Sechste Etappe

Auf dem Weg zur Dänischen Grenze

Am 11. Juni 2013 kehre ich zurück nach Hamburg, um schließlich auch noch das letzte Stück meines Weges zurückzulegen und „die Sache zu Ende zu bringen“. Diesmal ist seit der vorigen Etappe ein ganzes Jahr ins Land gegangen. Doch nun soll, nachdem ich mit dem Hamburger Michel ja mein ursprünglich geplantes Ziel bereits erreicht habe, endlich noch die „Kür“ folgen: die Vervollständigung meiner „Reise durch Deutschland“. Soll heißen, die Strecke von Hamburg bis zur Deutsch-Dänischen Grenze, durch das mir völlig unbekannte Schleswig-Holstein.

Ich habe mir etwas Zeit mitgebracht und nutze sie, um wieder einmal die Atmosphäre dieser schönen, spannenden Stadt zu verinnerlichen. So laufe ich einen Tag lang durch Hamburg, von Altona nach Ottensen, zur Elbe und bis St. Pauli. Vor allem in Altona und Ottensen verliebe ich mich mit ihren schönen, alten Bauten, den oft schmalen, aber sehr lebendigen Straßen, den vielen kleinen Lokalen und Geschäften, sofort wieder aufs Neue. Aber auch die Elbe mit ihren riesigen, leicht unheimlich wirkenden Hafenanlagen fasziniert mich immer wieder wie beim ersten Mal. Es ist schön, dieses „Hamburgische“ wieder einmal in mich aufzunehmen, aber nun wird es doch Zeit, endlich aufzubrechen.

Der Hamburger Hafen

Allerdings ist der Einstieg diesmal alles andere als leicht, und ich habe Schwierigkeiten wie bisher kaum einmal. Es ist mir nämlich, trotz einigem Angebot, unmöglich, entlang meiner geplanten Strecke eine Unterkunft in erreichbarer Entfernung zu finden. Zum Glück stelle ich das nicht erst unterwegs fest, sondern kümmere mich schon am Tag vor meinem Aufbruch telefonisch darum. Nach etlichen Anläufen gelingt es mir immerhin, in Pinneberg noch ein freies Bett ausfindig zu machen. Allerdings liegt die Stadt ein schönes Stück westlich meiner „Ideallinie“, so dass ich gleich einmal deutlich von dieser abweichen muss.

43. Tour: Von Hamburg nach Pinneberg

Am Michel halte ich noch einmal kurz inne und denke zurück an meine glorreiche Ankunft ein Jahr zuvor. Nachdem ich ihm noch einmal auf die Schulter – bzw. die Fassade – geklopft habe, mache ich mich schließlich auf den Weg Richtung Dänemark. Lange bin ich an diesem ersten Wandertag noch auf Hamburger Stadtgebiet unterwegs. Erst nachmittags überschreite ich die Stadtgrenze und bin damit im letzten Bundesland meiner Reise angekommen: in Schleswig-Holstein.

Mein Weg durch Hamburg ist noch einmal ein sehr interessanter Querschnitt durch diverse, sich stark unterscheidende Stadtteile. Zunächst geht es durch das Schanzenviertel, wo die alternative Szene der Stadt zuhause ist. Allem Anschein nach hat aber auch hier die Gentrifizierung längst Einzug gehalten und das „Alternative“ scheint mittlerweile oft mehr als Ausdruck eines hippen Lebensstils gepflegt zu werden als echte Einstellung zu sein. Trotzdem ist alles noch immer etwas heruntergekommener und kaputter, das Leben lockerer als anderswo – eine Atmosphäre, die nach wie vor sehr anziehend wirkt. Am Millerntor-Stadion vorbei geht es nach Eimsbüttel, eine zwar auch alternative, aber sehr viel betuchtere Gegend, in der offensichtlich viele junge Familien leben. Die Bausubstanz ist ebenso alt wie im Schanzenviertel, hier aber wunderbar erhalten und renoviert. An lauschigen, baumbestandenen Straßen findet man traumhafte, strahlende Altbau-Mehrfamilienhäuser, in die man sofort einziehen möchte.

An Hagenbecks Tierpark vorbei komme ich ins Niendorfer Gehege, ein Naherholungsgebiet der Hamburger, zum großen Teil ein weitgestrecktes, dicht bestandenes Waldgebiet – im nördlichen Teil aber auch mit schönen, sonnigen Wiesen, durch die schmale Trampelpfade führen. Hier kommt zum ersten Mal wieder das typische, befreiende Wandergefühl in mir hoch, abseits der Stadt, umgeben von Natur – und nicht von Millionen von Menschen. Doch nur kurz dauert es, und ich bin wieder zurück in der Zivilisation. Schnelsen – zumindest der Teil, den ich zu sehen bekomme – ist ein sehr bedauernswerter Stadtteil. Eigentlich wäre die Gegend recht passabel: viele kleine Einfamilienhäuser, Gärten, schmale, wenig befahrene Straßen – ein typischer Vorort. Aber!: die Autobahn A7 verläuft direkt durch den Ort, vorbei an den netten Einfamilienhäusern, und verursacht ein ohrenbetäubendes Tosen, das nur von den mächtigen Flugzeugen übertroffen wird, die – eben am Hamburger Flughafen gestartet – tief über die Dächer fliegen. Weil es nun immerhin sowieso schon egal ist, sind über die Häuser an der Autobahn auch noch riesige Stromleitungen gespannt. Mir scheint es unfassbar, dass dort jemand freiwillig lebt!

Hinter Schnelsen muss ich von meiner Ideallinie abbiegen und mich Richtung Westen aufmachen, so dass ich auf den letzten Kilometern nach Pinneberg meinem Ziel im Norden nicht mehr wirklich näher komme. Hier geht es zunächst wieder ein Stück über Land, bis ich mit Rellingen und Pinneberg schließlich wieder Stadtgebiet erreiche. Gefühlt habe ich damit erst einmal wieder genug von Städten und Zivilisation, und freue mich auf offene Landschaften und weite Natur – von denen ich in den folgenden Tagen mehr als genug bekommen werde.

