Erste Etappe

Vom Inn bis zur Donau

Als ich mein Elternhaus verlasse und auf die Straße trete, bin ich unterwegs. Ich mache mich neugierig auf den weiten, unbekannten Weg, hindurch durch meine an diesem Tag recht unbelebte Heimatstadt – es ist Feiertag: Pfingstmontag, der 24. Mai 2010 -, über den Städtischen Friedhof, vorbei an meiner alten Schule. Und hinaus ins Freie, hinaus aus dem Inntal, durch die ersten Felder, Wiesen und Wälder. Die Karten in meiner Tasche geben mir den Weg vor, die gerade Linie sauber darauf eingezeichnet, die mich von Süden nach Norden durch Deutschland führen soll.

1. Tour: Von Simbach nach Pfarrkirchen

Schnell merke ich, wie belebend und spannend es ist, keinem allzu festen Plan zu folgen, mich auch mal treiben zu lassen, an Weggabelungen spontan zu entscheiden, ob ich mich eher nach links oder rechts wenden will. Wie pathetisch das klingt!, aber es ist einfach so: ich fühle mich frei, vom ersten Moment an, als ich die Haustür hinter mir zuziehe und auf die Straße trete. Ich habe das schöne Gefühl, ungebunden zu sein, nichts und niemandem verpflichtet. Ich weiß nicht und bin gespannt, welche Menschen, welche Geschichten mir auf meiner Reise begegnen werden. Dieses Gefühl wird mich begleiten. An jedem Morgen meiner Wanderung erlebe ich es wieder neu und intensiv: aufstehen, einen Blick aus dem Fenster werfen auf die Landschaft, die da kommt, meine Sachen im Rucksack verstauen und mich wieder auf den Weg machen, um etwas Neues – etwas anderes als an jedem anderen Tag zuvor – zu sehen und zu erleben. Das macht mich bald regelrecht süchtig.

Und hier lässt es sich aushalten! Die Schönheit der Gegend auf meinem Weg von Simbach durch abgelegenes niederbayerisches Land überrascht mich. Immerhin ist das hier um mich herum meine Heimat, in der ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verbracht habe. Aber gleichzeitig handelt es sich, wie ich jetzt merke, anscheinend um einen Flecken Erde, den ich bisher nie wirklich bewusst wahrgenommen habe.

Blick auf das Inntal

Denn abseits der Hauptstraßen sticht mir nun auf den ersten Blick die ganze Schönheit Niederbayerns ins Auge. Teilweise sind die Anblicke schon fast kitschig: Kirchtürme aus Backstein, die aus gelb leuchtenden Rapsfeldern auftauchen; Feldwege, die sich aus dunklem Wald in junge, im Wind wogende Weizenfelder schlängeln; weiße Wattewolken vor blauem Himmel, drapiert um einen idyllisch auf einer Hügelkuppe gelegenen Bauernhof. Und dazu scheint die Sonne und macht den Tag und die Landschaft noch strahlender. Auf den Feldern herrscht Hochbetrieb. Überall sind die Bauern geschäftig zugange, um das erste Heu des Jahres einzubringen.

ch bin noch nicht weit gekommen, erst seit ein paar Stunden unterwegs, als ich am Dorfrand von Wittibreut stutze, weil ich vor einem recht auffälligen Gebäude stehe. Dieser Ort gibt mir irgendwie das Gefühl, mich näher mit ihm befassen zu sollen. Auf den ersten Blick scheint das Bauwerk ein Bauernhof zu sein. Als solcher ist es aber im Wortsinn eigenartig anzusehen. Es wirkt zu selbstbewusst und herausgeputzt für einen solch profanen Zweck: ein großer dreistöckiger, würfelförmiger, stolz in die Gegend blickender Backsteinbau, mit vielen blau beflügelten Fenstern und einem Holzbalkon an der Frontseite. Links davon ein kleineres Gebäude, ebenfalls aus Backstein, mit großen Fenstern und einer Außentreppe. In dem kleinen Hof dazwischen, umgeben von niedrigen Sträuchern, eine Art Denkmal für eine Familie Aigner. Neben der schön gestalteten hölzernen Eingangstür des Hauptgebäudes hängt ein Metallschild in Form einer alten Dampfeisenbahn.

Der Bahnhof von Wittibreut

Der Bahnhof von Wittibreut

Man sollte es nicht vermuten, aber ich habe hier – auf einer Hügelkuppe und abseits jeglicher Anbindung, mitten im niederbayerischen Niemandsland – einen ausgewachsenen Bahnhof vor mir. Was diesen Bahnhof aber erst zu einem wirklichen Kuriosum macht: es gibt hier keinerlei Gleise, und es gab sie auch nie.

Im Jahr 1871 wurde die Bahnlinie München-Wien eröffnet, die durch Simbach am Inn verlief und damit nur wenige Kilometer südlich von Wittibreut. Die Eisenbahn war die Erfindung der Stunde und wurde von der Bevölkerung auf dem Land als große Chance empfunden, näher an die Zentren heranzurücken. Deshalb hoffte man auch in Wittibreut und Umgebung auf einen Anschluss an diese Bahnlinie und damit an die große weite Welt. Hinderlich war nur, dass es bei den Betreibern keinerlei konkrete Planungen für eine Bahnverbindung in diese Gegend gab. Einem der Bauern aus der Nähe von Wittibreut war das egal. Der Landwirt Andreas Aigner, der nebenher übrigens ein recht erfolgreicher Finanzmakler war, wollte Tatsachen schaffen. Sein Gedanke: gibt es erst einmal einen Bahnhof, dann kommt unweigerlich auch die Bahnlinie. Und so erbaute Aigner im Jahr 1876 auf einem Hügel bei Wittibreut ein prächtiges Bahnhofsgebäude samt Nebenhaus, das als Gastwirtschaft für die Fahrgäste dienen sollte.

Es war sein ganzer Stolz. Und das Versprechen für eine goldene Zukunft.
Er wartete. Doch die Bahn kam – nicht.

