Vierte Etappe

Mitteldeutsche Städte und Landschaften – Jena, Quedlinburg und der Harz

Zweieinhalb Monate später stehe ich wieder vor dem Neustädter Bahnhofsgebäude – als ob ich nie weg gewesen wäre. Der Weg muss fortgesetzt werden, geht dort weiter, wo ich mit dem letzten Schritt in den Zug nach Hause gestiegen war. Nun, am 15. August 2011, mache ich mich auf die vierte Etappe meiner Reise.

21. Tour: Von Neustadt a.d. Orla nach Kahla

Nachdem ich Neustadt in nördlicher Richtung verlassen und dort am Waldrand erst einmal eine kleine Mittagspause gemacht habe – die Anreise nimmt nun bereits den gesamten Vormittag in Anspruch – setze ich gleich am ersten Tag meinen doch bereits so zahlreichen Verirrungen eine neue Spitze auf: in dem riesigen Waldstück zwischen Neustadt und Kahla verliere ich meine Orientierung so vollständig, dass ich nach stundenlangem Umherirren, Klettern über Abhänge und Kriechen durch Gestrüpp völlig verzweifelt und ohne Hoffnung auf Rettung mitten im Nichts knöcheltief im Schlamm stehe. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Als ich noch einmal einen Angriff unternehme und an einem nahen Waldrand durch die Bäume luge, sehe ich, einer Fata Morgana gleich, die Leuchtenburg stolz auf einem Hügel direkt vor mir aufragen. Genau dort will ich hin! Aber so nah die Burg auch scheint, trennt mich doch tiefer, undurchdringlicher Morast von ihr und ich habe keine Ahnung, wie diesen überwinden. Schließlich finde ich doch einen kaum wahrnehmbaren Pfad, der in meiner Karte groß als Wanderweg eingetragen ist. Dieser Wanderweg überquert laut meinen Unterlagen ein Stück weiter einen Bach. Doch als ich die Stelle erreiche, sieht die Wirklichkeit etwas anders aus. Es gibt dort zwar tatsächlich eine Brücke, doch diese ist schon vor langer Zeit verwittert und in sich zusammengebrochen. Über ihre Reste balancierend erreiche ich schließlich glücklich die andere Seite und kann mich endlich einen steilen Hang hinauf Richtung Leuchtenburg aufmachen.

Die Leuchtenburg ist eine sehr schöne, gut erhaltene Burg mit langer Geschichte. Sie liegt oberhalb der Stadt Kahla und bietet einen weiten Ausblick in die Umgegend. Auch Jena sehe ich hier bereits fern in der Sonne blinken. Die Leuchtenburg wurde im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt, war später Verwaltungssitz der Wettiner und fiel 1826 an das Fürstentum Sachsen-Altenburg. In späteren Jahren wurde sie als Gefängnis, Armen- und „Irrenhaus“ genutzt.

Leuchtenburg und Umgebung

Nachdem ich die weiten Ausblicke an diesem mittlerweile strahlend schön gewordenen Tag gebührend gewürdigt habe, mache ich mich über einen Bergkamm auf den Weg zum unweit gelegenen Dohlenstein, einem natürlichen Steinbruch, der direkt an der Saale Kahla überragt. Von dort werfe ich einen beeindruckenden Blick über die Stadt in der Abendsonne. Nachdem ich mir nun alles von oben angesehen habe, mache ich mich auf den Weg in die Niederungen und gelange an der Saale entlang nach Kahla hinein, wo ich mir nach den Strapazen des ersten Tages erst einmal eine Unterkunft am Stadtrand suche.

Kahla

Kahla

Kahla erweist sich nicht nur von oben, sondern auch bei der Besichtigungstour am nächsten Morgen als sehr nettes, interessantes und schmuckes Städtchen mit langer Geschichte. Entsprechend findet man eine Reihe alter Bauwerke, viele davon auch mit Fachwerk, schmale Gässchen und Durchgänge sowie eine, zwar oft überbaute, aber insgesamt fast vollständig erhaltene Stadtmauer. Allzu lange halte ich mich allerdings nicht mehr auf, da am Ende der diesmaligen Tagesetappe ein, wie ich vermute, recht interessantes Ziel auf mich wartet: die Stadt Jena.

Indisches Springkraut

Indisches Springkraut

Als richtiggehende Plage fallen mir gerade an diesem Tag die unermesslichen Ansammlungen von Indischem Springkraut auf, die sich in Wassernähe dermaßen verbreitet haben, dass man Schneisen durch das Dickicht hat schlagen müssen, um den Menschen den Weg freizumachen. Diese Pflanze sehe ich in ganz Deutschland immer wieder in großen Mengen auftreten. Ihre Blüten sind sehr schön anzusehen und erinnern ein bisschen an Orchideen. Aber durch ihre schnelle Verbreitung, das rasche Wachstum und eine Wuchshöhe von über zwei Metern droht sie, andere Pflanzenarten in ihrem Lebensraum völlig zu verdrängen und wird deshalb heute allgemein als Bedrohung und unerwünschter Eindringling gesehen. Ursprünglich war das Indische Springkraut, wie der Name schon sagt, auf dem indischen Subkontinent beheimatet, wurde aber bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals als Zierpflanze nach Europa transportiert. Dies war der Anfang einer unaufhaltsamen Erfolgsgeschichte: schnell trat die fremde Pflanze in verschiedenen europäischen Ländern auch wild in der Natur auf, und heute ist sie in riesigen Mengen auf dem ganzen europäischen Kontinent zu finden. So haben sich mittlerweile diverse Vereine der Aufgabe verschrieben, die Ausbreitung der eingewanderten Pflanze zurückzudrängen und sie, wo sie gefunden wird, zu vernichten; wie mir aber während meiner Wanderung immer wieder vor Augen geführt wird, mit nur geringem Erfolg.

