Zweite Etappe

Durch den Bayerischen und den Oberpfälzer Wald

Nach der Durchquerung des vollkommen flachen Gäubodens und der Überschreitung der Donau liegt vor mir nun die grüne, wellige Landschaft des Bayerischen Waldes. Am 23. August 2010 breche ich von Bogen aus zu meiner zweiten Etappe auf.

6. Tour: Von Bogen nach Ascha

Verlässt man Bogen in nordwestlicher Richtung, muss man kurz darauf erst einmal das lärmende Hindernis der Autobahn A3 unterqueren. Diesen wenig begeisternden Einstieg lasse ich aber schnell hinter mir und hole mir mein „Wandergefühl“, das mich auf der ersten Etappe schließlich regelrecht süchtig gemacht hat, auf den folgenden Kilometern bald wieder zurück. Ich nehme dort einen auch offiziell ausgeschilderten Wanderweg entlang des Baches Mehnach. Eigentlich will ich solche ausgeschilderten Wege zwar meiden, in diesem Fall entspricht er allerdings zufällig genau der Strecke, die ich mir vor meiner Anreise bereits auf der Karte zurechtgelegt habe. Außerdem ist dort an diesem Tag kein anderer Mensch zu sehen. Vor Mitterfels verläuft der Weg durch eine tiefe Schlucht, in der am Bachufer urzeitliche Farne eine Anmutung von fernen Epochen vermitteln. Nach einem steilen Aufstieg endet er schließlich auf einem Platz vor der Kirche von Mitterfels, hinter der auf einem Felsvorsprung die Reste der im Mittelalter von den Grafen von Bogen errichteten Burg Mitterfels liegen.

Büsche am Ufer der Mehnach

Büsche am Ufer der Mehnach

Auf schönen, aber unspektakulären Wegen erreiche ich spät nachmittags Ascha, wo mich erneut die bittere Erkenntnis ereilt, dass das Finden eines Nachtquartiers in dieser Gegend kein leichtes Unterfangen ist. Sämtliche Unterkünfte in der Umgebung sind entweder geschlossen oder ausgebucht und so werde ich langsam unruhig, als ich mich im Geiste schon ohne passende Ausrüstung mein Nachtlager im Freien aufschlagen sehe. Nach etlichen Erkundigungen erhalte ich aber doch noch einen Hinweis auf eine alte Dame, die am Ortsrand Ferienwohnungen vermietet und die ich prompt aufsuche. Es bedarf einiger Überredungskünste und mehrerer Hinweise auf meine verzweifelte Lage, um die überrumpelte Gastgeberin zu überzeugen, aber schließlich komme ich bei ihr unter.

7. Tour: Von Ascha nach Michelsneukirchen

Schnell fällt mir auf, dass es in dieser Gegend am Ostrand des Bayerischen Waldes weniger Wald gibt, als ich erwartet hatte. Allerdings wird das Gelände nun immer hügeliger und unter stetigem Auf und Ab geht es insgesamt deutlich aufwärts. Eine gute Stunde nördlich von Ascha erreiche ich am nächsten Tag den Pilgramsberg und damit die nächste Wallfahrtskirche auf meinem Weg. Gemessen an der Frequenz, in der ich solche Orte ansteuere, kann es schon beinahe scheinen, als sei ich doch auf Pilgerreise unterwegs. Und schon wieder muss ich dort, wie am Gartlberg und am Bogenberg, einen steilen Hang erklimmen, um die Kirche zu erreichen.

St. Ursula auf dem Pilgramsberg

St. Ursula auf dem Pilgramsberg

Von außen wirkt die Kirche St. Ursula nicht weiter erwähnenswert. Innen ist das kleine Gotteshaus mit den vielen bunten Votivtafeln an den Wänden aber umso interessanter. Etliche Geschichten von Anrufungen und abgewendeten Unglücken sind dort bildlich dargestellt und erzählen von den geschehenen Wundern – von der Heilung eines kranken Bauernkindes in fernen Zeiten bis zum glimpflichen Ausgang eines Autounfalls vor wenigen Jahren. Auf dem Pilgramsberg hat es schon seit dem 15. Jahrhundert Wallfahrer gegeben, die heutige Wallfahrt zur Muttergottes besteht allerdings erst seit 1839, als der Kirche von einem Dienstknecht aus der Umgebung eine Madonnen-Figur geschenkt wurde. Tritt man aus der Kirche wieder ins Freie, hat man von der Bergkuppe aus einen wunderbaren Blick über Hügel und Täler des Bayerischen Waldes.