Aigner hatte keinerlei Zweifel daran gehabt, den Planern ein unwiderstehliches Argument zu liefern und die Sache für Wittibreut zu zwingen. Aber diese ließen sich von seiner selbstbewussten Tat nicht beeindrucken. Auch Aigner musste das irgendwann einsehen. Es blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als das Anwesen anderweitig zu nutzen. Da es nun schon mal da war und reichlich Platz bot, funktionierte er es zu seinem Wohnhaus um und ersetzte den Stationsnamen, den er auf die Fassade hatte malen lassen, durch einen orthografisch nicht ganz einwandfreien Sinnspruch, der mich, als ich ihn lese, grübeln lässt, ob er resignierend oder selbstironisch gemeint ist: „Ein jeder Baut, wi’s im geffelt. Das Nimand komt, der für in bezahlt 1876.“

Wer jetzt allerdings denkt, damit hatte sich die Sache, unterschätzt die Zähigkeit der niederbayerischen Landbewohner. So wie es nun einen Bahnhof ohne Gleisanschluss gab, gab es im Nachbardorf Kößlarn bald darauf ein „Eisenbahn-Komitee“ ohne einen solchen. Angeführt wurde es vom Bürgermeister und vom Pfarrer des Dorfes. Auch die Wittibreuter mischten dort kräftig mit, wenn sich die Honoratioren zu Diskussion und Strategieplanung im örtlichen Wirtshaus trafen. Das Komitee versuchte unermüdlich, mit offiziellen Eingaben und Zeitungsartikeln die Behörden in München von der Notwendigkeit zu überzeugen, Kößlarn und Wittibreut an den Weltverkehr anzuschließen. Da war selbst das Argument nicht zu exotisch, bei Wittibreut könnte demnächst ein Kohlebergwerk entstehen. Und man hatte ja noch immer seinen Bahnhof!

Aber kein Argument, keine Petition half. Zwar wurde Kößlarn nach langen Verhandlungen und eigener finanzieller Beteiligung schließlich durch eine sogenannte Stichstrecke mit der Lokalbahnlinie verbunden, doch Wittibreut musste seine Hoffnungen endgültig aufgeben. Andreas Aigner aber entlockte das mitlerweile nicht mehr als ein Schulterzucken. Er lebte in seinem großen Bahnhof komfortabel von den Zinsen aus seinen Geldgeschäften und starb 1925 hochbetagt, im Alter von fast 91 Jahren.

Die Linie nach Kößlarn wurde 1911 eröffnet. Die Welt hielt trotzdem nicht Einzug in der Region. Wirklich rentabel wurden die Strecken nie. 1960 wurde der Verkehr nach Kößlarn schließlich eingestellt, in den folgenden Jahren auch der Großteil der anderen Lokalbahnlinien in der Gegend. Die Eisenbahn hatte zum Aufschwung der niederbayerischen Dörfer entgegen aller Erwartungen nichts beitragen können. Heute zeugen – neben dem wunderbaren Wittibreuter Bahnhofsgebäude – nur noch ein paar wenige verfallene Brücken, überwucherte Trassen und zu Radwegen umgebaute Linienabschnitte von der Eisenbahnvergangenheit dieser Region Niederbayerns.

Die Landschaft des Rottals, durch das ich nun wandere, ist hügelig. Immer wieder passiert man kleinere Waldgebiete, die sich mit Feldern und Wiesen abwechseln. Bauernhöfe stehen meist in kleinen Gruppen zusammen und ihre Bewohner sind an diesem Tag allesamt im Freien beschäftigt. Umso verlassener scheinen die Ortschaften zu liegen, durch die ich komme.

Ich bin erst einige Kilometer gegangen, als ich zu der Einsicht gelange, dass eine Idee und ihre praktische Umsetzung doch zwei ganz unterschiedliche Dinge sind. Zuhause, vor der Landkarte, habe ich mich vor allem mit dem Gedanken beschäftigt, wie es sein würde, durch die verschiedenen Regionen zu wandern, die auf meiner Route liegen. Wie es dort aussehen, was ich erleben würde. Dass es aber, um dorthin zu kommen, nicht damit getan ist, einen Rucksack mit den nötigsten Dingen vollzustopfen, die ausgelatschten, lange nicht benutzten Wanderschuhe aus dem Schuhregal zu holen und einfach loszugehen, muss ich erst lernen. Ich merke schnell, dass ich für meine Unerfahrenheit und Unbedarftheit als Wanderer erst einmal kräftig würde büßen müssen: die Schuhe sitzen nicht optimal, die Socken reiben an Ferse und Sohle, die mitgebrachte Wassermenge reicht bei Weitem nicht aus. Illusion und Realität klaffen da sehr schnell weit auseinander. Der Durst wird immer größer und auch meine Beine machen sich schon bald bemerkbar. Und dass da in meinen Schuhen nichts Gutes vor sich geht, ist ebensowenig abzustreiten! Es ist nicht mehr zu verhindern: ich werde erst einmal kräftig Lehrgeld zahlen müssen.

Nach mehreren Pausen erreiche ich am späten Nachmittag schließlich Pfarrkirchen, erschöpft bereits nach dem ersten Tag. Da kann nicht so recht Freude über das erste erreichte Etappenziel aufkommen. Wenn ich schon jetzt derart beeinträchtigt bin, wie soll das bloß in den nächsten Tagen weitergehen?

Pfarrkirchen aus der Ferne

Pfarrkirchen grüßt mich freundlich: bereits aus weiter Ferne winkt mir die Wallfahrtskirche auf dem Gartlberg zu, die mit ihren zwei Türmen gelb strahlend hoch über dem Ort thront. Ich ignoriere aber die nette Geste und kämpfe mich erschöpft bis zum Stadtplatz durch, der durch seine farbenfrohen Gebäude in der typischen Innstadtbauweise ebenfalls eine eindrucksvolle Kulisse bietet. Ich bin jedoch fürs Erste zu keiner weiteren touristischen Einlassung bereit und suche mir an Ort und Stelle eine Unterkunft, um mich erst einmal von den Strapazen auszuruhen.