22. Tour: Von Kahla nach Jena

Die Wanderung nach Jena führt nun vorwiegend in der Nähe der Saale entlang. Allerdings bekomme ich den Fluss kaum zu Gesicht, weil der Weg einigermaßen im Zickzack verläuft und mich über diverse Hügel und kleine Ortschaften immer wieder von ihm weg führt. Schnell fällt mir auf, dass die Dörfer, die ich passiere, eine deutlich andere Anmutung haben, als die meisten, die ich in vielen Etappen zuvor in Nordbayern und Thüringen gesehen habe. In Großpürschütz oder Jägersdorf etwa bietet sich mir das Bild von offensichtlich recht wohlhabenden Dörfern, mit gepflegten alten und vielen schönen neu gebauten Häusern. Ich bin im „Speckgürtel“ Jenas angekommen. Jena gilt als eine der reichsten Städte Ostdeutschlands, und das wird schon hier deutlich sichtbar. Ähnlich geht es mir übrigens, als ich später die Jenaer Region in nördlicher Richtung wieder verlasse. Auch dort komme ich zunächst durch recht wohlhabend wirkende Ansiedlungen, bis ich nach einiger Zeit schließlich wieder in die Bescheidenheit durchschnittlicher thüringischer Dörfer zurückkehre.

Jena ist eine florierende Groß- und Universitätsstadt, ein wichtiger Technologiestandort, an dem sich viele Unternehmen niedergelassen und für einen außergewöhnlichen Aufschwung gesorgt haben. Anders als andere Städte hat Jena den Sprung aus dem Industriezeitalter des 19. Jahrhunderts geschafft und sich zu einem Zentrum der Wissenschaft und Forschung entwickelt. Sie ist eine der wenigen Städte im Osten, deren Bevölkerungszahl signifikant steigt, ihre Arbeitslosenquote liegt auf westdeutschem Niveau.

Jena ist ganz und gar „Stadt“, ein deutlicher Kontrast zu den meist ländlichen Gegenden der Tage und Wochen davor. Schon der Weg ins Zentrum, eine lange Strecke an der Stadtautobahn entlang, der Lärm, die Bauten, die Menschen – das sieht nicht nur anders aus, sondern fühlt sich auch völlig anders an als alle Städte und Dörfer, die ich bisher auf meiner Wanderung erreicht habe. Auch am Verhalten der Menschen merkt man das sehr eindrücklich: Städter legen ja meist eine große „Professionalität“ in Sachen soziale Interaktion an den Tag und reagieren weit weniger intensiv auf ihre Mitmenschen, als das oft in ländlichen Regionen der Fall ist. Auch – und vielleicht gerade – auf den fremden Wanderer trifft das zu, mit all seinen Vor- und Nachteilen: auch mit großem Rucksack bepackt und mit dreckiger Hose wird man auf der Straße nicht neugierig beäugt, sondern versinkt in völliger Anonymität; kommt dadurch aber auch viel schwerer ins Gespräch.

Rathaus und Jentower

Was Jena für einen Aufenthalt interessant macht, sind weniger die ökonomischen Meriten der Gegenwart als die bewegte und reiche Vergangenheit, die sich im Stadtkern an vielen Stellen widerspiegelt. Bei einem Rundgang durchs Zentrum kommt man durch schöne Gassen an etliche sehenswerte Bauten und Plätze. Man merkt dabei auch die starke Ausrichtung der Stadt auf die Universität und deren Geschichte, auf die großen Denker, die in Jena zu Hause waren: Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel usw. usw. Allerdings ist der Rundgang in meinem Fall doch relativ und überraschend schnell wieder beendet. Lange halte ich mich auf dem Johannisfriedhof auf, der mir von dem, was ich von der Stadt sehe, doch am beeindruckendsten scheint. Es ist dies ein uraltes evangelisches Friedhofsareal mitten in der Stadt, das heute nicht mehr als Begräbnisstätte genutzt wird und somit ein um die Friedenskirche ausgebreitetes parkähnliches Gelände darstellt, in dem zwischen wild wachsenden Bäumen und Sträuchern – und teilweise auch darunter – alte bis uralte Grabsteine und Mausoleen stehen. Immer wieder öffnet sich dazwischen der Blick auf die modernen Gebäude der umgebenden Stadt, wodurch sich eine sehr interessante Brechung ergibt.

Der Johannisfriedhof

Die Etappe, die ich am nächsten Tag von Jena nach Apolda zurücklege, ist die bis dahin kürzeste meiner gesamten Wanderung. Dies, weil ich den Vormittag noch für eine weitere Besichtigung nutze und Schillers Gartenhaus besuche, in dem die Familie des Dichters zwischen 1789 und 1799 ihre Sommer verbrachte und wo einige von Schillers Dramen entstanden sind. Im Garten ist er oft mit Goethe gesessen, hier hatten die beiden auch Freundschaft geschlossen. Heute liegt das Areal mitten im Getöse der Stadt und es fällt schwer, sich mit dem Verkehrslärm und dem hohen, aber architektonisch nicht besonders herausragenden Jentower im Hintergrund (die Wirtin des Gasthauses, in dem ich wohnte, hatte ihn recht passend „Prinzenrolle“ genannt) vorzustellen, wie die beiden Geistesgrößen sich hier in aller Ruhe austauschten.

23. Tour: Von Jena nach Apolda

Von Jena geht es nun erst einmal ein gehöriges Stück steil den Berg hinauf, Richtung Napoleonstein. Der Gedenkstein steht auf einer Anhöhe nördlich der Stadt, dort, von wo aus der französische Kaiser im Oktober 1806 die preußischen Truppen beobachtet hatte, bevor er sie vernichtend schlug. Insgesamt spielt die Schlacht von Jena und Auerstedt in der gesamten Gegend nördlich von Jena eine große Rolle. Immer wieder stößt man auf Hinweistafeln und steinerne Denkmäler an Stellen, wo sich bedeutende Teilschlachten zugetragen haben. Der Napoleonstein steht mitten im Naturschutzgebiet Windknollen, das früher ein Truppenübungsplatz der Wehrmacht und später der Sowjetischen Besatzungstruppen gewesen ist. Diese haben den Boden über Jahrzehnte derart umgeackert, dass dort heute kein Baum mehr steht. Mit seinen blühenden Trockenwiesen und dem sanft gewellten Gelände hoch über Jena und dem Saaletal – was einen atemberaubenden Fernblick erlaubt – ist der Windknollen doch recht beeindruckend. Passenderweise treffe ich am Napoleonstein schließlich noch auf eine Gruppe Bundeswehrsoldaten, die auf Besichtigungstour unterwegs sind – und augenscheinlich auch heute noch von Napoleons Kriegstaktik etwas lernen sollen.