44. Tour: Von Pinneberg nach Barmstedt

Der Einstieg in meine Wege „abseits der Zivilisation“ tags darauf ist äußerst vielversprechend. Direkt hinter Pinneberg wandere ich an dem Bach Pinnau entlang und erreiche nach einiger Zeit einen kleinen See. Sowohl die Strecke am Bach als auch der See erweisen sich als wunderschön und idyllisch – wenn man davon absieht, dass ich auf dem Weg die A23 unterqueren muss. Umso mehr steigt die Vorfreude auf die Landschaft, die da kommen würde. Doch Pinnau und See entpuppen sich später als der absolute Höhepunkt des Tages. Nicht, dass die weitere Strecke unangenehm wäre. Die Landschaft ist aber doch weitgehend unspektakulär: ein paar Bäume und Büsche, einige Wiesen, hier und da eine Kuh, viele Felder – und dazwischen die Straßen und Wege, auf denen ich mich bewege.

Barmstedt, mein Zielort an diesem Tag, ist doch eine kleine Enttäuschung. Ich habe ein kleines, ansehnliches Städtchen erwartet, von dem ich wusste, das es einen kleinen See mit zugehörigem Schloss zu bieten hat. Die Stadt erweist sich dann aber als sehr durchschnittlich und farblos. Auch See und Schloss wirken sehr unspektakulär. Der See ist als Naherholungsziel für die Einheimischen angelegt, mit angeschlossener Seniorenresidenz. Das Schloss besteht aus ein paar kleinen verstreuten Backsteinbauten, in denen sich heute hauptsächlich Ateliers befinden. Und das Rathaus in der Stadtmitte ist das hässlichste, das ich seit Leuchtenberg gesehen habe!

Da kommt nicht mehr viel...

45. Tour: Von Barmstedt nach Kellinghusen

Die folgende Tagesetappe ist geprägt von einem äußerst sonderbaren Erlebnis: ich verliere an diesem Tag im wahren Wortsinn eine Stunde. Und ich habe keine Ahnung, wo diese geblieben ist. Irgendwo zwischen Barmstedt und Kellinghusen muss sich eine Art Bermuda-Dreieck befinden. Das ist natürlich nicht ernst gemeint – aber ganz wohl ist mir bei dieser Geschichte wirklich nicht, zu seltsam ist sie. Ich habe um 9 Uhr gefrühstückt, bin gegen 10 Uhr aufgebrochen und stramm losmarschiert. Es geht mir sehr gut an diesem Tag und ich fühle mich fit wie selten, ohne jegliche Beschwerden. Deshalb habe ich auch schnell eine größere Strecke zurückgelegt und stelle nach einem Blick auf meine Uhr fest, dass ich etwas langsamer machen muss, um nicht zu früh an meinem Zielort und meiner Herberge zu sein. So kommt es, dass ich eine ausführliche Mittagspause einlege und mich auch später noch einmal einige Zeit an einen Feldrand setze, um etwas zu lesen und die Sonne zu genießen, die nur immer wieder einmal kurz hinter den schnell ziehenden Wolken verschwindet. Als ich schließlich gegen halb fünf bei meiner Unterkunft in Kellinghusen ankomme und kurz auf mein Handy schaue, zeigt dieses – halb sechs! Auf meine verwirrte, ungläubige Nachfrage bestätigen mir das auch meine Gastgeber.

Nun gut, dafür gibt es natürlich ganz einfache Erklärungsmöglichkeiten, zum Beispiel: die Batterie meiner Armbanduhr ist schwach – allerdings ist diese ganz neu und die Uhr läuft einwandfrei. Ich könnte die Uhr aus Versehen verstellt haben, beispielsweise beim Aufziehen des Rucksacks, was mir tatsächlich schon ein paar Mal passiert ist – so muss es wohl auch gewesen sein, ist aber nur schwer zu glauben. Denn die Uhr geht nicht so ungefähr eine Stunde nach, sondern auf die Minute genau. Welch ein riesiger Zufall ist es, dass sich das Stellrädchen auf den Millimeter so weit dreht und danach wieder einrastet, dass der Zeiger haargenau um eine Stunde zurückgewandert ist. Das Ganze bleibt ein Rätsel.

Im Wald

Auf halber Strecke zwischen Barmstedt und Kellinghusen komme ich an diesem Tag durch ein größeres Waldgebiet. Hier packt mich plötzlich wieder einmal die Schönheit dieses Ortes: des Waldes. Alles passt zusammen: die Sonne scheint durch die Wipfel, so dass es ihre Strahlen in feinen Mustern, aber an nicht allzu vielen Stellen bis zum Boden schaffen; keine Umgebungsgeräusche sind zu hören, nur das laute, improvisierte Lied der Vögel, und das Rauschen der Baumwipfel im Wind, die sich dazu leicht hin und her wiegen. Wieder einmal wird mir bewusst, dass dieses Rauschen eines meiner absoluten Lieblingsgeräusche ist und ich mir nichts angenehmeres und beruhigenderes vorstellen kann. Ich muss stehenbleiben, eine Zeit lang innehalten und die Szenerie auf mich wirken lassen.

Kellinghusen

In Kellinghusen bin ich wieder einmal bei Gastgebern einquartiert, die mich mit ihrer Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft beeindrucken und mir den Aufenthalt sehr angenehm machen. Erinnerungen an meine Unterkunft in Hösseringen in der Lüneburger Heide kommen hoch: auch hier handelt es sich um ein altes Ehepaar – er schon 82 Jahre alt; auch sie haben, in schon fortgeschrittenem Alter, entschieden, noch einmal etwas Neues zu beginnen und eine Pension zu eröffnen; auch sie haben dazu ein altes Haus renoviert und in einen sehr schönen Zustand versetzt; auch sie sind sehr unkomplizierte, nette Menschen, bei denen es zudem zum selbstverständlichen Ritual gehört, dass Pensionsgäste und sie gemeinsam an einem Tisch frühstücken. Nachdem die anderen Gäste aufgebrochen sind, sitze ich noch lange mit den Gastgebern am Frühstückstisch und wir unterhalten uns gemütlich über dies und das. Da ich eine relativ kurze Tagesetappe geplant habe, bin ich nicht in Eile, und so genieße ich in Ruhe die familiäre Atmosphäre.