2. Tour: Von Pfarrkirchen nach Johanniskirchen

Vermeintlich erholt mache ich mich am nächsten Morgen auf zu besagter Wallfahrtskirche. Der Aufstieg auf den Gartlberg ist jedoch steil und mühsam und innerhalb kürzester Zeit bin ich völlig durchnässt. Da passt es nur zu gut, dass es sich bei den Treppen hinauf, die immerhin unter schattigen Bäumen hinführten, um einen Kreuzweg handelt. Wie zur Buße meiner Sünden schleppe ich den schwer lastenden Rucksack den Anstieg hinauf, um schließlich, von allen Plagen erlöst, oben auf den freien Platz zu treten, wo die beiden gelb-weißen Türme direkt vor mir aufragen.

Die Wallfahrtskirche Gartlberg wurde 1715 vollendet. Nach der Legende hatte der Pfarrkirchner Hutstepper Wolfgang Schmierdorfer im Jahr 1634 in Regensburg ein marianisches Andachtsbild gekauft, das er auf dem Gartlberg an einen Baum nagelte, um dort in aller Ruhe und in Gottes Nähe seine Andacht zu verrichten. Den Ort scheint er ganz gut gewählt zu haben, da dieser sich bald als Trost spendend herumsprach. Im Jahr 1660 gab es auch eine erste Wunderheilung, so dass immer mehr Menschen auf den Gartlberg pilgerten, was schließlich zum Bau der Kirche führte Ohne leider selbst eine solche Wunderheilung an meinen Füßen zu erfahren, sehe ich mir den Innenraum der Kirche näher an. Dort hallt Orgelklang, von einem hörbar noch im Lernen begriffenen Organisten.

Nach kurzem Aufenthalt mache ich mich auf den Weg, Pfarrkirchen in Richtung Norden zu verlassen. Trotz meiner Blasen bin ich, als ich die Stadt verlasse und wieder in freies Feld vorstoße, zunächst guten Mutes und laufe bald wieder weitgehend rund. Der Tag verspricht so schön zu werden wie der erste. Nur der Wind ist etwas stärker, was aber bewirkt, dass die Weizenmeere, die ich immer wieder durchwandere, noch spektakulärere, glänzendere Wellen werfen.

Dietersburg

Dietersburg

Die Landschaft, wenn sie auch nicht mehr ganz so beeindruckend ist, wie die zwischen Simbach und Pfarrkirchen, strahlt doch wiederum eine ruhige, selbstbewusste Schönheit aus. Gegen Mittag erreiche ich Dietersburg. Die Kirche erhebt sich dort hoch über dem Ort auf einem Hügel, was durchaus einen majestätischen Eindruck vermittelt. Auch Dietersburg ist, wie schon die Ortschaften tags zuvor, fast völlig ausgestorben. Das Gasthaus des Ortes, in dem ich hoffe, eine Kleinigkeit essen zu können, liegt still und verlassen. Ich hatte wohl von Anfang an eine viel zu romantische Vorstellung von ländlichen Gasthäusern. Irgendwie hatte ich mir von diesen ein Bild gemacht, das beherrscht wurde von einer rustikalen Gaststube, einem knurrigen aber gastfreundlichen Wirt, den Honoratioren des Ortes, die sich dort abends versammeln und einer Tür, die dem Wandernden immer offensteht. Schon Letzteres ist aber quasi nie der Fall, wie ich sehr schnell erfahre. Tagsüber sind die Gasthäuser in dieser Region grundsätzlich geschlossen. Und auch die anderen Punkte würden sich bald als völlig irrig erweisen.

Die niederbayerischen Gasthäuser versprühen vielmehr oft den angestaubten Charme der sechziger und siebziger Jahre, mit türkis gefliestem Schankbereich, blinkenden Glücksspielautomaten an den Wänden und einer Gastzimmermöblierung und -ausstattung, die sich stumm beklagt, dass sie vom Wirt und seinen Stammgästen schon seit vielen Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen wurde. An einem Tisch versammelt sitzen – zu jeder Tageszeit, und mit Vorliebe früh morgens, wenn ich mich dort für das Frühstück einfinde – die Männer, die hier sitzen, weil sie schon immer hier saßen und weil es schon immer zu ihrem Tagesablauf gehörte, hier ein Bier nach dem anderen zu trinken. Einmal höre ich in einem Gasthaus, während ich um neun Uhr morgens beim Frühstück sitze, am Nebentisch eine Diskussion, ob derjenige, der sich eben auf die Toilette begeben hat, eben sein viertes oder sein fünftes Bier bestellt hat. Diese Tischgemeinschaften, die es, zumindest auf meinem ganzen Weg durch Niederbayern, wirklich in jedem Wirtshaus gibt, sind eingespielt und nach außen hin eindeutig abgegrenzt. Als Übernachtungsgast, der morgens oder abends in der Gaststube sein Essen einnimmt, fühlt man sich beobachtet und als Fremdkörper. Allerdings schlägtg mir nirgends Ablehnung entgegen. Man beäugt mich vorsichtig, aber freundlich, und sobald ein paar Begrüßungsworte gewechselt sind, akzeptiert man mich, vielleicht auch aufgrund des deutlich einheimischen Sprachcodes (niederbayerisch), umstandslos.

In Dietersburg verlege ich nun notgedrungen meine Mahlzeit in ein Waldstück nordöstlich des Ortes, wo ich mich völlig ungestört und allein mit der Natur aus den Vorräten in meinem Rucksack bediene – ein Ritual, dass sich von nun an zu fast ausnahmslos jeder Mittagspause wiederholt und das mir ein lieber und wertvoller Bestandteil meiner Wanderung wird.

Johanniskirchen

Johanniskirchen

Am Nachmittag erreiche ich, nach einer, meinen angeschlagenen Füßen geschuldeten, recht kurzen Tagesetappe, Johanniskirchen. Johanniskirchen ist ein langgestreckter Ort, so dass es eine gefühlte Ewigkeit dauert, bis ich ihn, von Südwesten kommend, durchschritten habe und am anderen Ende die Kirche mit dem obligatorischen Gasthaus erreiche. Der Ort wirkt ansprechend und lebendiger als andere in dieser Gegend. Er strahlt eine angenehme Atmosphäre aus und die Menschen sind freundlich und offen. Das Gasthaus ist tagsüber allerdings ebenfalls geschlossen, so dass ich längere Zeit auf die Wirtsleute warten muss.