Kurz vor Zinzenzell wird mir erneut ein größeres Waldstück zum Verhängnis: die Großhölzer. Wieder ist auf meinen Karten ein Geflecht von Waldwegen verzeichnet, wieder sind diese nicht ganz aktuell und wieder meine ich mich auf völlig anderen Wegen, als ich tatsächlich bin. Diesmal schaffe ich es sogar beinahe, im Kreis zu laufen und wieder dort herauszukommen, wo ich in den Wald hineingegangen bin. Auch ein zweiter Anlauf führt in die Orientierungslosigkeit, bis ich in meiner Verzweiflung auf einen offiziellen, ausgeschilderten Wanderweg stoße, der mir den Weg weist. Auch dieser nimmt einen etwas seltsamen Verlauf und lässt sich in den Karten nicht nachvollziehen. Schließlich erreiche ich aber wohlbehalten den Nordrand des Waldstücks und sehe Zinzenzell wie eine rettende Oase vor mir liegen. Meine Sympathie für Waldgebiete schwindet nach dieser erneuten Erfahrung immer mehr und ich komme zu dem Schluss, dass ich solche in Zukunft möglichst meiden sollte – ein bemerkenswerter Gedanke, wenn man sich gerade im Bayerischen Wald befindet!

An meinem Weg zwischen Ascha und Michelsneukirchen liegen an diesem Tag unter anderen die Orte Riederszell, Eggerszell, Rattiszell, Ederszell, Haunkenzell, Wäscherszell, Hüttenzell, Eiserszell, Geraszell, Maiszell, Zinzenzell, Emmerszell und Kleingeraszell – eine sehr auffällige Häufung gleichlautender Ortsnamen-Endungen. Dieses „-zell“ geht anscheinend auf das lateinische „cella“ zurück und lässt sich etwa mit „Vorratskammer“, in diesem Zusammenhang also mit „Wirtschaftshof“ übersetzen. Zusätzlich verweist diese Endung auf eine bestimmte Rodungsphase im Bayerischen Wald circa im 11. Jahrhundert, die von den Grafen von Bogen ausging. Dagegen tragen Orte aus späteren Rodungsphasen, des 12. und 13. Jahrhunderts, z.B. Endungen auf „-ried“ oder „-mais“. Kurz hinter Zinzenzell überquere ich die Landkreisgrenze zwischen Straubing-Bogen und Cham, lasse somit Niederbayern hinter mir und erreiche die Oberpfalz.

8. Tour: Von Michelsneukirchen nach Strahlfeld

Auch wenn wir heute oft und gerne dazu neigen, es zu romantisieren und zu idealisieren, so war das Leben der Menschen früher – vor der Industrialisierung, vor der Entstehung unserer modernen Gesellschaften – hart und entbehrungsreich. Die Abhängigkeiten von Herrscherschicht und Wetter, der Kampf um Auskommen und Nahrung, das Fehlen jeglichen Komforts oder wenigstens einer nennenswerten ärztlichen Versorgung – gerade auch in den abgelegenen Gegenden Niederbayerns und des Bayerischen Waldes lastete all das auf den Menschen. Wie schwer die Schicksale, Ängste und Nöte oft gewesen sein müssen, lese ich an einem Ortsschild ab, an dem ich tags darauf vorbeilaufe. Südwestlich von Cham, bei Michelsneukirchen, finde ich in einer wunderschönen Gegend des Bayerischen Waldes, bei strahlendem Sonnenschein und weitem Panoramablick in die Gegend: Elend, Jammer und Noth. Tatsächlich sind das die Namen von drei kleinen, eng beieinander liegenden Weilern, die hier inmitten von saftig grünen Wiesen liegen, und zu denen diese Bezeichnung so gar nicht passen will, wenn man dort auf einer schmalen Teerstraße vorbeispaziert. Aber in früheren Jahrhunderten – die Namen könnten auf den Dreißigjährigen Krieg zurückgehen – müssen sich dort schreckliche Dinge zugetragen haben. Dazu passend ist auch die Hundshaut, die ich gleich nördlich davon finde – und bei der es sich um ein dichtes Stück Nadelwald handelt.