Naturschutzgebiet Windknollen

Auf der Schlemmermeile vor Apolda

Auf der Schlemmermeile vor Apolda

Zwischen Vierzehnheiligen und Hermstedt gerate ich dann unversehens auf eine „Schlemmermeile“. Schon tags zuvor habe ich ein so großes Angebot an Obstbäumen angetroffen, dass ich mich den ganzen Tag beinahe nur von deren Früchten ernährte. Alle paar Meter stand ein prall mit eben reif werdenden Zwetschgen oder Äpfeln behangener Baum am Wegesrand und schrie geradezu danach, von seiner Last befreit zu werden. Dieses Angbot steigert sich jetzt noch einmal: Bäume und Sträucher behangen mit unglaublichen Mengen von verschiedenen Obstsorten stehen wild wachsend am Weg. Zwetschgen, Äpfel, gelbe und rote Kriacherl sowie Obst, für das ich keinen Namen habe – alle mit der genau richtigen Reife. Welch eine Verschwendung der Natur, die die Früchtemengen zu Boden fallen und dort gären lässt! Ich tue mein Bestes, um dem Einhalt zu gebieten, bin aber doch froh, als der Weg an ein Ende kommt, weil ich sonst wohl weitergegessen hätte, bis mir schlecht geworden wäre.

Marktplatz und Rathaus von Apolda

Marktplatz und Rathaus von Apolda

Apolda, wo ich an diesem Abend meine Zelte aufschlage, macht einen recht unspektakulären Eindruck einer ruhigen Kleinstadt, mit einem schönen historischen Stadtkern. Der Art nach, wie ich auf dem Marktplatz angesehen werde, scheint es auch nicht allzu viel Tourismus dort zu geben. Gerade in seiner Unaufgeregtheit und Durchschnittlichkeit entpuppt sich Apolda aber schließlich als äußerst angenehmer Aufenthaltsort. Ohne große Bedenken haben zu müssen, etwas wichtiges zu verpassen, sitze ich nach einer kleinen Runde durch den Ort noch lange mit einem Eis auf dem Marktplatz und genieße, die Füße von mir gestreckt, den lauen Abend. Der Name Apolda geht darauf zurück, dass es sich hier um einen Ort handelt, an dem es viele Äpfel gibt. Und die Stadt macht ihrem Namen tatsächlich alle Ehre: die Menge an Äpfeln und anderem Obst, dem man auf dem Weg begegnet, ist geradezu unfasslich.

24. Tour: Von Apolda nach Rastenberg

Als ich Apolda Richtung Norden verlasse, werden meine Eindrücke vom vorigen Tag noch einmal übertroffen: Zwischen Mattstedt und Nirmsdorf folge ich einem etwa vier Kilometer langen, schnurgeraden Feldweg, der auf beiden Seiten von hunderten, wenn nicht tausenden Apfelbäumen der verschiedensten Sorten gesäumt ist (dazwischen gibt es auch einige wenige Zwetschgen- und Birnbäume). Von klein und dunkelrot bis mehr als faustgroß ist alles dabei, jeder Baum zum Zusammenbrechen voll behangen, eine Frucht schöner als die nächste. Was übrigens insgesamt faszinierend ist: es gibt kaum Schädlinge. Von den Dutzenden Zwetschgen zum Beispiel, die ich in den letzten Tage gegessen habe, hatte genau eine einen Wurm. Und das, obwohl hier nicht gespritzt wird, denn die Bäume wachsen wild und ohne Aufsicht. Was natürlich auch heißt, dass sie nicht abgeerntet werden und der ganze Reichtum verderben würde. Meine Gastgeberin in Rastenberg, das ich an diesem Abend erreiche, sagt mir, dass zu DDR-Zeiten alle diese Bäume abgeerntet wurden und es eigene Pächter dafür gab. Heute macht das niemand mehr, weil es sich nicht mehr lohnt. Da kommt einem doch unwillkürlich der Gedanke: welch eine Verschwendung! Wieviele Menschen könnten damit wertvolle Nahrung erhalten. Mitten in Deutschland wachsen hier erstklassige Lebensmittel, die man verderben lässt, und im Supermarkt kaufen wir stattdessen Obst aus aller Herren Länder.

Weg zwischen Mattstedt und Nirmsdorf

Der Weg zwischen Mattstedt und Nirmsdorf ist auch ansonsten – was man so wohl nicht vermuten würde – einer der Höhepunkte meiner bisherigen Wanderung. Man fühlt sich dort ein bisschen wie in Südtirol oder der Toskana, wenn man durch eine dichte Allee von Obstbäumen wandert, auf einem holprigen, mit rohen weißen Steinen befestigten Feldweg und einem weiten Blick über sanft sich wellende Landschaften. Und das bei entsprechenden Temperaturen, die mir an diesem Tag vor allem um die Mittagszeit einige Probleme bereiten, weshalb ich es etwas langsamer angehen lassen muss und längere Zeit an einem schattigen Ort im hohen Gras ausruhe.

Ernte

Ernte

Der Weg bleibt den ganzen Tag völlig unbewaldet. Ich passiere pausenlos riesige, bis an den Horizont reichende Felder, auf denen die Landwirte mit mächtigen Maschinen die Ernte einfahren. Dabei komme ich auch immer wieder durch kleine, verschlafene Dörfer, in denen kaum ein Mensch zu sehen ist, die aber meist recht sympathisch wirken.

Dass Rastenberg und seine Umgebung nicht unbedingt florieren, zeigen mir schon meine Probleme, ein Gasthaus, eine Pension oder sonst eine Unterkunft zu finden. Nach einigem erfolglosen Suchen komme ich schließlich privat in einem Fremdenzimmer unter. Dort sitze ich dann gemütlich im Hof in der Sonne, den zotteligen Haushund zu Füßen, und unterhalte mich sehr nett mit den Inhabern, einem älteren Ehepaar. Die Gastgeberin zeichnet mir aber hier ein noch düstereres Bild von der Gegend, als ich es erwartet hatte. Verständlicherweise ist sie unzufrieden damit, wie sich die Dinge hier entwickelt haben: es gibt kaum Arbeitsplätze, die jungen Menschen ziehen weg und die einst lebhafte Gegend befindet sich in unaufhörlichem Abstieg. Zu DDR-Zeiten war das noch ganz anders gewesen. Ein Werbeprospekt von 1987, den ich im Aufenthaltsraum finde, beschreibt es so: „Seit Bestehen der Republik entwickelte sich das Finnestädtchen zu einem wichtigen Naherholungszentrum des Kreises Sömmerda. Und Rastenberg ist der einzige staatlich anerkannte Erholungsort der Werktätigen im Kreis. Jährlich erholen sich hier rund 2.500 Werktätige.“ Heute ist das Kurhaus abgerissen und kaum jemand verirrt sich noch hierher. Von früher sieben Gasthäusern ist noch ein einziges übrig, der Ort, der das Stadtrecht besitzt, ist nur noch ein kleines Dorf.