Als ich dann abends auf der Terrasse auf mein Essen warte, erfahre ich vom Wirt weiteres über die Gasthauskultur in dieser Gegend. Wie zu vermuten, ist das Führen eines Wirtshauses auf dem flachen Land kein rentables Geschäft mehr. Die Dörfer sind tagsüber weitgehend menschenleer, weil die meisten Einwohner auswärts arbeiten. Touristen, die die wenigen Gästezimmer belegen würden, verschlägt es ebenso selten in die Gegend. So kommt es, dass die Gasthäuser meistens nur abends – oder auch morgens, zum Frühschoppen – geöffnet sind. Im Johanniskirchener Gasthaus ist es ohne Anmeldung auch abends nicht einmal möglich, ein warmes Essen zu bekommen, weil sich die Vorrathaltung nicht mehr lohnt. Als zufällig vorbeikommender Gast muss man sich dort mit einer kalten Brotzeit begnügen, was mich allerdings keineswegs stört.

3. Tour: Von Johanniskirchen nach Lappersdorf

Der folgende Tag ist ein Tag der Irrungen: nachts ist ein Gewitter niedergegangen und der Morgen daher bewölkt und kühl, was nach den vorhergehenden warmen Tagen allerdings eine angenehme Abwechslung ist und erfrischend wirkt. Auch meine Beine scheinen sich einigermaßen erholt zu haben, so dass ich frohen Mutes meine Unterkunft verlasse und auf wiederum sehr schönen Wegen über Lapperding und Minihof gegen Mittag eine Anhöhe erreiche, zu deren Füßen im Tal der Kollbach (nein, das ist kein Schreibfehler: tatsächlich heißt dieses Gewässer die Kollbach) Mariakirchen liegt. Mariakirchen besitzt ein schönes Wasserschloss samt Zinnen, Türmen, Wall und Burggraben, das von der Kollbach umflossen wird und bereits im 12. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde. Leider gehört es heute zum Areal eines Luxushotels, wodurch der Besuch der Anlage eher einem unerlaubten Eindringen gleicht und das Schloss zur Kulisse eines Gastgartens gemacht wurde.

Das Wasserschloss Mariakirchen

Das Wasserschloss Mariakirchen

Einen kurzen Besuch wert ist auch die Kirche von Mariakirchen, die im 18. Jahrhundert erbaut wurde und heute ein Wahrzeichen des Kollbachtals ist. Im Innern fällt dort ein alter, heute wohl nicht mehr genutzter Opferstock ins Auge, der drei Einwurfschlitze besitzt, so dass man sich entscheiden kann, ob man für die „bischöflichen Seminarien“, die „armen Seelen“ oder die „Heiden-Missionen“ spenden will. Eine schwierige Entscheidung, die einem dadurch etwas erleichtert wird, dass allem Anschein nach das eingeworfene Geld ohnehin in ein und demselben Fach landet.

Kurz hinter Mariakirchen beginnt dann meine Misere. In der Kammerau, einem großen Waldgebiet nördlich des Ortes, muss ich zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass Waldwege im Allgemeinen die Tendenz besitzen, eine eher kurzlebige Einrichtung zu sein. Eine Erfahrung übrigens, die sich in der Folge regelmäßig bestätigt, so dass ich bald eine gewisse Abneigung gegen diese so schönen Wege entwickle.

Die Karten, die mir den Weg weisen sollen, sind nicht ganz aktuell. Die Kammerau ist darauf durchzogen von schwarzen Linien, die mir einen recht zielstrebigen Weg durch den Wald vorgeben. In der Wirklichkeit ist dieser Weg allerdings schon recht bald höchstens noch zu erahnen und endet, nach einigen verzweifelten Versuchen, meine Orientierung nicht zu verlieren, irgendwann in hohem Gras und Gestrüpp. So bin ich gezwungen, sozusagen querwaldein den Anschluss wiederzufinden, woran ich aber schließlich grandios scheitere. Nachdem ich mich längere Zeit durch dichten Wald und diverse sonnenbeschienene, aber hoch von Gestrüpp bestandene Lichtungen geschlagen habe, stoße ich zwar endlich wieder auf einen Weg – und denke in meiner Orientierungslosigkeit, es sei der richtige –, doch führt mich dieser fast in entgegengesetzter Richtung aus der Kammerau heraus, so dass ich über die beiden Dörfer Thalhausen und Thanhausen einen großen Bogen wandern muss.

Kapelle kurz vor Adldorf

In Adldorf schließlich, wo ich, bereits wieder zum Niederknien erschöpft, geplant habe, mein Nachtlager aufzuschlagen, ist eine weitere Rate Lehrgeld fällig. Denn ich habe auf mein Glück vertraut und mich nicht im Vorhinein um eine Unterkunft gekümmert. So muss ich nun feststellen, dass das einzige Gasthaus des Ortes geschlossen ist. Als ich einen älteren Herren nach einer Übernachtungsmöglichkeit in der Gegend frage, schickt mich dieser mit großer Überzeugung ins etwa einen Kilometer östlich gelegene Eichendorf. Als ich dort endlich und noch erschöpfter ankomme, zeigt sich allerdings, dass dieser Ort leider ein nicht allzu kleines Strukturproblem zu haben und nicht zu den florierenden Gegenden Niederbayerns zu gehören scheint. Die beiden Gasthäuser des Ortes deuten mir jedenfalls mit blinden Fenstern und verbarrikadierten Türen an, dass sie keine Gäste mehr bewirten. Die Passanten, die ich um Rat frage, sind jedoch sehr nett, und schnell finde ich mich in einer Textilhandlung wieder, umgeben von etlichen Damen, die herzlichen Anteil an meiner Notlage nehmen und sich überdies recht interessiert an meinem Vorhaben zeigen. Schließlich schicken sie mich in das vier Kilometer westlich gelegene Lappersdorf, so dass ich auf meinem Weg ein zweites Mal nach Adldorf komme und nach über einstündigem Umherirren schließlich mit letzter Kraft in Lappersdorf eine Herberge finde.