Ein Ortsschild mit ungewöhnlichen Namen

In so schwierigen Zeiten und Umständen blieb den Menschen nicht viel anderes übrig, als auf Hilfe durch höhere Mächte zu hoffen und alles dafür zu tun, sich diese zu verdienen. Die Volksfrömmigkeit, das Vertrauen der Menschen in Gott und ihr Hoffen auf Erlösung ist in den Gegenden Bayerns, durch die ich wandere, daher unübersehbar. Vor allem auf meinem Weg durch den Bayerischen Wald begegne ich auf Schritt und Tritt religiösen Wegmarken. Nach Kapellen, Kreuzwegen und Wallfahrtskirchen treffe ich bald auf immer mehr Flurkreuze und sogenannte „Marterln“. Zum Teil repräsentativ an Weggabelungen zwischen zwei altehrwürdigen, knorrigen Bäumen thronend, zum Teil unscheinbar versteckt und windschief im dichten Gebüsch am Wegesrand steckend, erzählen sie alle mit ihren Inschriften und Bildern ihre eigenen Geschichten. Oder laden ein, sich welche dazu zu denken. Immer wieder packt mich da die Neugier. Ich bleibe stehen und versuche, die oft schon ziemlich verwitterten, schwer lesbaren Texte zu entziffern. Meist vermelden sie, wer das Kreuz gestiftet hat und warum. Es wird für die Seelen der Toten gebeten. Der Grund für ihre Aufstellung waren oft ungewöhnliche Ereignisse wie Seuchen, Unfälle, tragische Todesfälle oder Blitzschläge, die sich an dieser Stelle ereignet haben. Und an der nun so lange Zeit später zufällig auch ich stehe. Beim Anblick dieser Wegkreuze überkommt mich immer wieder das Gefühl, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, auf die Schicksale längst gestorbener Menschen, ihre Ängste und Nöte, aber auch ihre Freude und Dankbarkeit, aus großer Gefahr errettet worden zu sein.

Etwas weiter nördlich stoße ich einige Tage später außerdem auf seltsame bretterförmige Denkmäler, die oft neben Wegkreuzen aufgestellt sind. Ich bin zunächst etwas verwirrt, als ich diese da so am Straßenrand aufgereiht stehen sehe. Denn sie sehen irgendwie aus wie hölzerne Grabsteine – und die gehören doch auf den Friedhof! Die Bretter sind ungefähr zwei Meter lang, an den Rändern verzierend zugeschnitten. Neben einem Kreuz sind darauf die Namen und Lebensdaten von Verstorbenen, oft auch Gebete oder andere Sinnsprüche aufgemalt.

Wie ich erfahre, nennen sich diese Tafeln Totenbretter und sind ein alter Brauch, der bis heute im Bayerischen und Oberpfälzer Wald verbreitet ist. Bevor es um das 17. oder 18. Jahrhundert üblich wurde, Tote in Särgen zu bestatten, hatte man diese auf Brettern aufgebahrt und zu Grabe getragen. Fantasievoll, sparsam und abergläubisch wie man war, entstand im Bayerischen Wald und in der Oberpfalz daraus die Sitte, diese Bretter nach der Beerdigung aufzuheben, zu verzieren und als Erinnerung an die Toten aufzustellen. Um das Ganze noch ein bisschen spannender zu machen, entwickelte sich daraus irgendwann die Theorie, dass die Seele des Toten erst aus dem Fegefeuer erlöst werde, wenn sein Totenbrett verfallen ist. Da man nur wenigen einen langen Aufenthalt dort wünschte, ging man dazu über, die Bretter aus möglichst weichem Holz anzufertigen und sie am Wegesrand ungeschützt der Witterung auszusetzen, um das Ganze zu beschleunigen. Der Brauch hat sich bis heute gehalten und so sehe ich zum Beispiel in Teunz neben recht alten Brettern, die deutlich die Spuren der Zeit tragen und ihre Namensträger wohl bald aus dem Fegefeuer entlassen dürften, auch noch völlig neue, erst vor Kurzem aufgestellte Totenbretter.

Marterl bei Strahlfeld

In der Hundshaut nun verliere ich ganz zuverlässig wieder meinen Weg, schaffe es diesmal aber – wenn auch auf anderen als den geplanten Wegen – am richtigen Ort aus dem Wald herauszukommen. Kurz vor Obertrübenbach begebe ich mich auf meinen nächsten Kreuzweg, allerdings verkehrt herum und somit diesmal zum Glück bergab.