Meine Gastgeberin ist doch sehr verdrossen und verbittert über ihre Lage, und immer wieder scheint in unseren Gesprächen der, zwar unausgesprochene, Satz durch: „Früher in der DDR war es besser.“ Eine Haltung, die mir doch einiges Unbehagen bereitet, und die ich so irgendwie nicht von meiner Seite unkommentiert stehen lassen will. Allerdings wird das, was aus der Ferne bei mir bisher eher Unverständnis ausgelöst hat, aus der Nähe und in der konkreten Anschauung der Lebenssituation etlicher Menschen, mit denen ich ins Gespräch komme, doch um einiges nachvollziehbarer. Trotzdem möchte ich zur Verklärung der Vergangenheit nicht nur verständnisvoll nicken, sondern sie auch kritisch ansprechen. Als das Gespräch mit meiner Gastgeberin auch am nächsten Morgen beim Frühstück wieder in diese Richtung geht, merke ich schließlich an, dass es in der Diktatur der DDR viel Schlimmes gegeben hat, über dessen Verschwinden man doch froh sein müsse. Da stimmt sie mir auch sofort lebhaft zu. „Aber…“

25. Tour: Von Rastenberg nach Artern

Ohne diese doch recht düstere Einstimmung hätte ich Rastenberg als zwar unscheinbare, aber sympathische und idyllisch am Rand der Finne – eines bewaldeten Höhenzuges – gelegene Kleinstadt in Erinnerung behalten, als ich sie am nächsten Tag wieder verlasse. Zwischen Rothenberga und Lossa wandere ich in der Folge an einer ehemaligen Eisenbahntrasse entlang. Die Schienen sind bereits abgebaut worden, und so zeugt nur noch das Gelände – abwechselnd als Hohlweg und als aufgeschütteter Bahndamm – sowie zwei steinerne Brücken von der Vergangenheit. Vor allem die Brücken, die heute an dieser Stelle mitten im Nichts und ohne Funktion in ihrer Mächtigkeit völlig fehl am Platz wirken, geben der Szenerie etwas leicht Unwirkliches und Unheimliches. Hinzu kommt, dass das Wetter sich schnell eintrübt und die Stimmung dadurch einigermaßen düster wird. Auf dieser Bahntrasse überschreite ich nun zum ersten Mal die Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt. „Zum ersten Mal“, weil ich bald darauf, kurz hinter Lossa, erneut die Grenze überquere, und danach wieder zurück in Thüringen bin. Ich gehe lange an der Eisenbahntrasse entlang, auch dann noch, als das Gestrüpp immer dichter und der Hohlweg immer tiefer wird. Ein Weg ist nach wie vor zu erkennen, und plötzlich abbrechen kann er eigentlich nicht, da es sich, wie mir auch meine Karten sagen, um eine durchgehende Trasse handelt. Schließlich tut er es aber trotzdem. Plötzlich ist vor mir ein riesiger Wall aufgeschüttet, so dass ich vor die Wahl gestellt bin, einen langen Weg zurückzugehen oder die steile Böschung hinaufzuklettern. Abenteuerlustig entscheide ich mich für letzteres, was sich allerdings als viel schwieriger entpuppt als vermutet. Der Hang ist sehr steil, der Boden dazu sehr locker, so dass er keinen Halt gibt, und der Rucksack tut sein übriges, indem er mich mit seinem Gewicht nach hinten zieht und immer wieder im Gestrüpp hängen bleibt. Nach langem, anstrengendem Aufstieg, mit einigem verkrampftem Festhalten an dünnen Zweigen und viel Erde in den Schuhen, sind meine Bemühungen aber schließlich von Erfolg gekrönt.

Auf dem Weg von Wiehe nach Artern

Auf dem Weg von Wiehe nach Artern

Irgendwie scheint dieser Tag aber unter keinem guten Vorzeichen zu stehen. Auch das Wetter spielt nicht recht mit und schlägt einige Kapriolen, was von daher unangenehm ist, dass sich zumindest bis zum frühen Nachmittag Sonne und Regen andauernd abwechseln. So bin ich ständig damit beschäftigt, meine Regenausrüstung an- und wieder abzulegen. Denn ohne ist es bei Regen zu nass und mit bei Sonne zu heiß. Nachmittags kommt zudem ein sehr starker Wind auf, der mich in der waldlosen, exponierten Gegend zwischen Wiehe und Artern gehörig anbläst. Als ob das nicht reichen würde, habe ich schon seit dem Vortag wieder Schmerzen am rechten Fuß: der Rist tut immer spätestens nach einigen Kilometern weh, und diesmal hilft nicht einmal die Lockerung der Bindung. Ich gehe sogar einige Zeit mit offenem Schuh, was aber leider auch nicht zur Besserung beiträgt.

In diesem Zustand ist mir ausgerechnet an diesem Tag eine sehr lange Strecke auferlegt. Es bleibt in dieser Gegend einigermaßen schwer, eine Unterkunft zu finden. Fremdenverkehr scheint hier so gut wie nicht stattzufinden. Selbst in den Werbeprospekten kann man lesen, dass das „Thüringer Kernland“ bisher von den Touristen noch weitgehend unentdeckt sei. So bin ich denn gezwungen, bis nach Artern zu wandern, eine Strecke von mehr als 30 Kilometern, für die ich über acht Stunden auf den Beinen bin. In der Gegend um Artern nimmt die Zahl der Unterkünfte dann wieder zu, da sich hier der Kyffhäuser- und der Unstrut-Radwanderweg befinden. An diesen gehe ich schließlich auch einige Kilometer entlang, und überquere dabei meinen nächsten Fluss, die Unstrut.