Da ich die letzten Kilometer dorthin auch noch gegen aufziehende tiefschwarze Wolken anlaufe, die ein schweres Gewitter vermuten lassen, goutieren meine beanspruchten Beine und mein linkes Knie diese Ehrenrunde keineswegs. Es ist niederschmetternd: aber tatsächlich muss ich an diesem Abend über einen vorzeitigen Abbruch meines Unternehmens oder zumindest über das Einlegen einer Pause nachdenken. Doch da mein Geist, im Gegensatz zu meinem untrainierten Körper, von der Reise begeistert ist, kann ich tags darauf nach einem Blick aus dem Fenster auf einen zwar bewölkten, aber nicht hoffnungslosen Himmel sowie einigen Probeschritten durch mein Zimmer und hinunter zum Frühstück nicht anders als meine Sachen zu packen und mich wieder auf den Weg zu machen. Nicht weiterzugehen, auch nur einen Tag Pause zu machen, würde mir zu schwer fallen. Es zieht mich mit großer Macht weiter, was noch dadurch verstärkt wird, dass Lappersdorf einen äußerst unspektakulären Eindruck macht.

4. Tour: Von Lappersdorf nach Wallersdorf

Ich bin aber zurzeit nicht vom Glück verfolgt und so schmerzt mein Knie bald wieder so stark, dass ich bei jedem Schritt die Zähne zusammenbeißen muss. Außerdem schieben sich, als ich eben Wisselsdorf durchquere, schwarze Wolken zusammen und kündigen mit mehreren Donnern schweren Regen an. Kurz hinter dem Ort steige ich auf eine weite, unbewachsene Hochebene hinauf, die Platte, und bin somit kurz vor Ausbruch des Gewitters der höchste Punkt in weitem Umkreis – eine Situation, von der man im Zusammenhang mit guten Ratschlägen zum Schutz vor Blitzschlag oft hört, von der ich aber nie gedacht hätte, sie je zu erleben.

Die Blitze halten sich zwar schließlich fern, doch der Regen erwischt mich an ebenjenem Punkt, der mir weit und breit keinen Unterstand gewährt. Fluchend, schmerzgeplagt und vom Gedanken des Aufgebens verfolgt erreiche ich endlich einen überdachten Jägersitz am Rande einer kleinen Baumgruppe. Dieser Hochsitz, so unscheinbar er da auf dem Feld steht, sollte zu einer wichtigen Schlüsselstelle meiner Wanderung werden. Bei aller Begeisterung, die ich nach wie vor für mein Vorhaben empfinde, haben sich doch, wie man aus den bisherigen Schilderungen unschwer ersehen kann, einige negative Emotionen aufgestaut, die eine Resignation aufkeimen lassen wollen. Hier oben habe ich nun Gelegenheit, mich zu sammeln. Ich lasse erst einmal den ärgsten Regen vorbeiziehen und erhole mich langsam wieder. Der Blick auf das weite, freie Feld, das langsam durchnässt wird, in dem sich nach und nach kleine Pfützen bilden, die ziehenden Wasserschwaden, das beruhigende Prasseln des Regens auf den Wiesen und auf dem Dach über mir, bauen mich wieder auf. In meinem Rücken liegt Ettling, aber vor mir, so weit das Auge reicht, nur Natur, nur Felder, Wiesen, in der Ferne auch Bäume, alles nur dazu da, um beregnet und von mir betrachtet zu werden. Ich sitze lange dort, im Trockenen, und genieße den Anblick – und danach bin ich bestärkt in dem Bewusstsein, dass mir das hier wichtig ist, dass es mir Spaß macht und ich es unbedingt will. So bin ich gerüstet für den weiteren Weg. Ich ziehe meinen Regenschutz über und wandere weiter. Der Tiefpunkt ist überwunden; und nun macht das Wandern gerade deshalb wieder Spaß, weil der Regen auch dazugehört, weil ich ihm mit der richtigen Ausrüstung trotzen und ihn, sein ruhiges Fließen und Rauschen, dabei sogar genießen kann. (Um den Eindruck dieses erhabenen Moments nicht zu beschädigen, erwähne ich nur ungern und am Rande die Möglichkeit, dass auch die Einnahme eines schnöden Schmerzmittels, das mich fürs Erste von meinen Knieschmerzen befreit, eine gewisse Rolle bei dieser Entwicklung gespielt haben könnte.)

Nur einige hundert Meter weiter überquere ich in Ettling die Isar. Es regnet weiterhin, jetzt aber leichter, und ich empfinde die Überschreitung der Isar als ersten großen Schritt auf meiner Wanderung.

In Ettling steigt man steil zur Isarbrücke hinab, von da an hat man jeglichen Hügel hinter sich gelassen. Die Landschaft verändert sich auf der nördlichen Seite des Flusses schlagartig. Von Simbach bis Ettling ging es stetig bergauf und bergab, nicht sehr stark, aber doch mit Höhenunterschieden von bis zu einhundert Metern. Hatte man einen Hügel erklommen, stieg man ihn auf der anderen Seite wieder hinunter, nur um kurz darauf den nächsten Anstieg anzugehen. Die Ortschaften lagen dabei fast immer in den Senken: Johanniskirchen im Sulzbachtal, Mariakirchen im Kollbachtal, Adldorf, Eichendorf und Lappersdorf im Vilstal und Ettling im Isartal. Nun ist die Landschaft plötzlich vollkommen flach. So flach, dass der Höhenunterschied auf den nächsten acht Kilometern ganze fünf Meter beträgt.

Der große Teil der flachen Landschaft zwischen Isar und Donau in dieser Gegend wird Gäuboden oder Dungau genannt. Der Gäuboden wird im Norden vom Bayerischen Wald, im Süden vom angesprochenen Niederbayerischen Hügelland begrenzt. Er wurde gebildet durch die Wassermassen der Donau und der Isar, die sich in den Kaltzeiten vor etwa 2 Millionen Jahren ihren Weg nach Osten suchten und dabei an ihren Rändern hohe Terrassen aufschotterten, wie man sie eben in Ettling heute noch sehen kann. Durch seine extreme Flachheit war der Gäuboden von jeher prädestiniert für intensive landwirtschaftliche Nutzung. Gefördert wird dies noch durch einen mineralreichen Lössboden, so dass der Gäuboden schon seit über 7.000 Jahren von Bauern beackert wird. Wegen seiner Fruchtbarkeit wird er manchmal auch als „Kornkammer Bayerns“ bezeichnet und seine Bauern galten lange Zeit als die wohlhabendsten Landwirte. Die intensive Nutzung prägte aber auch das Landschaftsbild, so dass von den ursprünglichen Mischwäldern schon bald nichts mehr übrig blieb und mittlerweile jeglicher Baum oder Strauch fast vollständig verschwunden ist.