Die Altstadt von Roding

Die Altstadt von Roding

Die Stadt Roding, der nächste größere Ort auf meiner Route, ist eine kleine Enttäuschung. Zwar ist der erste Eindruck, wenn man die Altstadt betritt, durchaus positiv: in alle Richtungen gehen kleine Gassen ab, am Hauptplatz freut man sich über das schmucke Arrangement des alten Rathauses, des Kirchturms und eines urigen Gasthauses. Der zweite Blick ernüchtert allerdings: alle anderen Häuser am Platz scheinen leer zu stehen oder nicht geöffnet zu sein. Die einzige Ausnahme ist eine Metzgerei, die als schmucklos zu bezeichnen noch recht schmeichelhaft wäre. Deren Lüftung verbreitet einen fleischereitypischen Geruch über den ganzen Platz. Im weiteren Umkreis gibt es keine einzige Bank, auf der ich ausruhen könnte, weshalb ich mein Mittagessen auf den Treppenstufen vor dem Rathaus einnehmen muss.

Hinter Roding überquere ich den Fluss Regen und erreiche schließlich Strahlfeld, einen kleinen Ort, der beherrscht wird von einer imposanten Klosteranlage ebenso wie von einem dazugehörigen großen Weiher, der dem Dorf in der Abendsonne einen sehr einladenden Anschein gibt. Hier miete ich mich in Ermangelung anderer Unterkünfte in der Gegend in ein Hotel ein, das mir nach den letzten Nächten in oft wenig komfortabel eingerichteten Pensionszimmern geradezu luxuriös erscheint und sogar ein kleines Schwimmbad besitzt, das ich unverzüglich ausführlich benutze.

9. Tour: Von Strahlfeld nach Neunburg vorm Wald

Die folgende Etappe zwischen Strahlfeld und Neunburg vorm Wald ist wieder einmal einer besonderen Erwähnung wert: Waldgebiete, die keine Spirenzchen machen, herrliche Ausblicke auf die Hügel des Bayerischen Waldes, begleitet von strahlendem Sonnenschein, tiefblauem Himmel und sehr netten Menschen.

In Enzenried, nördlich des Neubäuer Forsts, treffe ich auf einen redefreudigen Landwirt. Dieser hat mich schon auf der Straße außerhalb des Orts aufgefordert, ein Stück mitzufahren. Als ich freundlich dankend ablehne, weil das Fahren eines Wegstücks ja gegen meine Regeln verstoßen würde, fängt er mich kurz danach vor seinem Bauernhof ab und erkundigt sich nach meinem Vorhaben. Es entspinnt sich ein längeres interessantes Gespräch, ich lobe die Schönheit seiner Heimat und der Landwirt stimmt voll und ganz zu. Zwar beklagt er sich über das insgesamt schlechte Wetter und die daher zu erwartende enttäuschende Ernte sowie über das Bauerndasein in Zeiten der EU im Allgemeinen. Insgesamt und eigentlich scheint er aber mit seinem Leben sehr zufrieden zu sein. Er bestätigt mir, dass er sich gar nicht vorstellen könne irgendwo anders zu wohnen, schon gar nicht in einer so großen Stadt wie München, so wie ich. Er sei erst kürzlich auf der Landwirtschaftsmesse in Riem gewesen und froh, als er nachmittags wieder von dort fliehen und auf seinen Hof zurückkehren konnte. In Urlaub zu fahren brauche er eigentlich auch nicht, meint er, und zeigt mit einer Armbewegung auf die rundum liegenden Wälder, Wiesen, Felder und den blauen Himmel – und ich kann ihn sehr gut verstehen.

Dieser herzliche Mann würde mich schließlich sogar noch zum Mittagessen in sein Haus einladen. Allerdings sei „s’Wei“ nicht daheim, weshalb er selbst, wie er klagt, auch erst einmal nichts zu essen bekommt. Immerhin darf ich noch seine Mutter kennenlernen, die er aus dem Haus ruft und bittet, mir doch zwei ihrer frischgebackenen „Knedl“ (die sich als Gebäck entpuppen, das ich als „Rohrnudeln“ kenne) als Wegzehrung mitzugeben. So unterhalten wir uns zu dritt noch einige Zeit weiter, bis ich schließlich diesen gastfreundlichen Ort verlasse und mir auf dem Weg den nächsten Hügel hinauf die leckeren Knedl schmecken lasse.

Auch rodungsgeschichtlich habe ich übrigens mittlerweile eine neue Region erreicht: an meinem Weg liegen an diesem Tag zwischen Strahlfeld und Neunburg vorm Wald neben Raubersried und Enzenried auch die Ortschaften Friedersried, Hippoltsried, Thanried, Hansenried, Meidenried und Happassenried.