46. Tour: Von Kellinghusen nach Hohenwestedt

Als ich schließlich doch aufbreche, sehe ich beim Bummel durch die Stadt, dass Kellinghusen ein durchaus adrettes, angenehmes Städtchen ist, mit ansehnlichen Backsteinhäusern im Zentrum, einem etwas außergewöhnlichen Rathaus mit Turm und einer alten Kirche aus grob behauenen Steinen auf einem Hügel.

War die Landschaft bis hierhin wie erwartet norddeutsch flach, so ändert sich das rund um Kellinghusen kurzzeitig. Nicht, dass ich größere Anhöhen erklimmen müsste, aber eindeutig ist die Gegend nun – wie meine Gastgeberin so schön sagte – „lieblich gewellt“. Das eröffnet auf einmal auch wieder ganz ungewöhnliche Perspektiven: Plötzlich kann man, wenn man aus einem Wald heraustritt, auf einem Hügel in der Ferne ein Dorf erkennen, das man im Laufe des Tages erreichen wird – ein Gefühl, das ich schon fast vergessen habe, und das, wie ich jetzt feststelle, sehr angenehm ist.

Mittlerweile habe ich auch die „Guten Tag“-Region verlassen (ich hatte mich schon fast daran gewöhnt) und bin in die „Moin“-Region vorgestoßen. Man weiß es ja theoretisch, aber es fühlt sich dann doch seltsam an, wenn man um vier Uhr nachmittags mit diesem Gruß angesprochen wird. So geht es mir jedenfalls, als mich ein entgegenkommender Radfahrer zum ersten Mal derart grüßt. Ich bin tatsächlich so verwirrt in dem Moment, dass ich keinerlei Gegengruß herausbringe. In der Folge probiere ich den Gruß ganz bewusst an, teste, wie er mir steht und wie er herauskommt. Die Gegrüßten scheinen zufrieden damit, aber für mich selbst bleibt es seltsam, „Moin“ zu sagen – außer natürlich morgens. Es fühlt sich fremd an, wie eine Verkleidung, und ich habe das Gefühl, mich anzubiedern, wenn ich es sage.

An diesem Tag kommt mir dann schließlich auch mein bisher so großes Wetterglück abhanden – und kehrt bis zum Ende meiner Reise auch nicht mehr so recht zurück. Den ganzen Tag war das Wetter bereits ziemlich durchwachsen, mit starkem Wind, dazwischen aber auch sonnigen Abschnitten. Als ich aber noch etwa fünf Kilometer von meinem geplanten Tagesziel Hohenwestedt entfernt bin, steht mit einem Mal eine dunkle, bitterbös blaugraue Wolkenwand vor mir, und bald höre ich tiefes Donnergrollen. Mir wird klar, dass ich es nicht mehr schaffen würde, irgendeinen Zufluchtsort zu erreichen und ich dem Gewitter wohl oder übel ins Auge werde blicken müssen. Als es bald darauf losbricht, befinde ich mich eben in einem Waldstück. Mit doch einigem Respekt vor dieser nicht ungefährlichen Situation, aber ohne andere Wahl, lege ich meine Regenkleidung an, suche Schutz unter zwei schräg nach vorne hängenden, eng aneinander geschmiegten Baumstämmen, die mir ein passables Dach zu geben scheinen, und harre der Dinge, die da kommen würden.

Drohendes Unwetter

Es bricht ein unglaubliches Tosen los, wie ich es in seiner Unmittelbarkeit noch nie erlebt habe. Ein heftiger Wind kommt auf und das Rauschen der Bäume wird zu einem alles beherrschenden Geräusch. Dazu prasselt der Regen, und Donner grollen in allen Himmelsrichtungen und in beängstigender Nähe. Blitz und Donner folgen bald so schnell aufeinander, dass mir an meinem Zufluchtsort zu Füßen hoher Bäume doch ziemlich unwohl wird. Doch es gibt kein Entrinnen: rund um mich herum ist überall Wald. Mein Baumdach schützt mich zwar zunächst immerhin vor dem Regen, ich muss aber schnell lernen, dass sich dieser Schutz ab einer gewissen Regenmenge ins Gegenteil verwandelt, da bald ganze Bäche, die sich an den Stämmen gesammelt haben, auf mich herab rieseln. Deshalb ziehe ich weiter, suche aber bald einen neuen Unterschlupf, der tatsächlich etwas besser geeignet ist.

Es dauert nicht allzu lange, bis sich das Wetter ausgetobt hat, der Donner in ein weiter entferntes Räuspern übergeht und aus den Bächen, die vom Himmel kommen, einzelne Tropfen werden.Trotzdem ist es mir wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen. Einzelne Vögel beginnen wieder zaghaft zu singen, und erst da bemerke ich, dass sie während des Gewitters völlig geschwiegen haben. Ich nehme es als Zeichen, dass das Schlimmste vorüber ist, und mache mich auf den Weg, die letzten Kilometer bis Hohenwestedt, das ich schließlich bei schon fast wieder blauem Himmel erreiche.

Auch Hohenwestedt stellt sich bei einer abendlichen Runde durch den Ort als nettes, angenehmes und sympathisches Städtchen heraus. Wie schon in Kellinghusen fällt mir auch hier auf, dass die Kleinstädte in dieser Gegend – im Gegensatz zu vielen meiner früheren Erfahrungen – zu „funktionieren“ scheinen. Die Straßen sind belebt, es gibt Firmen und Ladengeschäfte aller Art. Den Menschen scheint es gut zu gehen. Man hat sehr den Eindruck, dass sich für die Einwohner hier genügend berufliche wie private Perspektiven bieten.