Landschaft bei Artern

Landschaft bei Artern

Die Landschaft in dieser Region ist – schon seit ich hinter Jena aus dem Saaletal heraufgestiegen bin – zwar leicht gewellt, insgesamt aber doch recht flach, so dass man meist einen sehr guten Rundumblick hat; noch dazu, weil es dort beinahe keinen Wald gibt. Dabei fällt mir auf, dass sich nun nach längerer Zeit wieder zunehmend Windräder ins Bild schieben. Auch auf das Kyffhäuser-Denkmal habe ich in der Gegend um Artern lange Zeit einen guten Fernblick. Ansonsten ist die Gegend nach wie vor geprägt von riesigen Ackerflächen. Zwischen diesen befinden sich, wie ich nun immer öfter verzweifelt feststelle, keine Feldwege, so dass es oftmals schwierig wird, einen einigermaßen direkten Weg nach Norden zu finden. Immer wieder muss ich an viel befahrenen Autostraßen entlang gehen, weil diese die einzig gangbaren Verbindungswege darstellen. Zum Glück gibt es dort aber immerhin meist Radwege.

Der Solgraben

Der Solgraben

Artern selbst, wo ich schließlich Quartier nehme, bietet dem Besucher nicht allzu viel fürs Auge. Eine durchschnittliche Stadt, die wieder einmal nicht verbergen kann, dass sie die besten Zeiten hinter sich hat. Mehrere Zeugnisse erzählen von einer größeren Vergangenheit als Industrie- und Bergbaustadt. Ein bedeutender Aspekt dabei waren die Salzvorkommen in Artern. Lange Zeit – schon seit dem 15. Jahrhundert – war in Artern Salz gesiedet worden. Nach der Erschließung einer neuen Solequelle im 19. Jahrhundert wurde dieser Wirtschaftszweig noch einmal bedeutend ausgebaut. Gleichzeitig entstanden Pläne, Artern als Solekurbad zu etablieren. Diese Bemühungen, in die man ab Mitte des 19. Jahrhunderts viel Geld investierte, hatten aber letztlich keinen Erfolg. Vor allem die an der Unstrut regelmäßig wiederkehrenden Stechmückenplagen hielten die Gäste fern. Von diesem abgeschlossenen Kapitel Arterns erzählen heute nur noch die Ruine der Saline, ein Bergbau-Wanderweg und der Solgraben, ein Bach, der durch Artern fließt und Salzwasser führt – eine Auskunft die ich bestätigen konnte, nachdem ich den Finger hineingesteckt und das Wasser probiert hatte. Dieser ungewöhnliche Bach hat übrigens zur Folge, dass hier Pflanzen wachsen, die sonst in Deutschland so gut wie nicht vorkommen und nur in Strandnähe gedeihen.

Sangerhausen mit der Hohen Linde

Sangerhausen mit der Hohen Linde

Ein weiteres, weithin sichtbares Zeugnis der Bergbauvergangenheit der Region um Artern und Sangerhausen sind die riesigen Abraumhalden, die man sieht, sobald man aus dem Unstrut-Tal wieder heraufsteigt. Artern selbst besitzt keine, drei sind aber von hier aus zu sehen, eine davon die sogenannte „Hohe Linde“ in der Nähe meines nächsten Tagesziels Sangerhausen. Diese recht beeindruckenden Halden entstanden aus dem Schutt, der in drei Bergwerken in dieser Gegend beim Abbau von Kupferschiefer entstand. Hat der Kupferschiefer-Bergbau in der gesamten Region zwar eine sehr lange Geschichte, so ist sie in Sangerhausens doch relativ kurz. Dort fand der Abbau nur zwischen 1944 und 1990 statt. Dies reichte aber, um den beeindruckenden Berg der Hohen Linde aufzuschütten, der knapp 150 Meter hoch ist und 13 Hektar bedeckt. 1956 war dafür eigens eine Seilbahn gebaut worden, die den Schutt auf den Gipfel transportierte.

Die Hinweise auf den Bergbau in der Region begleiten mich auch auf meiner weiteren Strecke. Ein kleines Stück nördlich von Sangerhausen, vor allem zwischen Rastenberg und Morungen, am Übergang zwischen Kyffhäuser und Harz, stolpere ich wiederholt über sehr interessante Steine. Diese sind pechschwarz, sehen dabei aus wie glasiert, sind völlig glatt und fühlen sich ähnlich an wie Glas. Manche haben auch viele kleine Löcher. In einem sehr kleinen Gebiet nördlich von Morungen finde ich solche Steine auch mit bläulicher Färbung. Diese sind wunderschön anzusehen dadurch, dass sie mit verschiedenen Blautönen durchsetzt sind. Immer wieder muss ich dort stehenbleiben und mich nach besonders schönen Exemplaren bücken. Etliche packe ich ein und nehme sie mit nach Hause, weil sie mir ganz besonders und außerordentlich schön scheinen. Als völliger Laie, der ich auf dem Gebiet bin, denke ich, hier geologisch ganz besonders interessante Stücke vor Augen zu haben. Dem Aussehen dieser Gesteine nach denke ich an vulkanischen Ursprung. Wie ich aber nach einigen Recherchen feststelle, handelt es sich dabei gar nicht um „echte“, sondern um menschengemachte „Steine“. Diese schön anzusehenden Gebilde sind nämlich Schlacken, also die nicht brauchbaren Überreste, die bei der Metallgewinnung aus Erzen entstehen. In meinem Fall sind das wahrscheinlich vorwiegend Kupferschieferschlacken. Auch in Morungen, in dessen Nähe ich meine Exemplare finde, wurde nämlich Kupferschiefer abgebaut. Der Bergbau begann dort bereits im 10. oder 11. Jahrhundert. Nachdem er im 16. Jahrhundert seine große Blüte erlebte, wurde er im 18. Jahrhundert eingestellt. Rundherum, im Mansfelder Land und am Südrand des Harzes wurde an vielen Orten Kupferschiefer-Erz abgebaut und vor Ort eingeschmolzen. So könnten meine Fundstücke zwar relativ alt sein, sind aber auf jeden Fall künstlich entstanden.

26. Tour: Von Artern nach Sangerhausen

Auf dem Weg von Artern nach Sangerhausen steht erneut ein bedeutender Schritt auf meiner Reise zu Fuß durch Deutschland an: zwischen Voigtstedt und Edersleben überquere ich, nachdem ich ja zuvor schon einmal für einige Kilometer dort gewesen war, schließlich zum dritten und letzten Mal die Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt und befinde mich damit nun endgültig im dritten Bundesland meiner Reise.