Neunburg vorm Wald

Neunburg vorm Wald

Nach den Erfahrungen der ersten Etappe habe ich versucht, mich mit neuem Schuhwerk und anderen Vorkehrungen besser auf diese zweite vorzubereiten. Bis hierhin ist das auch durchaus erfolgreich gewesen. Langsam zeigt mir mein Körper nun aber doch wieder, dass ich trotz der bereits zurückgelegten Strecke noch weit davon entfernt bin, ein gestählter Langstreckenwanderer zu sein. Immerhin einige Tage später als bei der ersten Etappe stellen sich jetzt wieder Verschleißerscheinungen an Füßen und Rücken ein, die mir leichte Schmerzen verursachen. So entscheide ich, in Neunburg vorm Wald einen Tag Pause einzulegen. Neunburg weist eine sehr lange Geschichte auf. Die namengebende Burg wurde bereits um 900 erbaut, im Mittelalter war Neunburg Residenzstadt der pfälzischen Wittelsbacher. Etliches von der historischen Substanz hat sich erhalten, so dass ich für den freien Tag einen ausführlichen Rundgang geplant habe, um die denkmalgeschützte Altstadt mit der Burg und verschiedene andere Sehenswürdigkeiten aufzusuchen.

Der Neunburger Schiltenhilm

Der Neunburger Schiltenhilm

Allerdings entpuppt sich Neunburg als wesentlich weniger zeitaufwändig als geahnt: das Areal ist nach etwa einer halben Stunde abgeschritten. Interessant ist hier wieder einmal die Pfarrkirche. Sie besteht aus zwei Teilen, zwei Schiffen, die durch den Altar in der Mitte getrennt sind. Der Altbau, das ursprüngliche Kirchenschiff, ist nüchtern gehalten, in spätgotischem Stil. Der Neubau wurde erst in den 1960er Jahren hinzugefügt und versprüht mit seinen Betonkonstruktionen und der schlichten Einrichtung den Charme eben jener Zeit. Für sich genommen würde das vielleicht noch nicht einmal besonders auffallen, der gewaltige Stilbruch innerhalb dieser einen Kirche ist aber dann doch etwas zu viel für das Auge des Betrachters – wobei auffällt, dass der Effekt viel weniger stark ist, wenn man aus dem neuen in Richtung des alten Teils blickt als umgekehrt.

Die Heilige Kümmernis in Neunburg

Die Heilige Kümmernis in Neunburg

Höhepunkt des Stadtrundgangs ist allerdings die Jakobskirche. Als ich dort das kleine Kirchenschiff betrete, fällt mir sofort eine Holzfigur auf, die dort an der Wand hängt. Beim ersten Anblick denke ich unwillkürlich: „Warum hängt hier Jesus im Bademantel am Kreuz?“

Das soll jetzt keinesfalls blasphemisch gemeint sein, aber der Eindruck drängt sich mir geradezu auf, als ich das Bildnis betrachte. Ich sehe eine Person, die in der bekannten Pose des leidenden Jesus mit den Händen an ein Kreuz geschlagen ist. Aber keine Dornenkrone, kein schmerzverzerrtes Gesicht, keine blutenden Wunden. Die Person, ausgestattet mit einem stattlichen Vollbart und einem gleichmütigen Gesichtsausdruck, trägt eine kostbare Krone und ist mit einem leuchtend blauen, üppig mit goldenen Blumen verzierten Kleid angetan, das in der Hüfte gegürtet ist. Ich kann einfach nicht anders, als an einen Bademantel zu denken! Über dem Kopf des Gekreuzigten sieht man ein Schild mit der Aufschrift: „Wahre göttliche Hilf!“

Nein, obwohl alles darauf hindeutet, habe ich hier keinen Jesus vor mir. Es handelt sich – ganz im Ernst – um eine gekreuzigte Jungfrau mit Bart.

Es ist doch immer wieder erstaunlich, welch sonderliche Blüten der religiöse Volksglaube so treibt! Denn bei der Figur handelt es sich wirklich um eine – zwar seltene – Form der katholischen Heiligendarstellung. Sie heißt „Heilige Kümmernis“ oder auch „Heilige Wilgefortis“. Entstanden ist sie wahrscheinlich durch ein Missverständnis. In Zeiten, als man gewohnt war, Jesus Christus Schmerzen leidend und nur mit einem Lendentuch umhüllt am Kreuz zu sehen, konnte man mit den alten romanischen Kruzifixen, die noch in einigen Kirchen hingen, nichts mehr anfangen. Denn diese zeigten Jesus Christus als reich geschmückten Himmelskönig mit Krone und Bart. So erfanden die Menschen in ihrer Ratlosigkeit mit der Zeit eine fiktive Heilige, die für sie besser auf dieses Bild passte – und, damit das Ganze noch etwas mehr Pep bekam, gleich noch ein paar erstaunliche Geschichten dazu.