Kirche von Hohenwestedt

Ein besonderes Kleinod Hohenwestedts ist das sogenannte Muschelhaus. Detlev Hauschildt, der von Berufs wegen Muscheln gravierte und für Schmuckstücke verarbeitete, ließ es Anfang des 20. Jahrhunderts als Wohn- und Geschäftshaus erbauen und zwar sozusagen im Stile eines Schmuckkästchens, wie sie von ihm wohl produziert wurden: denn die Fassade des Hauses ist mit einer riesigen Menge Muscheln unterschiedlichster Art und Größe verziert. Schon von Ferne bietet das einen sehr exotischen, faszinierenden Anblick, aus der Nähe betrachtet staunt man noch einmal mehr über die wunderbaren Muschelformen und ihre Wirkung als Hausschmuck.

47. Tour: Von Hohenwestedt nach Elsdorf-Westermühlen

Der Regen lässt mich nun nicht mehr in Ruhe. Zwar scheint auch am folgenden Tag zunächst immer wieder einmal die Sonne, und auch meine Mittagspause kann ich bei lediglich leichtem Regen unter einigen Bäumen trockenen Hauptes verbringen. Doch kurz danach zieht der Himmel vollständig zu und es regnet längere Zeit unerbittlich. Hinzu kommt ein starker Wind, der mir die dicken Regentropfen von allen Seiten entgegen treibt und es empfindlich kühl werden lässt.

Überhaupt, der Wind! Er ist bis hierhin – neben der weitgehend immer gleichen Landschaft – die große Konstante dieser Etappe. Er bläst unentwegt und scheint dabei von Tag zu Tag stärker zu werden. Langsam beginnt er, mich mit seiner dauernden Anwesenheit mürbe zu machen. Je länger ich ihm ausgesetzt bin, desto unangenehmer wird er, und ich muss zugeben, dass sich mittlerweile gewisse Antipathien gegen ihn aufgestaut haben. Doch nicht nur sein dauerndes Ziehen und Zerren nervt. Er ist wie gesagt auch empfindlich kalt. Als der Regen nachmittags aufhört, muss ich feststellen, dass ich sogar meinen Atem sehen kann. Die Temperaturen sind deutlich nach unten gerutscht – und das Mitte Juni, während in meiner Heimat im Süden gerade eine der schlimmsten Hitzewellen der letzten Jahre herrscht. Doch ich nehme es schließlich als weitere Erfahrung auf meiner Wanderung, als Charakteristikum des Landesteils, in dem ich mich bewege – das muss wohl das „Schietwetter“ oder „Seewetter“ sein.

An diesem Tag überquere ich bei Breiholz den Nord-Ostsee-Kanal – einer der letzten großen, symbolischen Schritte auf meinem Weg zur Dänischen Grenze. Für mich ist das wieder einmal ein großes, faszinierendes Schauspiel – für die Menschen vor Ort völlige Normalität und Alltag: es gibt dort keine Brücken, sondern nur Fährverkehr. Und das immerhin an einer viel befahrenen Landstraße. Die Fähre, auf die jeweils sechs PKW plus eventuell Motor- und Fahrräder sowie gegebenenfalls Fußgänger – wobei ich der einzige bin – passen, pendelt ohne Unterbrechung von einem Ufer zum anderen und hält so den Verkehr zwischen beiden Seiten aufrecht. Kurze Unterbrechungen gibt es nur, wenn große Schiffe die Strecke kreuzen. Ich habe das Glück, dass sich eben, als ich den Kanal erreiche, zwei riesige Frachtschiffe heranschieben. Ein Anblick, der an diesem Ort schon etwas surreal wirkt.

Frachter auf dem Nord-Ostsee-Kanal

Die Idee für diesen Kanal, der eine der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt ist, ging ursprünglich auf militärische Überlegungen zurück. Im Deutsch-Dänischen Krieg wollte Otto von Bismarck eine Möglichkeit für deutsche Schiffe schaffen, zwischen Nord- und Ostsee verkehren zu können, ohne unter dänischen Beschuss zu geraten. Gebaut wurde der Kanal dann schließlich zwischen 1887 und 1895 und unter dem Namen „Kaiser-Wilhelm-Kanal“ eröffnet. Seither wurde er mehrmals ausgebaut. Aufgrund der Größe der durchfahrenden Schiffe war für die Querung der Bau von Brücken nicht an allen Stellen sinnvoll und machbar, da diese eine enorme Höhe aufweisen müssen. So kommt es, dass als „Brückenersatz“ auch etliche Fähren zum Einsatz kommen. Laut Verordnung von Kaiser Wilhelm sollte ihre Benutzung kostenfrei sein – ein Zugeständnis an seine Untertanen, die immerhin mit diesem Einschnitt in ihre Heimat leben mussten. Dieses Prinzip hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

48. Tour: Von Elsdorf-Westermühlen nach Kropp

Als ich tags darauf meine Unterkunft in Elsdorf-Westermühlen verlasse, gesellt sich bald eine unerwartete und eigenartige Gesellschaft zu mir, die mich bis zum späten Nachmittag nicht mehr verlässt. Es handelt sich dabei um einen riesigen Vogel. Zum ersten Mal sehe ich ihn, als ich kurz nach meinem Aufbruch eben einen Rehbock beobachte, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er mich sieht oder nicht. Da höre ich plötzlich hinter mir ein schnell anschwellendes Motorengeräusch, und als ich mich umdrehe, kommt direkt über mir ein riesiges braun-graues unförmiges Ungetüm auf mich zu. Mit lautem Brummen überfliegt es mich in niedriger Höhe.