Kartoffelfelder bei Wallersdorf

Kartoffelfelder bei Wallersdorf

Dafür erblickt man, so weit das Auge reicht, Gemüseanpflanzungen, Kartoffel-, Mais- und Getreidefelder. Und das Auge reicht hier sehr weit! Ringsum blickt man auf einen schnurgeraden, weit entfernten Horizont. Eine schlagartige Veränderung der Landschaft, die im ersten Moment verwirrend auf mich wirkt. Es gibt nun keine Ungewissheit mehr, keine Neugier, was mir die Gegend wohl hinter der nächsten Kuppe, am Ende des nächsten Waldstücks bieten wird. Keine Übergänge, keine Abwechslungen mehr.

Der Weg zieht sich damit subjektiv in die Länge und die verbleibenden Kilometer bis nach Wallersdorf, wo ich in einem Gasthaus am Marktplatz Unterkunft finde, kommen mir wie eine Ewigkeit vor.

In den zwei Tagen, die ich im Gäuboden zwischen Isar und Donau wandere, stelle ich fest, dass ich mittlerweile ein recht gutes Gespür für Entfernungen entwickelt habe. Auch die Wetterlage lerne ich mit der Zeit besser einzuschätzen. Gelegenheit dazu habe ich wegen beinahe täglich wiederkehrender Gewittergefahr zur Genüge. Ziehen dunkle Wolken auf, kommt es mittlerweile vor, dass ich völlig ruhig bleibe, weil ich spüre, dass sie in eine andere Richtung ziehen werden oder es noch einige Zeit länger dauert, als man vermuten würde, bis sie schließlich abregnen. Ich trage auch immer wieder Wettläufe mit Regenwolken aus, als es in der Frage, ob ich rechtzeitig einen trockenen Unterstand erreichen kann, knapp wird. In Lappersdorf habe ich einen solchen gewonnen (worauf die Wolken, kurz nachdem ich die Unterkunft erreichte, verärgert mit Hagelschlag reagierten), auf der Platte bei Ettling habe ich klar verloren, und einen Tag später einigen wir uns bei Ainbrach an der Donau auf ein Remis, da mich zwar einige schwere Tropfen erwischen, ich vor dem großen Regenbruch aber die dortige Kirche erreiche.

Überhaupt spielen Kirchen bei einer solchen Wanderung eine wichtige Rolle. Sie sind weithin sichtbare Signale für Ansiedlungen, Orientierungspunkte, potenzielle Sehenswürdigkeiten und nicht zuletzt auch Zufluchtsorte. Vor allem der letzte Punkt ist ein Aspekt, den der moderne Mensch heute kaum noch kennt, der in früheren Zeiten dafür umso mehr galt. Steht ein Wolkenbruch bevor, ein heftiges Gewitter, halte ich Ausschau nach einer Kirche, weil mir dort in jedem Fall Unterschlupf gewährt wird. Die Türen katholischer Kirchen sind immer geöffnet – und jeder ist (so hoffe und denke ich) dort jederzeit willkommen; anders etwa als in den Gasthäusern, die oft geschlossen und verlassen da liegen.

Kirche in Wallersdorf

Kirche in Wallersdorf

Bei meinen kurzen Besuchen etlicher menschenleerer Dorfkirchen, die auf meinem Weg liegen, lerne ich übrigens auch, dass diese oft durchaus eine Feierlichkeit, Stille und Geborgenheit ausstrahlen, denen man sich leicht hingeben kann. Als ich etwa bei meinem Aufenthalt in Wallersdorf abends, nachdem ich mich in meinem Zimmer eingerichtet habe, noch eine kleine Runde durch den Ort drehe, nehme ich mir beim Eintritt in die dortige Kirche zum ersten Mal die Zeit, mich in eine der Bänke zu setzen und den Raum auf mich wirken zu lassen: seine Größe, die reichen Ornamente, die prächtigen Statuen und Gemälde – die dem Betrachter mit ihrem wohlgeordneten, festgefügten und streng kausalen Weltbild ein beruhigendes, zuversichtliches Gefühl einflößen –, die tiefe Stille der hohen Halle, die Dunkelheit hinter im Sonnenlicht tanzenden Staubflocken, den geweihten Geruch, das Alleinsein, das Knacken und Knarren des alten Holzes, die ganze feierliche Geduld des wartenden Raumes.

5. Tour: Von Wallersdorf nach Bogen

Kurz hinter Wallersdorf überquere ich am nächsten Tag ein weiteres prägnantes Hindernis auf meinem Weg: die A92, die hier quer durch den Gäuboden schneidet. Ich muss einige Zeit an der Autobahnböschung entlang gehen, bis ich zu einer Brücke komme, über die ich auf die nördliche Seite gelange. Dort wartet wieder die flache Ebene des Gäubodens, die nach wie vor eintönig wirkt, deren Schönheit sich mir nun aber langsam erschließt. Die Landschaft wird durchschnitten von schnurgeraden Straßen und Feldwegen, die gesäumt sind von ebenso schnurgerade aufgereihten Leitungsmasten. Als Wegmarke am Horizont dient der weithin sichtbare Kirchturm von Altenbuch. Hinter Altenbuch wird die Landschaft zunächst wieder grüner und ungleichmäßiger, schon bald aber wandere ich durch eine unermessliche, wohl kilometerweite Fläche von Solaranlagen, die in peinlichst genau ausgerichteten Reihen ihre Kollektoren gen Süden der Sonne entgegenstrecken und mir für die Zeit, in der ich sie durchschreite, jegliche Aussicht nehmen.