Man kam nämlich zu dem Schluss, dass die Heilige Kümmernis die Tochter eines heidnischen Königs gewesen sei. Der Vater wollte sie gerne verheiraten. Und weil sie, wie das im Märchen nun mal so ist, natürlich sehr schön war, standen die Bewerber geradezu Schlange und hielten um ihre Hand an. Doch die Heilige Kümmernis glaubte an Gott und hatte sich – wie es so schön heißt – „Christus als Bräutigam auserwählt“. Den heidnischen Brautwerbern erteilte sie allesamt eine Abfuhr. Der König wurde sauer auf seine widerspenstige Tochter und wollte sie zur Hochzeit zwingen. Aber diese weigerte sich standhaft, bis der König sie schließlich ins Gefängnis werfen ließ. Dort flehte sie Gott um Hilfe an. Diese kam prompt und überraschend: er ließ der Prinzessin einen Bart wachsen, sodass kein Mann sie mehr heiraten wollte (einen europäischen Gesangswettbewerb hätte sie damit allerdings trotzdem noch gewinnen können, wie wir heute wissen). Der König war erschrocken und wenig erbaut, als er seine Tochter so sah. Er fragte sie, wer sie so verwandelt habe, worauf die Heilige Kümmernis antwortete, das sei ihr einziger Gemahl gewesen, der gekreuzigte Gott. Daraufhin meinte der König erbost, dass sie dann auch so sterben solle wie ihr Gemahl – und ließ sie ans Kreuz schlagen.

Als nun die Statue der Heiligen Kümmernis an ihrem Kreuz in der Kirche hing, kam eines Tages ein ausgehungerter, verzweifelter Bettler des Weges. In der Hoffnung auf Hilfe nahm er seine Geige und spielte der Holzfigur ein Lied. Als er eben aufhören wollte, warf ihm die Heilige Kümmernis, die da noch goldene Pantoffeln trug, einen dieser wertvollen Schuhe zu. Der Bettler konnte sein Glück kaum fassen und verfügte sich sofort ins Wirtshaus, um erst einmal ordentlich einen drauf zu machen. Als die Rechnung kam, zog er den goldenen Schuh heraus, um damit zu bezahlen. Aber der Wirt als fleißiger Kirchgänger erkannte den Pantoffel als den der Heiligen Kümmernis und dachte natürlich, der Bettler habe ihn gestohlen. Der verzweifelte Mann wurde verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Schon bald darauf wurde er wegen seines Frevels zum Tod durch Hängen verurteilt. Als man am Tag der Hinrichtung zum Richtplatz aufbrach, kam der Zug an der Kirche vorbei, in der die Heilige Kümmernis hing. Der Verurteilte bat seine Richter um einen letzten Wunsch: ob er nicht noch einmal auf seiner Geige für die Figur spielen dürfe? Man erlaubte es ihm. Doch kaum hatte er angesetzt, kam ihm schon der zweite Schuh der Heiligen Kümmernis entgegen. Sie hatte ihm auch diesen noch zugeworfen und damit die Unschuld des Bettlers bewiesen.

„Also wurde der Geiger der Eisen und Bande ledig, zog vergnügt seiner Straßen, die heilige Jungfrau aber hieß Kummerniß.“ So endet die Geschichte von der „Heiligen Frau Kummernis“ in Grimms „Kinder- und Hausmärchen“, zu denen sie tatsächlich einmal gehörte – wenn auch nur in der ersten Auflage.

Die Heilige Kümmernis blieb nach diesem Vorfall übrigens auf ewige Zeit barfuß.

Nach meinem ziemlich schnell beendeten Stadtrundgang kommt dann tatsächlich Langeweile auf. Nicht ganz unerwartet muss ich feststellen, dass Neunburg vorm Wald keine pulsierende Metropole ist, die dem Besucher unbegrenzte Ablenkungen bietet. Aber damit habe ich nun doch nicht gerechnet: es ist erst ein halber Tag vergangen, den ich nicht auf Wanderschaft unterwegs bin, und schon weiß ich nichts Rechtes mehr anzufangen und vermisse meinen Weg!