Mein Begleiter bei Hohn

Nach dem ersten Schrecken kann ich mir aus meinen Karten schnell zusammenkombinieren, dass es sich bei der Propellermaschine um ein Bundeswehrflugzeug handeln muss, dem Anschein nach eine Frachtmaschine. Bei Hohn, das nur einige Kilometer nördlich von meinem aktuellen Standort liegt, befindet sich nämlich ein Truppenübungsplatz samt Flughafen, und so wie es aussieht, werden hier Piloten im Bedienen eben dieser Flugzeuge ausgebildet. Denn die Maschine dreht wie ein Uhrwerk den ganzen Tag ihre Kreise, startet mit einem für mich bald schon genau identifizierbaren Geräusch, fliegt eine Schleife – vormittags Richtung Süden, also immer über mich hinweg, nachmittags Richtung Norden, also wieder über mich hinweg, der ich inzwischen weitergewandert bin – und landet mit einem ebenfalls eindeutig zu identifizierenden Geräusch, nur um kurz danach wieder zu starten. Und immer so weiter, stundenlang. Nach meinem anfänglichen Schrecken habe ich mich so schnell an meine Begleitung gewöhnt, dass ich sie schließlich fast vermisse, als sie mittags eine eineinhalbstündige Pause einlegt.

Um diese Zeit bin ich in Hohn angekommen: schon wieder eine sehr nette, aufgeräumte Ortschaft. Neben dem kreisenden Flugzeug gehört zu Hohn auch das Naturschutzgebiet Hohner See, zu dem ich einen kleinen Abstecher mache. Eine wunderschöne Gegend – wobei das zum ersten Mal seit längerem makellose Wetter wohl einen gewissen Einfluss auf dieses Urteil hat. Es handelt sich dabei um eine Moorlandschaft, in deren Mitte sich der besagte See befindet. See, wie auch die weitgestreckten Moorwiesen mit ihren vielen verschiedenfarbigen Gräsern und Blumen, sind eine Augenweide.

Landschaft bei Hohn

Nachdem ich anschließend die Neue Sorge überschritten und Tetenhusen durchquert habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als ein längeres Stück an einer Landstraße entlang zu gehen. Ein etwas seltsamer Abschnitt, wie eine Hürde: eine links und rechts bis zum Horizont reichende, etwa fünf Kilometer breite Ebene, die gänzlich unbebaut, ohne jeden Waldbestand und völlig flach ist. Und es gibt in dieser Region keinerlei Wege als eben die eine Autostraße. Dieses Gelände lässt mich, bei der wieder fröhlich scheinenden Sonne, schon recht bald nach einem Schatten sehnen, der aber nirgends zu sehen ist. Entsprechend erhitzt in Kropp angekommen, komme ich dort schließlich in dem teuersten und gleichzeitig kleinsten Zimmer meiner ganzen Reise unter – das noch dazu auf eine Bundesstraße hinausblickt.

49. Tour: Von Kropp nach Esperstoft

So wie die kleinen Ortschaften, durch die ich auf meiner Reise komme – Kropp, Groß Rheide, Ellingstedt und Silberstedt ordnen sich tags darauf in diese Reihe ein – angenehm, sympathisch und dabei unspektakulär sind, so gilt entsprechendes für die Landschaft. Nach den leichten „Unebenheiten“ bei Kellinghusen ist die Gegend mittlerweile wieder völlig flach, weite Ausblicke daher unmöglich. Aber auch die nahen fallen oft schwer. Denn meist geht es lange Strecken auf kleinen Straßen oder Wegen dahin, die links und rechts von hohem Gebüsch und Bäumen gesäumt sind, so dass der Blick völlig gefangen ist. Wie ich im Gespräch mit einem Anwohner erfahre, heißen diese für die Gegend so typischen bepflanzten Linien „Knicks“. Sie wurden ab dem 18. Jahrhundert auf staatliche Verordnung hin angelegt, damit der Seewind – das Meer liegt ja zu beiden Seiten nicht weit entfernt – die Ackerkrume nicht wegblase. Noch heute stehen diese Knicks unter Naturschutz und dürfen nicht beseitigt werden.

Rehkitze am Dannewerk

Wieder einmal komme ich in dieser Landschaft in näheren Kontakt mit den Wildtieren, diesmal mit dem Nachwuchs: ich stehe eben am Straßenrand und betrachte das „Dannewerk“, das in seiner heutigen Erscheinung an dieser Stelle unspektakulärer nicht sein könnte, als ich plötzlich sehe, dass direkt vor mir ein Reh mit seinem Kitz kauert und mich ängstlich anstarrt. Damit habe ich nicht gerechnet und mache wohl eine abrupte Bewegung. Jedenfalls springt das Reh auf und davon, gefolgt von dem unbeholfenen Kitz, das staksig durchs hohe Gras hüpft und den Anschluss verliert. Unter einem Gebüsch in einiger Entfernung bleibt es schließlich stehen. Wie ich nun entdecke, befindet sich dort schon sein Geschwisterchen, so dass mich jetzt vier große Augen mit aufgestellten Ohren darüber anstarren. Ein herrlich netter Anblick!