Sangerhausen wirkt zunächst einmal sehr ansprechend: schöne, ruhige Neubausiedlungen am Hang über der Stadt, schmale Gassen, geschmackvoll renovierte Gebäude, die Hohe Linde, die als „Hausberg“ fungiert und, trotzdem sie eine Abraumhalde ist, nicht stört, sondern zum sympathischen Eindruck passt; und zu guter Letzt das Rosarium, ein riesiger Rosengarten mit der nach eigenen Angaben größten Rosensammlung der Welt. Diesem statte ich, nachdem ich mich in meiner Unterkunft eingerichtet habe, noch einen abendlichen Besuch ab und bin, obwohl die Hauptrosenblüte bereits vorbei ist, von der eindrucksvollen Anlage sehr angetan.

Sangerhausen

Meine Gastgeber vermitteln mir allerdings wieder einmal ein anderes Bild ihrer Heimat. Ich fühle mich sofort zurückversetzt nach Rastenberg. Auch hier klagt die Wirtin über die Ausbeutung der Menschen durch Billigjobs – wenn sie denn überhaupt welche fänden, was meistens ohnehin nicht der Fall sei –, die Rationalisierungen und Betriebsschließungen nach der Wende, die Abwanderung – und dass früher doch vieles besser gewesen sei. Erneut stehe ich vor dem Dilemma, solche Aussagen nicht unkommentiert stehen lassen zu wollen, gleichzeitig aber schwer widersprechen zu können, angesichts der Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit, die einem in dieser Gegend so oft begegnet. Auch Sangerhausen hat bereits ein Drittel seiner Einwohner verloren, ganze Häuserblocks wurden wegen Leerstands abgerissen, die jungen Menschen verlassen die Region und zurück bleiben die Rentner. Größere Arbeitgeber gibt es so gut wie keine mehr.

Es ist und bleibt immer das gleiche Lied. Und wenn ich so zurückdenke, ist es eigentlich ziemlich erschreckend, weil ich dieses Lied nun schon seit der Oberpfalz beinahe ununterbrochen zu hören bekomme. Da stellt sich einem irgendwann doch die unangenehme Frage: Geht es Deutschland wirklich so schlecht?

27. Tour: Von Sangerhausen nach Königerode

Beim Verlassen von Sangerhausen – wo ich, wie bisher fast jedes Mal auf dieser Etappe beim Aufbruch aus einer Stadt – einen steilen Hang hinaufklettern muss, komme ich ganz nah an der Hohen Linde vorbei, was mich durchaus freut, weil ich sie mittlerweile irgendwie ins Herz geschlossen habe. Kurz hinter Lengefeld geht es dann in ein Waldstück mit dem Namen Mooskammer, und damit in den Harz. Auch das Eintauchen in dieses Mittelgebirge empfinde ich wieder als bedeutendes Ereignis. Von Anfang an hatte ich den Harz als einen der wichtigen Punkte auf meiner Wanderung empfunden. Und nun habe ich auch dieses, damals so weit entfernt liegende und mir bis dahin völlig unbekannte Etappenziel erreicht!

Ab der Mooskammer bin ich quasi den ganzen Tag im Wald unterwegs. Da stört es auch nicht, dass es immer wieder leicht tröpfelt. Die Bäume bilden meinen natürlichen Regenschirm. Was sich nicht leugnen lässt: der Harz ist ein Mittelgebirge, und obwohl ich ganz an seinem Ostrand entlang wandere, bescheinigen mir meine Beine durchaus, dass es sich hier um das höchste Gebirge Norddeutschlands handelt. Die gesamte Strecke ist geprägt von einem stetigen Auf und Ab, wobei mir das Auf bei den warmen Temperaturen regelmäßig den Schweiß in großen Mengen aus den Poren treibt. Meine Füße dagegen, die mir noch einige Tage vorher so große Schwierigkeiten und Schmerzen bereitet haben, haben sich einigermaßen erholt. Zwar muss ich gut aufpassen und sehr sorgsam mit ihnen umgehen. Aber der Schmerz hat doch deutlich nachgelassen.

28. Tour: Von Königerode nach Stecklenberg

An meinem zweiten Tag im Harz, zwischen Königerode und Stecklenberg, wandere ich zwischen Harzgerode und Mägdesprung ein Stück den Selketalstieg entlang. Ich kannte zwar bisher den Harz nicht, genau so wie auf diesem Weg habe ich ihn mir aber zuvor imaginiert: der Selketalstieg ist ein schöner Höhenweg durch Wald, der immer wieder wunderbare Blicke über bewaldete Hügel und Täler freigibt und daneben noch kleine Leckerbissen bietet, wie die Köthener Hütte, die Mägdetrappe und das dort aufgestellte Kreuz. Die Mägdetrappe – ebenso wie die nahe Ortschaft Mägdesprung – hat ihren Namen übrigens von zwei riesigen Fußabdrücken, die dort im Gestein zu sehen sein sollen. Verursacht hat sie das Riesen-Mädchen Amala, das vor langer Zeit an dieser Stelle über das Selketal gesprungen war, um auf der anderen Seite zu ihrem Geliebten Luidpold, dem König der Riesen, zu gelangen. Das Kreuz, das dort vor herrlichem Ausblick aufgestellt ist, war erstmals 1837 in Gedenken an Herzog Alexius von Anhalt-Bernburg von seiner Tochter errichtet worden. 1930 erneuert, wurde es beim Einmarsch der Alliierten 1945 durch Einschusslöcher so stark beschädigt, dass es abstürzte. Jahrelang blieb es verschollen, bis es nach einem Hochwasser im Jahr 1994 wiedergefunden und geborgen werden konnte. So steht es heute wieder an seinem angestammten Platz.

