mir damals, als ich zwei Jahre zuvor in meinem Wohnzimmer vor der Landkarte gekniet war, diese Kirche als Ziel vorgenommen und mir dessen Erreichung nicht wirklich vorstellen können. Im Rückblick ist es nun doch faszinierend, wie schnell und mit wie wenig körperlichem Aufwand es möglich ist, eine solche Strecke von 930 Kilometern zurückzulegen.