Das „Dannewerk“, an dem sich diese Episode zuträgt, ist ein heute kaum mehr wahrnehmbarer Erdwall. Doch für die Geschichte dieser Gegend besitzt er eine bedeutende Rolle. Es ist eines von etlichen Merkmalen der engen Verstrickung deutsch-dänischer Geschichte in diesem Landstrich. Denn die Herzogtümer Schleswig und Holstein – deren gemeinsame Grenze durch die Eider bezeichnet wurde, die ich zwei Tage zuvor überschritten habe – waren über Jahrhunderte hin- und hergerissen zwischen ihrer Selbständigkeit und ihrer Zugehörigkeit zu Dänemark und/oder Preußen. Seit dem 15. Jahrhundert waren die beiden Herzogtümer unter einem Sonderstatus dem dänischen König unterstellt, was lange Zeit gut ging. Im 19. Jahrhundert allerdings, in Zeiten der Napoleonischen Kriege und der Revolutionen, kam es vor allem in der deutsch-dänisch gemischten Bevölkerung des nördlich der Eider gelegenen Schleswig zunehmend zu Spannungen und der Kampf um die Herrschaft in den beiden Herzogtümern brach mit aller Heftigkeit aus. 1864 gipfelte dies schließlich in einem Krieg um Schleswig und Holstein, zwischen Dänemark auf der einen sowie Preußen und Österreich auf der anderen Seite. Am Dannewerk stehend befinde ich mich nun mitten im ehemaligen Kriegsgebiet. Hier hatten die dänischen Truppen gelegen, mit insgesamt 175 Kanonen hinter der kilometerlangen Festung verschanzt, die aus 27 Erdwällen bestand, und sich den schnell von Süden vorrückenden Preußen und Österreichern entgegengestellt, um wenigstens den nördlich gelegenen Teil Schleswigs zu verteidigen. So imposant die Konstruktion damals aber auch gewesen sein mag, dauerte es nur wenige Tage, bis die Dänen auch diese Stellung aufgeben mussten. Nur wenige Monate später hatte Dänemark den Krieg verloren, Holstein und Schleswig gehörten fortan zu Preußen.

Kurz vor meinem Tagesziel in Esperstoft begegne ich einem älteren Herren, der in seinem Vorgarten zugange ist und mich vorbeilaufenden Wandersmann anspricht, wohin ich unterwegs sei. Die Szenerie erinnert mich sofort an meine Erlebnisse damals in Enzenried. Wie dort kommt mir auch dieser Mann mit einer unglaublichen Offenheit und Freundlichkeit entgegen, bietet mir sofort etwas zu trinken an, und lässt sich, nachdem wir einige Zeit über mein Vorhaben geplaudert haben, nicht davon abbringen, mir eine Schachtel Eier von den eigenen Hühnern zu schenken, die ich, perplex von so viel unkomplizierter Freundlichkeit, gerne annehme – ohne darüber nachzudenken, wie ich sie verarbeiten soll. Er erzählt, dass die Hühner der Rest eines früheren vollwertigen Bauernhofes sind, den er betrieben hat – mit Milchvieh und allem drum und dran. Sein Sohn hat noch Landwirtschaft gelernt, doch schon bald mussten sie die Kühe und den größten Teil der Wirtschaft aufgeben, da sich die Milchviehhaltung in mittlerer Größe heutzutage einfach nicht mehr lohnt.

Meine Unterkunft in Esperstoft

In Esperstoft bin ich dann zum ersten Mal während meiner gesamten Reise auf einem Campingplatz untergebracht. Zwar fehlt mir dafür jegliche Ausrüstung, doch gibt es hier die Möglichkeit, in Bauwagen zu übernachten – eine Möglichkeit, die ich gerne und neugierig wahrnehme. In dem Bauwagen befindet sich nicht mehr als ein Bettgestell, eine kleine Sitzbank und ein winziger Tisch – meine Peter-Lustig-Phantasien werden also nicht Wirklichkeit. Doch nachdem ich mir Schlafsack, Kochplatte und Pfanne beim Campingplatzbetreiber ausgeliehen habe, verbringe ich einen recht gemütlichen Abend mit Bier und aus der Pfanne gelöffeltem Rührei auf den Stufen meines Bauwagens.

In den vergangenen Tagen habe ich schon beinahe den Eindruck gewonnen, dass die Einheimischen in dieser Gegend ebenso verschlossen und zurückhaltend sind wie in Niedersachsen. Doch nun relativiert sich dieses Gefühl doch deutlich. Nicht nur der nette Herr kurz vor Esperstoft, auch mein Campingplatz-Wirt sowie am folgenden Tag ein älterer Mann, dem ich vor seinem Haus in Sollerup begegne, zeigen sich durchaus zu einem gemütlichen „Schnack“ aufgelegt, so dass ich nun doch wieder verstärkt mit den Menschen in Kontakt komme.

50. Tour: Von Esperstoft nach Wanderup

Es ist unbestreitbar: die Etappe ist bereits so weit vorangeschritten, dass meine Deutschlandreise nun bald an ein Ende kommen würde. Meinen Karten nach zu schließen fehlen nur noch zwei Tage, bis ich die Dänische Grenze erreiche. So kurz vor dem Ziel ist es allerdings schließlich, dass ich die unangenehmste Tagestour meiner ganzen Deutschlandreise zurückzulegen habe: die Strecke von Esperstoft nach Wanderup. Das Problem ist zum Einen, dass es in dieser Gegend fast keine Wege mehr zu geben scheint – jedenfalls keine, auf denen man größere Entfernungen überbrücken könnte. Alle Feldwege und kleinen Straßen enden nach Kurzem im Nirgendwo, es gibt keinerlei Verbindungen zwischen ihnen. Ausnahmen sind einzig die großen Autostraßen, an denen es immerhin – wohl aus diesem Grund – wenigstens eigene Rad- und Fußwege gibt. So verbringe ich also fast einen ganzen Tag am Rande viel befahrener Land- und Bundesstraßen.

Das Hauptproblem ist allerdings eindeutig das Wetter. Schon als ich morgens in meinem Bauwagen erwache, höre ich fernes Donnergrollen. Während des Frühstücks und des Zusammenpackens meiner Siebensachen kommt es immer näher, und als es eigentlich soweit wäre, sich auf den Weg zu machen, schlägt das Gewitter endlich los. Wieder lässt das Wetter all seine Kraft spüren und den Bauwagen, in dem ich ausharre, vibrieren. Als ihm schließlich die Luftg ausgeht, es zu regnen aufhört und wieder etwas heller wird, breche ich auf. Denn ich muss ja weiter, auch wenn das Wetter noch keineswegs Vertrauen erweckend aussieht. Es ist unfassbar schwül und warm, wohl an die 30 Grad, auch nach dem Regen, so dass die Landschaft um mich herum nur so dampft. Der Himmel will nicht aufklaren, und bald donnert es wieder und die schwarzen Wolken formieren sich neu. Ich blicke unentwegt nach oben, um rechtzeitig festzustellen, wann es wieder akut gefährlich wird, um dann hoffentlich noch irgendwo einen Unterschlupf zu finden. Doch die Luft rührt sich nicht und es ist nicht zu erkennen, wie die Wolken ziehen. Vielmehr scheinen sie sich andauernd in eine andere Richtung zu bewegen. Schon tropft es wieder, aber Regenkleidung anzulegen wäre völlig sinnlos, da ich durch die Hitze mit Jacke und Hose innerhalb kürzester Zeit vom Schweiß genauso durchnässt wäre wie nach einem kräftigen Regenguss.