Nach der glücklichen Überquerung einer Bundesstraße und zweier Eisenbahngleise bin ich wieder zurück inmitten von wogenden Weizenfeldern. Auf meinem Weg in Richtung Donau passiere ich die Kirche zum Heiligen Kreuz in Loh. Diese ist die bedeutendste Wallfahrtskirche der Gegend. Die dortige Wallfahrt geht zurück auf eine Sage aus der Römerzeit, nach der ein christlicher römischer Offizier hier ein Kreuz aufgestellt hatte, das später von heidnischen Bajuwaren in den Sumpf geworfen wurde. Christen hätten dieses Kreuz wieder gefunden und heimlich verehrt. Um 1400 begannen jedenfalls die Wallfahrten zu besagtem Kreuz, denen sich im 17. und 18. Jahrhundert bis zu 50.000 Menschen anschlossen – dies allerdings auch, um sich auf dem großen, angeschlossenen Kirta zu vergnügen! Ende des 17. Jahrhunderts wurde dann schließlich die heutige Kirche errichtet, deren reiche Rokoko-Ausstattung ich aber leider nicht bewundern kann, weil sämtliche Eingänge versperrt sind.

Weizenfelder bei Loh

Ein paar Schritte weiter mache ich in Wischlburg Pause. Obwohl der Ort direkt an der Donau liegt, gibt es hier keine Möglichkeit, zum Ufer vorzudringen. Sämtliche Zugänge sind versperrt und verbaut. Mein Plan, an der Donau entlang bis nach Bogen zu wandern, entpuppt sich als äußerst schwierig. Zunächst gibt es dazu keine Möglichkeit, in Irlbach, wo ein solcher Weg beginnen würde, muss ich wegen Dammbauarbeiten einen weiten Umweg einschlagen und entferne mich dadurch weit vom Fluss. Nach Durchquerung des Auholzes, eines größeren Waldgebiets nördlich von Irlbach, kann ich schließlich ein kurzes Teilstück direkt an der Donau entlang wandern, bevor ich wieder auf einen Damm ausweichen muss, der mich ein gutes Stück vom Wasser weg führt. Kurz vor einem Gewitterschauer erreiche ich Ainbrach, das am rechten Donauufer genau gegenüber von Bogen liegt. Schon seit Loh hatte mir die Kirche auf dem Bogenberg immer wieder als Tages- und Etappenziel zugewinkt. Denn der erste Teil meiner Wanderung soll hier, nach der symbolischen Handlung der Überquerung der Donau, fürs Erste enden.

Die Donau mit dem Bogenberg

Die Donau mit dem Bogenberg

Nun überschreite ich also, noch während die letzten Regentropfen des Gewitters fallen, die mächtige Brücke über die Donau. Es ist die einzige Brücke weit und breit und sie ist keineswegs für Fußgänger geeignet. Den brausenden Verkehr zu meiner Rechten, zwischen Leitplanke und Brückengeländer balancierend, sehe ich zu, dieses Bauwerk so schnell wie möglich hinter mir zu lassen. Wieder bei Sonnenschein erreiche ich schließlich den idyllischen Stadtplatz von Bogen.

Der auffällige Bogenberg ist eine steile Felsnase, die sich südöstlich der Stadt in die flache Landschaft des Gäubodens schiebt. Ein eindrucksvoller Anblick! Auf seiner Spitze thront eine Kirche: Sankt Maria Himmelfahrt. Weil er so markant aus der Landschaft sticht, war der Bogenberg schon seit jeher ein Ort, an dem die Menschen versuchten, mit den Göttern in Verbindung zu treten – ob in der Steinzeit oder bei den Kelten. Dann kamen die Grafen von Bogen und nahmen im 11. Jahrhundert den Bogenberg in Beschlag – übrigens ein Adelsgeschlecht, das bis heute in Bayern noch gut sichtbar ist: die berühmten bayerischen weiß-blauen Rauten stammen ursprünglich aus ihrem Hauswappen. Ein Vertreter dieses stolzen Geschlechts, das bald die ganze Gegend beherrschte, war Graf Aswin. Die Legende erzählt, dass dieser eines Tages im Jahr 1104 eben Hof auf dem Bogenberg hielt, als ein steinernes Gnadenbild die Donau heraufgeschwommen kam – natürlich gegen den Strom, wie sollte es anders sein – und bei Bogen anlandete. Auch wenn solche Vorkommnisse in früheren Zeiten anscheinend nicht so selten waren wie heute, wird der Graf erkannt haben, dass es sich hier um ein außergewöhnliches göttliches Zeichen handelte. Also ließ er das Marienbild aus der Donau fischen und in seine Schlosskapelle bringen.

Bald bemerkte Aswin, dass sich der Aufwand gelohnt hatte. Die Figur wirkte diverse Wunder und half dem Grafen zuverlässig, seine Feinde zu besiegen. Die Nachricht darüber verbreitete sich schnell, und schon bald reichte die Kapelle nicht mehr aus, um die Pilgermassen aufzunehmen, die aufgebrochen waren, um das Wunder zu bestaunen und die Gelegenheit zu nutzen, die Statue um Erlösung von ihren so zahlreich aufgelaufenen Sünden zu bitten. Dadurch war es jetzt aber endgültig vorbei mit der gräflichen Ruhe auf dem beschaulichen Bogenberg! Vielleicht wünschte Aswin sogar, er hätte die Statue nie aus der Donau geholt. Denn anscheinend hatte er bald genug von dem ganzen Trubel. Jedenfalls soll er die Bergkuppe samt Schloss und Kapelle den Benediktinern eines nahen Klosters geschenkt haben, um sich ein Stück weiter eine neue Burg zu errichten.

Wallfahrtskirche St. Maria Himmelfahrt

Wallfahrtskirche St. Maria Himmelfahrt

Den Mönchen sollte es Recht sein. Sie bauten das Areal zu einer gebührenden Wallfahrtsstätte aus: Seit Ende des 13. Jahrhunderts wurde den Pilgern über den Ablass ihrer Sünden bei Vollendung der Wallfahrt zu „Unserer lieben Frau vom Bogenberg“ eine offizielle Quittung ausgestellt (so ein Beleg kann nie schaden, falls beim Jüngsten Gericht doch mal jemand nachfragt!). 1463 wurde die imposante Wallfahrtskirche fertiggestellt, die auch heute noch von dort oben in die Gegend blickt. Die Wallfahrt erfreute sich bald einer riesigen Beliebtheit. Im 16. Jahrhundert sollen zeitweise bis zu 15.000 Pilger angekommen sein – täglich!