Blick in den Harz

Die Lessinghöhle

Die Lessinghöhle

Kurz vor meinem Tagesziel in Stecklenberg passiere ich erneut ein interessantes Zeugnis vergangener Bergbauzeit: die Lessinghöhle bei Bad Suderode. Die Eingänge zu den heute aufgelassenen und verbarrikadierten Stollen liegen wie Eingänge in ein verwunschenes Reich im Schatten unterhalb eines großen Felsens, von dichtem Wald umgeben. Ein Blick in die dunkle Finsternis dieser Gänge treibt einem einen kleinen Schauer über den Rücken. Dabei ist die Geschichte der Höhlen ganz profan: Ende des 19. Jahrhunderts stieß man beim Abbau von Straßenschotter auf die drei verschütteten Stollen. Es stellte sich heraus, dass es sich bei Ihnen um die Überreste eines Bergwerks aus dem 16. Jahrhundert handelte, in dem damals diverse Minerale wie z.B. Fluorit gewonnen wurden. Nach ihrer Wiederentdeckung wurden einige Erkundungen angestellt und versucht, das in ihnen gesammelte Wasser zu nutzen. Schon bald wurden die Schächte allerdings wieder verschüttet und dienen heute nur noch als Hinweis auf längst Vergangenes.

29. Tour: Von Stecklenberg nach Quedlinburg

Auf meinem relativ kurzen Weg von Stecklenberg nach Quedlinburg mache ich noch einen kurzen Abstecher zur Teufelsmauer bei Weddersleben. Es ist ein sehr beeindruckendes Naturphänomen, das man hier besichtigen kann. Am Nordrand des Harz hat sich eine hohe Mauer aus Sandstein aufgetürmt, die spektakuläre Felsformationen in den Himmel ragen lässt. Diese erstrecken sich insgesamt auf einer Länge von etwa 20 Kilometern. Natürlich haben sich zu diesem mythischen Ort auch etliche Sagen entwickelt. Die bekannteste geht folgendermaßen: Gott und der Teufel stritten sich um ihre Besitzansprüche auf der Erde. Während Gott das fruchtbare Flachland beanspruchte, einigte man sich darauf, dass der Teufel das steinige Harzgebirge bekommen sollte, und zwar bis zu der Stelle, wo es ihm gelänge, bis zum ersten Hahnenschrei des nächsten Tages eine Grenzmauer zu erbauen. Da der Teufel natürlich den gesamten Harz haben wollte, errichtete er die Mauer ganz an dessen Nordrand. Er baute auch eifrig und war beinahe fertig, als noch vor Tagesanbruch eine – wohl von Gott gesandte – Bäuerin des Weges kam. Diese trug in einem Korb einen Hahn mit sich, um ihn auf dem Markt zu verkaufen. Als sie just in der Nähe der Baustelle über einen kleinen Kieselstein stolperte, erwachte der Hahn und begann zu krähen. Der Teufel dachte natürlich, die Nacht sei zu Ende, eben als er den letzten Stein in der Hand hatte, um die Mauer zu vervollständigen. Da wurde er so wütend, dass er unbeherrscht auf sein Bauwerk einschlug, so dass nur noch Bruchstücke übrig blieben, die bis heute dort stehen.

Teufelsmauer aus der Ferne

Teufelsmauer aus der Ferne

Die tatsächliche Geschichte dieses Ortes ist nicht minder interessant: bei dieser geologischen Formation handelt es sich um das älteste Naturschutzgebiet Deutschlands. Schon 1852 wurde es vom Quedlinburger Landrat unter Schutz gestellt als „ein Gegenstand der Volkssage und eine als seltene Naturmerkwürdigkeit berühmte Felsgruppe“. 1935 wurde die Wedderslebener Teufelsmauer schließlich offiziell als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Vor seinem Schutz war dieses wunderbare Naturdenkmal bis Mitte des 19. Jahrhunderts lange Zeit zerstört worden, indem man den hochwertigen Sandstein für den Haus- und Straßenbau benutzte. Zum Glück wurde schon damals einigen Leuten bewusst, was man damit anrichtete. Sonst wäre heute nichts mehr davon übrig. Dies ist nicht unbedingt selbstverständlich, da das Bewusstsein für solche Werte noch lange Zeit nicht sehr ausgeprägt war. Der Fortschrittsglauben überstrahlte das meist, der Blick ging nach vorne, nicht in die Vergangenheit. So erzählt mir mein Pensionswirt in Quedlinburg auch, dass alle mittelalterlichen Stadttore, die sich bis dahin unbeschadet erhalten hatten, noch Mitte des 19. Jahrhunderts geschliffen wurden, weil sie den zunehmenden Verkehr behinderten.

Die Teufelsmauer bei Weddersleben

Die Teufelsmauer bei Weddersleben

Quedlinburg ist eine beeindruckende Stadt! Es ist unglaublich, dass sie nicht bekannter ist und im Schatten von z.B. Heidelberg und Rothenburg ob der Tauber steht. Es gibt zwar touristisches Treiben, aber die Menschenmengen sind doch recht übersichtlich, und sobald man vom Markt in eine der vielen Seitengassen abbiegt, iat man fast allein inmitten einer mittelalterlichen Stadt. Quedlinburg ist eine Stadt fast wie im Märchen und man wähnt sich in einer Art Filmkulisse. Aber hier wird tatsächlich – und das ist in dieser Umgebung ebenfalls beeindruckend – Alltagsleben gelebt. Der gesamte Innenstadtbereich ist UNESCO-Weltkulturerbe, es ist das größte Flächendenkmal Deutschlands, besitzt mit ca. 1.200 die meisten und mit einem um 1390 erbauten auch das älteste erhaltene Fachwerkhaus des Landes. Auf engstem Raum sieht man hier Besiedlung aus unterschiedlichen Epochen, deren Kern außerdem auf einen elementaren Vorgang der deutschen Geschichte zurückgeht.

Rund um den Schlossberg befand sich die Lieblingspfalz des Sachsenherzogs Heinrich, der 922 zum ersten deutschen König ernannt wurde. Als Kaiser Heinrich I. wurde er 936 in der Schlosskirche bestattet. Seine Grablege sowie die seiner Gattin Mathilde und seiner ebenfalls Mathilde heißenden Enkelin, die die ersten Äbtissinnen des Klosters auf dem Schlossberg waren, können noch heute in der Krypta besichtigt werden. Bis ins 12. Jahrhundert, solange die Ottonen herrschten, war Quedlinburg eines der wichtigsten Zentren deutscher Geschichte. Die unmittelbare Herrschaft über die Stadt und die umliegenden Ländereien wurde von den Äbtissinnen des Klosters ausgeübt. Die Region wurde also – sehr fortschrittlich – über Jahrhunderte von Frauen regiert. Die Bewohner Quedlinburgs waren allerdings nicht immer damit einverstanden.