Mein Zufluchtsort im Gewitter

Ich komme bis Sollerupmühle, dann hat das Gewitter wieder genügend Kräfte gesammelt, um erneut loszuschlagen. Es ist unglaubliches Glück, dass ich genau in diesem Moment an einem abseits jeglicher Häuser eingerichteten Spielplatz vorbeikomme, auf dem wie vom Himmel gesandt eine Art Baum- oder Kletterhaus auf Stelzen steht, in das ich über eine schmale Leiter klettere, um mich dort hinzukauern, Sekunden bevor das Unwetter so richtig losgeht. Alles bisherige war nur Vorgeplänkel gegenüber dem, was nun passiert. Undurchdringliche Wasserfälle rauschen vom Himmel, ringsum zucken Blitze. Deutlich hörbar schlagen einige in beängstigend geringer Entfernung ein, während ich in meinem Kletterhäuschen kauere, auf bessere Zeiten warte und nun doch die Regenjacke anlegen muss, da das Dach über mir den Wassermassen nicht mehr standhält. Es dauert lange, bis sich das Wetter wieder beruhigt hat und ich aus meiner Behausung krabbeln und weitergehen kann, den schwarzen Wolken, die nach Norden weiterziehen, dicht auf den Fersen.

Und wieder Unwettergefahr

Doch die Lage entspannt sich noch immer nicht. Es bleibt sehr heiß, bei einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent: es herrscht richtiggehend Nebel, weil alles um mich herum dampft. Und die Wolken überlegen schon recht bald wieder, ob sie sich zu einer dunklen blaugrauen Wand zusammentun und das nächste Unwetter auslösen sollen.

Kurzum: der ganze Tag besteht aus unerträglicher Schwüle; ununterbrochenen ängstlichen Blicken zum Himmel; dauerndem Suchen nach brauchbarem Unterschlupf; Blitz; Donner; Regen… Es ist wohl verständlich, dass mir an diesem Tag wenig an der Umgebung liegt, die ich durchwandere (und die im Übrigen dem Durchschnitt der vorangegangenen Tage entspricht), sondern mein Ziel allein ist, so schnell wie möglich in meiner Unterkunft in Wanderup anzukommen – was ich übrigens schaffe, ohne den ganzen Tag einmal wirklich nass geworden zu sein und kurz bevor das nächste heftige Gewitter niedergeht.

Wanderup: welch ein schöner, symbolhafter Name für einen Ort, den ich hoch im Norden, kurz vor meinem endgültigen Ziel erreiche! In meiner dortigen Unterkunft ist es Brauch, das Frühstück im „Saal“, an der „langen Tafel“, gemeinschaftlich einzunehmen. So ergibt sich auch hier wieder einmal eine recht unterhaltsame Runde, auch wenn bei meinem Erscheinen außer den zum Haus gehörigen Leuten nur noch ein weiterer Gast anwesend ist. Bevor ich weiterziehe, unterhalte ich mich noch kurz mit einem Zimmermann, der eben auf dem Hof zugange ist, einem alten, vollbärtigen, wettergegerbten Mann, der Zunftkleidung trägt und ursprünglich aus Pfaffenhofen stammt. Er ist Ende der sechziger, anfang der siebziger vier Jahre lang auf der Walz gewesen und bis nach Neuseeland gekommen. Jetzt lebt er schon seit über zwanzig Jahren im hohen Norden. Mit Bayern verbindet ihn nicht mehr viel, was man auch deutlich an seinem norddeutschen Dialekt hört.

51. Tour: Von Wanderup nach Medelby

Das Wetter und die Gegend scheinen sich beinahe für den Vortag entschuldigen zu wollen, denn nicht nur komme ich völlig ohne Regen durch den Tag, auch die Landschaft ist zwar ohne große Höhepunkte, aber doch recht angenehm zu durchstreifen: hinter Großenwiehe steige ich den Wieheberg hinauf – wobei der Name „Berg“ hier leicht übertrieben scheint, handelt es sich doch nur um eine kleine Erhebung – und habe oben schon fast so etwas wie einen Ausblick in alle Richtungen. Später komme ich durch ein wunderschönes kleines Dörfchen namens Meyn – sicher die schönste und ansprechendste Ortschaft, die ich auf meiner Reise durch Schleswig-Holstein erreiche, und etwa in der Art, wie ich mir ursprünglich alle vorgestellt hatte. Hier finde ich auch mehrere schöne Häuser mit Reetdächern, die endlich ganz meinem klischeebehafteten Bild dieser Region entsprechen.