Erst jetzt wird mir auch bewusst, dass ich unterwegs überhaupt keine Zeit gefunden habe, große Gedanken zu wälzen, an Probleme des Alltags zu denken, die zu Hause zurückgeblieben sind und über irgendwelche Sorgen ins Grübeln zu geraten. Da ich die meiste Zeit des Tages völlig allein mit mir bin, hätte man das ja vermuten können. Aber ich versinke in den langen Stunden meiner Wanderungen in keinen Grübeleien, schmore nicht im Saft irgendwelcher Gedanken, entwickele aber auch keine grundsätzlichen Überlegungen über das Leben an sich, verspüre keinerlei Langeweile. Man gibt sich auf einer solchen Strecke ganz dem Moment hin, ist in die Umgebung – und immer wieder auch in das Studium der Karten – vertieft und vergisst ganz einfach zumindest das Meiste, was einen im Alltag umtreibt.

10. Tour: Von Neunburg vorm Wald nach Oberviechtach

Tags darauf, als ich mich endlich wieder auf den Weg machen kann, weiche ich erst einmal den Hügeln nördlich von Neunburg aus und wähle den Weg an der Ascha entlang. Insgesamt geht es aber trotzdem wieder deutlich bergauf. Nachdem ich auf etwa 400 Meter gestartet bin, befinde ich mich auf dem Kätzlesberg wieder auf 655 Meter Höhe. Hier folge ich einige Zeit dem „Goldsteig“, einem Wanderweg, der quer durch den Bayerischen und den Oberpfälzer Wald verläuft und den ich auch später, in der nördlichen Oberpfalz, noch einmal antreffe. Die Gegend, in der ich mich jetzt befinde, ist überhaupt eine ausgemachte Wanderregion. Obwohl ich mich rein nach meinen topographischen Karten richte, auf denen solche Strecken gar nicht eingezeichnet sind, bewege ich mich beinahe ununterbrochen auf irgendwelchen offiziellen Wanderwegen.

Unterwegs auf dem Goldsteig

Unterwegs auf dem Goldsteig

Oberviechtach macht zunächst einen recht positiven, sympathischen Eindruck. Die Neubausiedlungen, die ich auf meinem Weg ins Zentrum passiere, sind unspektakulär, aber angenehm und aufgeräumt. Auch der kleine Stadtplatz, an dem ich in einem Gasthaus Quartier nehme, ist einladend. Allerdings leidet, wie übrigens beinahe die komplette Region, durch die ich fortan auf meinem Weg durch Bayern noch kommen werde, Oberviechtach an einem großen Strukturproblem. Die Oberpfalz als Randgebiet Bayerns wird wirtschaftlich immer weiter abgehängt, ein großer Teil der jungen und qualifizierten Menschen wandert ab. Geld für Investitionen fließt nur spärlich in die Region. Es gibt sogar Befürchtungen, dass die Oberpfalz auf lange Sicht weitgehend entvölkert sein werde. Und tatsächlich sieht man all das auf den zweiten Blick sehr deutlich am Stadtbild Oberviechtachs. Ein Spaziergang durch das Zentrum stimmt traurig. Zunächst kann man noch eine Rundwanderung um den idyllischen Marktweiher machen, in dessen Hintergrund sich stimmig der Kirchturm ins Bild schiebt. Auf dem weiteren Weg durch die teils verwinkelten Gassen im Stadtkern werde ich aber dann mit dem „anderen“ Oberviechtach konfrontiert. Die Substanz ist meist schön, doch viele Häuser stehen leer und/oder sind völlig verwahrlost, grau und trist. Hier sieht man viel Verfall.

Marktweiher von Oberviechtach

Das Gasthaus, in dem ich unterkomme, ist übrigens ein wunderbares, äußerst sympathisches Kuriosum. Es ist nämlich gleichzeitig das letzte Kino der ganzen Region: die beiden Kinosäle sind direkt in das Gasthausgebäude eingebunden, die Programmtafel befindet sich über der Eingangstür des Wirtshauses. Dieses unverhoffte Angebot lasse ich nicht ungenutzt und sehe mir abends in dem schön renovierten Saal einen Film an.

11. Tour: Von Oberviechtach nach Leuchtenberg

Am nächsten Tag bekomme ich, man ist fast geneigt zu sagen: endlich einmal! Regen ab. Zweimal erwischt mich ein heftiger Regenguss. Die Wolken warnen mich aber früh genug vor, so dass ich meine Ausrüstung anlegen kann und somit gegen die Feuchtigkeit gut geschützt bin. In gewisser Hinsicht ist es sogar schön, auch diese Erfahrung endlich wieder einmal gemacht zu haben. In meine Jacke eingemummt fühle ich mich wie in einer Höhle, nur das Gesicht leicht aus der warmen Zuflucht hinausgestreckt. Ich stelle erneut fest, dass auch Wandern im Regen durchaus gemütlich sein kann. Und das, obwohl das Wetter an diesem Tag richtige Kapriolen schlägt: Sonne, Regen, starker Wind, und einmal, hinter Tännesberg, sogar ein ziemlich starker Graupelschauer lösen sich ab.