Dass Wallfahrtstraditionen mitunter auch recht seltsame Blüten treiben, darf man ebenfalls am Bogenberg erfahren. Irgendwann im 15. Jahrhundert litt nämlich das Dorf Holzkirchen, das etwa 75 Kilometer südöstlich von Bogen ebenfalls an der Donau liegt, unter einer schlimmen Borkenkäferplage. Die Bäume starben in Massen ab, die kleinen Tierchen fraßen sich gnadenlos durch die Wälder und zerstörten damit die Lebensgrundlage der verzweifelten Einwohner. Die Katastrophe schien unaufhaltsam, die Leute standen machtlos da, sahen dem Treiben ratlos zu. Blieb ein letzter Ausweg: in ihrer Not wandten sich die Holzkirchener Bauern an die Allmächtigen über ihnen und baten die Muttergottes um Gnade und Verschonung. Sie gelobten: sollte Maria sie erhören, so wollten sie jedes Jahr zu ihr auf den Bogenberg pilgern und ihr eine ganz besondere Kerze bringen.

Kaum war das Gelübde gesprochen, geschah das Wunder: die Plage ging zurück, die Käfer verschwanden, die Bäume erholten sich. Nun waren die Holzkirchener natürlich in der Pflicht. Dankbar wie sie der Muttergottes waren, setzten sie ihr Versprechen in die Tat um. Und sie tun es bis heute. Seit mittlerweile über 500 Jahren findet die Holzkirchener Kerzenwallfahrt zum Bogenberg statt. Viele hundert Menschen nehmen jedes Mal daran teil. Zwei Tage sind die Holzkirchener unterwegs, um die Kerze die 75 Kilometer an der Donau entlang zu transportieren. Als ob das noch nicht genug wäre, haben sie sich für die Kerze etwas ganz besonderes ausgedacht. Denn diese hat es in sich: sie ist ein über zwölf Meter langer, knapp einen Zentner schwerer Fichtenstamm, der mit rotem Wachs umwickelt wird. Kräftige Männer sind da für den Marsch gefragt, und ein guter Gleichgewichtssinn kann auch nicht schaden: denn der Stamm wird auf dem Großteil der Strecke von nur je zwei Pilgern getragen, an mehreren Stellen aber sogar nur von einem – und dieser trägt die Kerze dann aufrecht stehend!

Ist die Gruppe schließlich in Bogen angekommen, wo tausende Menschen die Wallfahrer auf dem Stadtplatz erwarten, wird die Kerze das ganze letzte Stück den Bogenberg hinauf – das übrigens ziemlich steil ist, wie ich selbst erfahren musste! – stehend getragen. Ein schweißtreibendes, Kräfte zehrendes Unternehmen, und noch dazu äußerst verantwortungsvoll. Hier ist größte Vorsicht geboten. Denn sollte die Kerze an dieser Stelle umfallen, folgt der Legende nach Unglück und Krieg. Tatsächlich soll sie ausgerechnet in den Jahren 1913 und 1938 umgefallen und gebrochen sein. Wie wir wissen, folgte jeweils ein Weltkrieg.

Da erscheinen Diplomatie und Friedensbemühungen der Politik, um die Krisen in der Welt einzudämmen, doch gleich in einem ganz neuen Licht. Eine zentrale Rolle für den Weltfrieden spielen in Wirklichkeit nämlich die Pilger aus dem kleinen niederbayerischen Dorf Holzkirchen!

Maria in der Hoffnung

Maria in der Hoffnung

Und noch eine Kuriosität: im Innenraum der Kirche, in der Nähe des Chores, steht die hier verehrte, gut einen Meter große Sandsteinfigur der „Maria in der Hoffnung“. Allerdings entstand diese erst um 1400, kann also nicht die ursprünglich angeschwemmte sein. Ich muss zugeben, ich bin doch ziemlich erstaunt, als ich nach meinem mühsamen Aufstieg auf den Berg schließlich die Kirche betrete und vor ihr stehe. Man sieht da – in einen Umhang und ein langes, rötliches Kleid gehüllt, eine Krone auf dem Kopf – eine deutlich schwangere Maria, mit dick gewölbtem Bauch, die Hände mütterlich sorgsam darüber gefaltet. Auf dem Bauch ist in einem Rechteck – quasi als Hinweis auf seinen „Inhalt“ – das Jesuskind zu sehen. Ein ungewohnt „menschliches“ Bild der Muttergottes als schwangere Frau, das der mittelalterliche Künstler da aus dem Stein gehauen hat. Und tatsächlich eine äußerst seltene Art der Mariendarstellung, mit der sich schon viele Forscher beschäftigt haben.

Der Blick zurück

Der Blick zurück

Der Aufstieg auf den Bogenberg lohnt sich aber nicht nur wegen der Kirche. Denn von dort oben bietet sich ein freier Blick über den gesamten Gäuboden – und unter Umständen auch noch weiter. Nach den überstandenen Strapazen ist es doch ein sehr erhebendes Gefühl, hier am Tag nach meiner Ankunft in Bogen bei Sonnenschein im Biergarten zu sitzen und, quasi als Fazit meiner ersten Etappe, in die Richtung zu blicken, aus der ich gekommen bin. Trotz des weiten Ausblicks reicht das Auge nur bis zu den Hügeln, die sich südlich der Isar in Richtung Heimat erheben. Diese Hügel verschwimmen bereits im Dunst der Ferne, das flache Land dazwischen scheint unermesslich. Und dennoch habe ich dieses innerhalb der letzten eineinhalb Tage durchwandert. Es ist faszinierend, einmal im Rückblick zu sehen, welche Entfernungen man auch zu Fuß innerhalb solch kurzer Zeit zurücklegt.