Das Ziel kommt näher

Und es ist nun wirklich an der Zeit, mein Schleswig-Holstein-Bild von einigen Klischees zu befreien:

  1. Reetdächer sind die Ausnahme, nicht die Regel! Schon auf meiner letzten Etappe durch Niedersachsen bin ich immer davon ausgegangen, bald schon überwiegend reetgedeckte Häuser zu sehen – wie man sie eben als ahnungsloser Süddeutscher in romantisch angehauchten Bildern der Gegend vorgeführt bekommt. Doch nichts dergleichen: solche bleiben auf meinem ganzen Weg eine absolute Seltenheit. Auch alte Bauwerke, die von ihrem ganzen Ansehen her für Reet geradezu prädestiniert scheinen, sind – mittlerweile? – mit klassischen Schindeln statt Reet gedeckt. Ein Schindeldach ist wohl pflegeleichter und weniger kostenintensiv, so dass das Reetdach auch im hohen Norden immer mehr zur Seltenheit wird.
  2. So gut wie niemand spricht Plattdeutsch – mit mir natürlich schon mal gar nicht, aber auch wenn ich die Einheimischen untereinander sprechen höre, kann ich nur ein einziges Mal auf meinem Weg durch Schleswig-Holstein in einer Bäckerei ein paar Brocken Platt aufschnappen.

Und dann ist es soweit! Als ich meine letzte Unterkunft vor der Grenze erreicht habe, den Ort Medelby, stellt sich doch so etwas wie Ungläubigkeit ein, dass es nun tatsächlich sehr bald soweit sein würde, ich die Dänische Grenze erreichen würde und damit Deutschland komplett zu Fuß durchwandert hätte.

52. Tour: Von Medelby nach Bögelhuus

Wenn ich mir in den Wochen, Monaten und Jahren zuvor meine Ankunft an der Dänischen Grenze imaginiert habe, schien dort immer die Sonne. Nie habe ich an die Möglichkeit gedacht, dass es ja auch regnen könnte an diesem denkwürdigen, für mich so besonderen Tag. Tja, und dann tritt genau das ein. Schon in der Nacht und morgens hat es kräftig geregnet. Als ich dann von Medelby aufbreche, kommt sogar kurz die Sonne heraus, aber schon sehr bald beginnt es wieder heftig zu regnen; so heftig, dass sich die Wege in Bäche verwandeln und es keine Möglichkeit mehr gibt, nicht durch Wasser zu waten; so heftig, dass ich selbst durch die Regenjacke nass werde, meine Karte und die Sachen in meinem Rucksack feucht werden und überall einfach nur noch Wasser ist.

Die Dänische Grenze

Das ist nun keineswegs das Finale, wie ich es mir vorgestellt habe, die feierlichen letzten Schritte werden überdeckt von einer Sehnsucht, nur noch ins Trockene zu kommen. Kurz vor dem Ziel, an der letzten Hauptverkehrsstraße, die parallel zur Grenze verläuft – und den poetischen Namen „Betonstraße“ trägt – hat das Wetter zum Glück doch noch ein Einsehen und es hört auf zu regnen. Bin ich insgesamt sehr aufgeräumt angesichts des bevorstehenden „Ereignisses“, so überkommt mich nun doch kurzzeitig Nervosität. Ich biege in eine kleine Nebenstraße Richtung Grenzübergang Bögelhuus ein und als ich kurze Zeit später um eine Kurve komme, steht da – hinter einer Brücke über einen Bach, der die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark bezeichnet – ein großes blaues Schild mit allerlei Verkehrshinweisen, vor allem aber den Lettern „DANMARK“. Es ist geschafft!

Nachdem ich mich an der doch recht unscheinbaren Grenze umgesehen habe – außer dem Schild weist nur noch ein kleines, verfallenes Häuschen darauf hin, dass sich hier wohl einmal ein Grenzübergang befunden hat – wandere ich noch ein kleines Stück nach Dänemark hinein, bis zur nächsten Straßenkreuzung. Aber alles sieht – wie überraschend! – genauso aus wie ein paar Meter weiter südlich in Deutschland. Ohnehin sind nur ein paar verstreute Höfe zu sehen, ansonsten ist die Gegend menschenleer.

Endlich am Ziel

Bald mache ich mich wieder auf, den Weg zurück nach Weesby, um dort den Bus nach Flensburg zu erreichen, das ich mir vor meiner Heimreise noch ansehen will (was sich übrigens überaus lohnt!). Erst als ich schon wieder ein gutes Stück Richtung Süden gewandert bin, realisiere ich endlich, was eben passiert ist. Erst jetzt kommt ein Glücksgefühl in mir hoch, verspüre ich eine Art Triumph und sage laut vor mich hin: „Du hast es geschafft! Du bist einmal durch ganz Deutschland gewandert!“ Wieder muss ich zurückdenken an den Abend im Jahr 2010, als ich die Idee erstmals entwickelte. Damals konnte ich es mir nicht vorstellen, dieses Ziel wirklich zu erreichen, als ich es auf der Landkarte betrachtete. Und jetzt war ich eben wirklich dort gestanden; dort, wo Deutschland aufhört und Dänemark anfängt.

Mein Weg durch Deutschland

Insgesamt ist es aber doch ein sehr leiser Triumph. Ich habe mir immer gedacht, dass ich mich intensiver freuen würde. Irgendwie nehme ich die Tatsache schon fast als selbstverständlich hin. Das mag wohl damit zu tun haben, dass seit der Etappe davor fast ein ganzes Jahr vergangen ist und damit der „Gesamtzusammenhang“ etwas fehlt (wieder kommt da der Gedanke auf, wie viel intensiver es doch sein muss, eine solche Wanderung am Stück absolvieren zu können). Auch das Wetter ist mit dem Regen, dem kalten Wind und den dunklen Wolken keine gute Kulisse, um an Ort und Stelle eine ausgelassene Feier zu beginnen. Und schließlich ist der Zielort doch sehr unscheinbar. Als ich im Jahr zuvor in Hamburg ankam, hat es mich wesentlich intensiver gepackt – eine Ankunft an den Landungsbrücken und am Michel ist eben doch um einiges beeindruckender und trägt mehr Symbolkraft in sich als ein Verkehrsschild in einer kleinen Nebenstraße im Nirgendwo.

Doch trotz allem ist die Mission erst jetzt voll erfüllt und kann ich erst jetzt mit Fug und Recht behaupten, einmal zu Fuß durch Deutschland gegangen zu sein, von Süd nach Nord, von der Österreichischen bis zur Dänischen Grenze!