Bei Tännesberg

Bei Tännesberg

Die Etappe bis Leuchtenberg ist, wie schon die Tage zuvor, geprägt von Wald. Bewegt man sich nur noch zwischen Bäumen dahin, wird der Weg, wie mir jetzt bewusst wird, mit der Zeit doch recht eintönig. Ich freue mich über jeden Waldrand, der mich wieder in freies Feld kommen lässt und mir ganz plötzlich schöne Ausblicke auf weite Landschaften gewährt. Dann atme ich jedes Mal unwillkürlich auf und es überkommt mich ein Gefühl von Freiheit – bis ich wieder in das nächste Waldgebiet eintauche.

Leuchtenberg aus der Ferne

Leuchtenberg aus der Ferne

Mein Tagesziel, Leuchtenberg, sieht bereits von Weitem atemberaubend aus und macht Lust auf die bevorstehende Ankunft. Der Ort liegt auf einer Hügelkuppe und überragt die gesamte Gegend. Auf dem Gipfel, genau in der Mitte des Ortes, liegt eine Burgruine. Der Bergfried und der Turm der Burgkapelle ragen dort markant auf. Leuchtenberg ist die größte und am besten erhaltene Burg der gesamten Oberpfalz und ein Wahrzeichen der Region. Eine erste Burganlage wurde bereits im 10. oder 11. Jahrhundert errichtet. In der Zeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren die Landgrafen von Leuchtenberg ein auch beim Kaiser einflussreiches Adelsgeschlecht, das seit dem 15. Jahrhundert den Fürstentitel trug. Im 17. Jahrhundert starben die Leuchtenberger allerdings aus und das Reichslehen fiel an die bayerischen Herrscher, die sich nun auch Landgrafen von Leuchtenberg nennen durften.

Leuchtenberg und Umgebung

Darauf legten diese aber anscheinend nicht sehr viel wert und die nicht mehr genutzte Burg verfiel immer mehr. Allerdings war sie noch bis 1842 weitgehend vollständig erhalten. Dann erst wurde sie bei einem großen Brand, dem außerdem das ganze Dorf zum Opfer fiel, zerstört, so dass nur die Ruine übrig blieb. Heute schmiegt sich der Ort wieder an die Hänge um die Burg herum. Auch der Kirchturm, der etwas unterhalb der Burg liegt, ist schon von Weitem zu sehen. Das Dorf sieht auch aus der Nähe mit seinen steilen Straßen und Plätzen recht nett und einladend aus. Sehr unpassend wirkt in diesem stimmigen Bild nur das Rathaus. Es ist eines der hässlichsten, die ich je gesehen habe – was daran liegt, dass es früher gleichzeitig Feuerwehrhaus war. Die Feuerwehr befindet sich mittlerweile außerhalb des Ortes und das Rathaus versucht die funktionale, nüchterne Anmutung dieses Zweckbaus mit Pflanzentrögen und blauer Farbe zu kaschieren. Erfolglos.

12. Tour: Von Leuchtenberg nach Weiden

Das letzte Teilstück dieser Etappe führt mich Tags darauf nach Weiden. Es ist geprägt von intensivem Regen und starkem Wind, so dass das „Abenteuer“ Regenwandern so gar keinen Spaß mehr macht und es auch in meiner „Höhle“ schnell ziemlich feucht und ungemütlich wird. Hinzu kommt nämlich, dass es für August überraschend kühl ist, etwa um die 10°. Die Wanderung an diesem Tag bietet somit einiges vom Gefühl „Spätherbst“. Hinter Kaimling – bei einem Weiler mit dem schönen Namen Unterschleif – befinde ich mich zudem über eine längere Strecke auf einem exponierten Hochplateau, wo mir der Wind die Wärme gewaltsam aus der Jacke reißt.

Meine Route führt nun sehr stark westwärts. Ich muss jetzt erstmals etwas deutlicher von der „Ideallinie“ abweichen, um den Bahnhof in Weiden zu erreichen. Wieder geht es ständig bergauf und bergab, da die Luhe und der Raitenbach, die ich überqueren muss, tiefe Täler gefräst haben und es auch dazwischen ziemlich hügelig zugeht. Meine Ankunft in Weiden ist nach etwas Sonnenschein wieder von starkem Regen geprägt, so dass ich die Besichtigung der Stadt auf meine nächste Etappe verschiebe.