Schon im 10. Jahrhundert gründete sich um den Markt herum eine eigenständige Ansiedlung, die „Altstadt“. Etwa zwei Jahrhunderte später entstand etwas östlich die „Neustadt“, in der sich vor allem Bauern, Handwerker und Händler aus dem Umland ansiedelten, die in der Nähe der befestigten Stadt Schutz suchten. Im 15. Jahrhundert begehrten die Quedlinburger gegen das Kloster auf und schlossen sich der Hanse an. Am Markt wurde ein steinerner Roland aufgestellt – übrigens der kleinste Deutschlands. Das Kloster sah seine Felle davonschwimmen und schlug den „Aufstand“ mithilfe verbündeter Truppen nieder. Der Roland wurde gestürzt und Quedlinburg blieb ein Marktflecken unter der Hand des Klosters. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Roland unter Bauschutt wiedergefunden und steht heute in altem Glanz am Markt vor dem Rathaus. Neben dem Schlossberg, der Alt- und der Neustadt gibt es in der Architektur Quedlinburgs noch eine weitere Besiedlungsepoche zu sehen: Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in einem Ring rund um die bisherigen Stadtteile prachtvolle Jugendstil- und Gründerzeithäuser. Diese verweisen auf einen wirtschaftlichen Erfolg, ein Wachstum und eine Bedeutung, die bis 1945 – und auch danach noch in der DDR – anhielten: Quedlinburg entwickelte sich zu einem Saatgutzentrum. Ein großer Teil des Saatguts für Gemüse, Blumen usw. in Deutschland und international kam damals aus dieser Stadt.

Der Schlossberg

Trotz dieser großen Vergangenheit hört man auch hier von den Leuten dieselben Klagen, die ich nun schon so gut kenne: die großen Unternehmen der Region, ob Saatguthandel oder Eisenhüttenbetriebe, sind allesamt zusammengebrochen und dichtgemacht. Die jungen Leute wandern ab, die Einwohnerzahl ist um ein Drittel gesunken, es gibt keine Perspektive in der Region. Das einzige, was Quedlinburg von den anderen Städten unterscheidet, in denen mir ähnliches erzählt wurde, ist sein ungeheures touristisches Potenzial. Bei meinem Aufenthalt merke ich deutlich, dass der Tourismus hier noch in den Kinderschuhen steckt. Um 18 Uhr werden die vielen Cafés und Geschäfte, die es am Markt immerhin gibt, geschlossen und die Gehwege hochgeklappt. Der flanierende Tourist, der sich bei der Hitze vielleicht noch ein Eis kaufen will, wird mit leeren Händen stehen gelassen. Japanische oder amerikanische Reisegruppen, die man in so einer Kulisse zuhauf vermuten würde, sucht man ohnehin vergebens. Andererseits stellt sich natürlich die Frage, ob man die völlige Touristifizierung der Stadt überhaupt will. Was eben gerade auch einen Teil des Reizes der Stadt ausmacht ist, dass im Zentrum in historischer Kulisse noch „echtes Leben“ stattfindet. Allerdings sagt mir ein Quedlinburger, mit dem ich auf der Straße ins Gespräch komme, dass ihm der Trubel schon jetzt zuviel sei und er die Innenstadt meide, wo es nur gehe. Dort gebe es sowieso nur noch Einrichtungen „fürs Fressen“. Und die Reisegruppen gingen ihm mit ihrer Rücksichtslosigkeit gehörig auf die Nerven.

Gerade in Quedlinburg fällt auch mir die Rücksichtslosigkeit mancher Menschen sehr unangenehm auf. Ob eine Gruppe lautstark plärrender Jugendlicher in der Krypta an der Grablege des ersten deutschen Kaisers – was immerhin mit ihrer schwierigen Phase der Pubertät erklärbar ist, die Sache aber auch nicht angenehmer macht – oder diverse ältere Damen und Herren, die in würdigen Sakralbauten ungehemmt und ohne Rücksicht auf andere, evtl. sogar betende Besucher in voller Lautstärke plaudern, als wären sie daheim in ihrem Wohnzimmer – und dabei Hinweisschilder, die einen durchgestrichenen Fotoapparat zeigen, mit einem fröhlichen Blitzlichtgewitter kommentieren; der Wunsch nach der Gesellschaft anderer Menschen leidet in solchen Momenten doch deutlich.

30. Tour: Von Quedlinburg nach Halberstadt

Hinter Quedlinburg verlasse ich auf dem letzten Teilstück meiner diesmaligen Etappe endgültig die bergige Landschaft des Harz. Auf dem Weg nach Halberstadt ist die Gegend wieder so flach und von riesigen Ackerflächen geprägt wie in der Region um Apolda. Etwas aus der Reihe fällt da das Gebiet bei den Thekenbergen südlich von Halberstadt, in dem ich mich plötzlich in einer Steppe wähne: eine wellige Trockengrasfläche, gespickt lediglich mit ein paar wenigen niedrigen Sträuchern und vereinzelten Bäumen, stellt einen eindrucksvollen Kontrast zur sonstigen Umgegend dar. Die Besichtigung von Halberstadt verschiebe ich dann auf das nächste Mal, da ich zusehen muss, noch einen Zug zu annehmbarer Zeit zu erreichen, der mich in die Heimat zurückbringt.

Auf dem Weg nach Halberstadt

Auf dem Weg nach Halberstadt

So schwer wie dieses Mal ist es mir allerdings bisher noch nie gefallen, eine Etappe zu beenden und wieder nach Hause zu fahren. Und das liegt nicht nur an dem Bewusstsein, dass es nun wieder beinahe ein Jahr dauern würde, bis ich zurückkehren und weitergehen kann. Ich fühle mich, obwohl es die bis dahin mit Abstand längste Etappe gewesen ist, wieder völlig fit und gerade an den letzten Tagen bereit, jetzt erst so richtig loszulegen.

Gefühlt könnte ich in diesem Moment noch zwei Monate in der gleichen Art weitermachen und wäre sehr glücklich dabei. Wieder beschäftigt mich da der Gedanke, der im Laufe meiner Reise oft aufkommt: wie schön und um wieviel intensiver es sein muss, eine solche Reise am Stück unternehmen zu können!